Rot-weiß-rote Fahne

23. Oktober 2009, 16:36
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"Kennst du das, wo der Qualtinger ein Viertel bestellt und der Kellner fragt: 'Rot oder weiß?'" Der Deutsche Dirk Stermann über Österreich als weinselige Nation

Die Wiener Todessehnsucht ist oft nur ein Kater. In Wien gelten Wein und Bier nicht als Alkohol. Ist man nicht schwer betrunken, sondern ahnt noch, wohin man torkelt, spricht man verächtlich vom "Damenspitz" . In Deutschland sind es oft Hartz-IV-Empfänger, die man an der Fahne erkennt, in Wien sind es Werber und Theaterdirektoren, Fernsehleute und Bildhauer. Das Begrüßungsviertel kommt vorm Fluchtachterl, das zum Fluchtviertel wird, mit dem man den weiteren Abend begrüßt.

"Jeder deutsche Kartoffelsalat macht seine Sache im Ausland besser als du" , hörte ich. Natürlich sprach er die Worte nicht so klar aus, wie sie hier stehen. Er verschlierte und verspuckte sie hustend, sie wurden gebildet aus bitterer Magensäure und Tabakresten, Teile einer eitrigen Wurst klebten an seinen Mundwinkeln, und ich wusste, heißa, ihm geht's gut. Er umarmte einen dicken Baum, sein Gemächt hing aus seiner heruntergelassenen Hose traurig heraus, als hätte es noch nie bessere Zeiten gesehen. "Ich bin ein Wiener Schwanz, und das ist mein Alltag. Ich reib mich an Borken, schlag mich tot, aber so bin ich." "Du Würstel aus Nordrhein-Westbochum." Dann tropfte eine Zeitlang Holunderschnaps aus seinem Mund. Er fiel ins Gras neben der Linde und griff mit beiden Händen schwächelnd in Hundescheiße. Er begann zu weinen. Ich half ihm auf, und schimpfend ließ er sich stützen. "Du deitsche Schastrommel, leckmern Oasch, du gschissenes ..." Er stockte. Wir sahen uns an.

"Weh" , schlug ich vor. Und er blieb stehen und küsste mich sabbernd ins Haar. Seine Brille saß schief auf seinen glasigen Augen, aus seinem Mantel guckte eine Ausgabe des aktuellen Datum, für die er gratis ein mehrseitiges Interview mit einem Maler geführt hatte. Das Interview hatte eigentlich nicht stattgefunden, weil der Maler nicht gekommen war. Er war in einem Stadtheurigen pickengeblieben, seit 36 Stunden hatte er dort mit zwei Journalisten schweigend getrunken. Aber er hatte eine SMS geschrieben: "Komme nicht. Führ Interview mit mir allein, du Sack. Schreib was du willst, bin schon gespannt, was ich sag. Huren!"

"Wer partout keinen Alkohol trinkt, hat auch ein Alkoholproblem", erklärte er mir. Die Zeitschrift fiel ihm aus der Tasche, in einen frischen, weichen, duftenden Hundehaufen. "Kennst du das, wo Qualtinger ein Viertel bestellt und der Kellner fragt: ‚Rot oder weiß?‘ Und der Qualtinger sagt: Hams schon mal einen roten Slibowitz gesehen? Ich schon. Ich hab schon roten Schnaps getrunken. Am ersten Mai, auf der Jesuitenwiese. Da war ich so im Öl, man hätt ein Schnitzel in mir ausbacken können."

Ich fragte mich oft, ob er noch Blut im Alkohol hatte. Nachdem ich vier Vranac und drei Plavac getrunken hatte und ein Mineral bestellte, sah er mich an, wie man aus dem Schützengraben heraus den Feind ansieht. Um im Kriegsjargon zu bleiben, der Deutschen angeboren ist. "Wasser?" "Ja, gutes Wiener Hochquellwasser." "Meine Nachbarin hat Wasser in den Beinen. Magst sie auszuzeln?" Er schüttete saure Wurst in sein Bierglas und warf Gurken hinterher. Ich kannte diese Prozedur. Ein Krügerl sind sechs Semmeln, würde er gleich sagen, aber als ich ihm einmal Butter und Marmelade ins Glas schmiss, wurde er wütend und brüllte mich an als Marmeladinger, ob ich sein Bier vergasen wolle, weil, das könnten wir ja so gut, das wär ja so ureigenurtypisch deutsch. "Ich glaube nicht, dass die Nazis Marmelade ins Bier geschmissen haben", sagte ich, und ich wusste, dass er wusste, dass ich Geschichte fast fertig studiert habe. In Wien gilt man, wenn man fast fertig studiert hat, als Akademiker, wenn man fertig studiert hat als Professor.

"Präpotente Sau", rief er und stand auf. Er stellte sich an die Bar neben einen Filmemacher, der seit einer halben Stunde versuchte, sich eine Olive in den Mund zu stecken. Die beiden sahen sich an, und der Filmemacher und mein Freund wussten, dass die Olive niemals den Mund erreichen würde. Um uns herum aßen die Menschen Gulasch, manche tranken dazu altes Speiseöl, beides, um eine Grundlage zu haben, um viel trinken zu können. Null Koma Josef, rief jemand. Ein Lyriker, der seinen Panzer der Schüchternheit flüssig durchbrechen konnte und lautstark seine Lieblingswürstlstände rausbrüllte: Erstens der warme Hans in Linz, zweitens die Ragoutsauce am Jakominiplatz in Graz, drittens der Nachstand in Innsbruck auf der Maria-Theresien-Straße."

Er kam aus den Bundesländern und hielt deshalb die Provinzfahne auch bei Würsten hoch. Betrunkene Frauen ab 40 waren willkommen, aber erfüllten die Freakrolle. Sie waren deutlich in der Minderheit. "Ich trinke, weil ich früher immer dachte, es heißt Leber-Zierrose, das klang hübsch." Sie war Journalistin, trank einen Gspritzten, aber, obwohl es Sommer war, einen Tiefer-Winter-Gspritzten. Ohne Wasser. "Manchmal glaube ich, mit 40 bist du als Frau nachts im Winter deines Lebens. Kurz vorm Bleigießen. Silvester, die Pummerin läutet bereits. Tief verschneite, kalte Glieder. Glaubst du ans Passivtrinken?" "Nein" , sagte ich und tat, als röche ich ihre rot-weiß-rote Fahne nicht, denn sie gehörte zu der seltenen Spezies derer, die ständig wechselten zwischen rotem und weißem Wein.

Plopp, plopp, plopp

"Mein Vater hatte neben dem Bett immer einen Doppler Veltliner stehen, für den Fall, dass er nachts Durst bekam", sagte sie. Ich wusste, ihr Vater war ein ranghoher Sozialdemokrat aus dem Burgenland. Ein Kabarettist torkelte an uns vorbei, blieb am Rahmen der Toilette hängen und sank lächelnd zu Boden, wo er die Augen schloss und hoffentlich im Traum daran dachte, noch nicht die Toilette erreicht zu haben. In einer Zeitung hatte ich gerade gelesen, dass er mit dem Trinken aufgehört hätte. "Hat er auch" , sagte mein Freund. "Hat aber wieder angefangen." "Aber die Zeitung ist von heute. Ich hab's eben gelesen. Er hat aufgehört, steht da. Wenn ich ihn da so liegen seh, hab ich das Gefühl, die Zeitung lügt."

"Kein Mensch hat jemals behauptet, dass etwas Wahres in der Zeitung steht. Wenn du die Wahrheit wissen willst, darfst du nicht Zeitung lesen. Du bist wirklich ein Wassertrinker, darf ich dir reinen Wein einschenken? Ein Viertel Plavac für unseren nüchternen Evangelen!" "In der Zeitung steht, er würde eine Entziehungskur machen", sagte ich. "Du bist Spiegelleser, wir sind Spiegeltrinker. Grüß Gott, Herr Kompott, der Gute hat schon so viele Kuren gemacht, wir nennen ihn den Herrn Kurator." Plötzlich begann er zu weinen. Er schluchzte und dicke österreichische Männertränen fielen in sein Glas. Plopp. Plopp. Plopp.

Er weinte, weil's ihm gutging, das wusste ich. Alles war in bester Ordnung. Es war unerträglich. Er trank, um das Glück zu vergessen, er trank sich hässlich und die Welt, weil sein Kopf ihm sagte, dass alles gschissen sein muss, und wenn nur die Verdauung ein einziges Mal funktionierte und Gott ihn einen guten Mann sein ließ, wurde die Verzweiflung himmelhoch. "Der Weg ist das Ziel, aber der Rausch ist der Rausch, verstehst du?" Rhetorisch wie die Frage trank er auch. "Während du mich fragst, ob das Glas halbvoll ist oder halbleer, hab ich's schon ausgetrunken!"

Plötzlich stand ein Kolumnist da. Mirna hatte ihm ein kleines Gulasch mit Gurken in die Hand gedrückt. Er schwankte, und braune Gulaschsauce fiel auf seine Hose. Sein Schritt hatte einen großen brauen Fleck.

Mein Freund lachte. "Als hättst aus dem Schwanz geschissen. So sieht das aus. Wusstet ihr, dass es Wildesel gibt, die mit dem Arsch atmen?" Der Kolumnist sah hilflos aus. Er sah immer hilflos aus, aber jetzt war es wirklich. Ich wischte ihm mit einer Serviette die Gulaschreste weg, so gut es ging. "Man sieht fast nichts", sagte ich aufmunternd. "Ich weiß", sagte er tief betroffen. "Ich habe ein Mikrobengemächt. Wie schmaler Zwirn. Ein trauriger Zwirn des Zorns, an dem ich hänge." Schwerfällig hob der Kolumnist den Teller zum Mund und schlürfte den Rest gierig auf. Links und rechts aus seinem Mund troff Sauce, doch diesmal half ich ihm nicht.

"Alkohol ist keine Lösung, aber kein Alkohol ist auch keine Lösung", skandierte Franz. "Hundertprozentig, ach, hochprozentig ist das so. Ich trink mir mich schön, dass ich überhaupt erst in den Spiegel sehen kann, understandable?" "Was hast du über den Maler geschrieben?", fragte ich, um die peinliche Saufphilosophie zu beenden. Er sah mich mit leerem Blick an und wischte sich die Tränen aus den Augen.

"Der nicht zum Interview gekommen ist." "Ich bin auch in den Stadtheurigen gefahren", murmelte er. "Der Kann-mich-Maler." Säuft wie ein Kind. Mit Strohhalm. Wodka mit Hut. Ich hab ihm gesagt, dass er so beschissene Bilder malt, weil Wodka blind macht."

Die Journalistin kam mit zerzausten Haaren an unseren Tisch. "Findet ihr, dass ich eine versoffene Funzn bin?" "Ja" , sagte meine charmante Begleitung. Die Journalistin nickte wehmütig, rülpste laut in den Raum und verließ das Lokal, einen schmalbrüstigen Schauspielschüler an der Hand.

"Weißt du, was das Problem ist? Auf uns liegt zu viel Last. Wir wenigen tragen die Last eines ganzen Landes auf den Schultern. Ihr gschissenen Deutschen seid 80 Millionen und habt eine Kanzlerin, Theater, Zeitungen, Fernsehen, Hitparaden, Fleischhauer, Bäcker, und wir sind nur acht Millionen und müssen auch Kanzler haben und Maler und Theater und Musik und Lebensmittel und Tschickverkäufer, verstehst du? Zi-ga-rettenverkäufer. Obwohl wir so wenige sind. Wie soll man das aushalten? Von mir gibt's in Deutschland zehn, und ich muss hier alles alleine machen. Auch bestellen, weil du gschissenes Arschloch Wasser schlürfst wie ein krankes deutsches Pferd, du Holsteiner. Einen Pferdeleberkäs und einmal striegeln für meinen norddeutschen Freund hier!"

Zwei Stunden später verließen auch wir das "Anzengruber" , weil es seit mehr als einer Stunde geschlossen hatte. Der vom Alkohol losgekommene Kabarettist ließ sich nicht wecken und wurde vorm Klo liegen gelassen, aber mit einer weißen Tischdecke zugedeckt, auf der herrlich riechende Gulaschflecken waren. Im Park vor dem Kochklub lag die Journalistin mit noch zerzausteren Haaren als zuvor auf der Parkbank vorm Gebüsch. Neben ihr eine leere Zigarettenschachtel. Ich schrieb ihr auf die weiße Pappe: "Ich find dich ganz cool für eine versoffene Funzn." Ich weckte sie und sie sah mich an, als käme ich von einem anderen Stern. Dabei komm ich nur aus Deutschland. Ich sah mich um. Die Linde hatte einen Liebhaber gefunden.

"Jeder deutsche Kartoffelsalat macht seine Sache im Ausland besser als du" , hörte ich und nickte. (ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 24./25./26.10.2009)

Vorabdruck aus: Eva Steffen (Hg.), "Wir sind gekommen, um zu bleiben. Deutsche in Österreich" , Czernin 2009, € 15,90 / 168 Seiten. Das Buch erscheint am 27. Oktober 2009.

Zur Person
Dirk Stermann, 1965 in Duisburg geboren, seit 1987 in Wien, Kabarettist, Radiomoderator und Autor. Arbeitet seit 1988 für den ORF und ist seit 1990 eine Hälfte des TV-Duos Stermann und Grissemann. Wenn er tot ist, möchte er am Rhein begraben werden.

  • In Wien ist Wein kein Alkohol.
    foto: photodisc

    In Wien ist Wein kein Alkohol.

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