Magermodels dicker machen

26. Oktober 2009, 17:00
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Zu dünn? Warum Stephan Hilpold für den Einsatz von Fotoshop ist

Eine französische Abgeordnete machte unlängst einen interessanten Vorschlag. Nachbearbeitete Fotos in Hochglanzmagazinen möchte sie mit einem Warnhinweis versehen lassen, dass es sich hierbei um ein Foto handle, das "retuschiert wurde, um das körperliche Erscheinungsbild einer Person zu verändern." Bekämpft werden solle damit die nachträgliche "Verschlankung" von Models. Das ist eine ehrenwerte Angelegenheit. Sie geht allerdings an der Sachlage vorbei.

Viele Magazine lassen die Pfunde an den Models nämlich nicht verschwinden, sondern schwindeln sie nachträglich dazu. Knochige Schulterblätter, spitze Ellbogen oder extrem dünne Oberschenkel gehören auch heute nicht zum allgemeinen Schönheitsideal. Im Gegenteil. Eine durch die Medien geisternde Anzeige von Ralph Lauren zeigte in den vergangenen Wochen, welche Flut der Empörung die Darstellung eines zu dünnen Models provozieren kann. Für eine Anzeige hatte das amerikanische Modehaus eines ihrer Models zur grotesken Bohnenstange gemacht. Per Fotoshop ist das kein Problem.

Die Reaktionen waren genauso heftig wie der Eingriff in die Silhouette des Models. Sie zeigten, wie limitiert die Toleranz mit den krankhaften Körpervorstellungen vieler Modemacher inzwischen ist. Das hat mit den zusehens knochiger werdenden Models und der immer breiter werdenen Magermodel-Debatte zu tun. Die gereizte Stimmung ihrer Leserschaft haben zuletzt auch viele Medienmacher bemerkt. Ihre Reaktion besteht darin, vermehrt mit Menschen von der Straße, also nicht mehr mit Models zu arbeiten.

Diese passen allerdings in die Kreationen der Modedesigner, die den Medien für Fotoaufnahmen nur in einer bestimmten Mustergröße zur Verfügung gestellt werden, meist nicht hinein. Für Zeitschriften wie Brigitte oder Madonna, die "Leserinnen statt Models"-Aktionen ausgerufen haben, ist das ein kleineres Problem. Sie zogen schon immer P&C den holländischen Designern Viktor & Rolf vor. Ordert man die Kleider auf der Mariahilferstraße kriegt man auch eine 42.

Magazine, die Designermode zeigen, greifen dagegen zunehmend zu Fotoshop. In einem offenen Brief, den die Chefredakteurin der britischen Vogue im Juni an große Modehäuser schrieb, beschwerte sie sich, dass die Kleidergrößen der Kollektionen immer kleiner würden. "Zudem muss ich die Fotografen fragen, die Bilder im Nachhinein zu bearbeiten, damit die Models ein bisschen mehr Fleisch auf die Knochen bekommen." Auch uns im Standard ist diese zugegebenermaßen groteske Praxis nicht fremd.

Solange die Modelagenturen keine anderen Mädchen engagieren und die Designer nicht anders schneidern, bleibt einem keine andere Wahl. Vielleicht hilft in der Tat der vorgeschriebene Hinweis einer nachträglichen Retusche. Allerdings sollte er präzise sein: "Dieses Model musste dicker gemacht werden, um kein allgemeines Ärgernis hervorzurufen." Vielleicht überlegen es sich dann auch die Designer und Agenturen anders. Wenn wir und die Models Glück haben.(hil/derStandard.at, 26.10.2009)

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    foto: luca bruno
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