"Ich hoffe, dass die Studenten ihr Ziel erreichen"

24. Oktober 2009, 10:55
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Die Unibesetzung trifft beim Unipersonal auf Verständnis. Aber Zeit, Ort, Forderungen und Maßnahmen der Besetzer werden hinterfragt.

Abseits vom Audimax scheint es auf der Hauptuni relativ ruhig, nur die Baustelle im Innenhof sorgt für etwas Lärm. In manchen Gängen ist die vergangene Nacht zu riechen und zu sehen. Auf dem Weg zum Germanistikinstitut liegt eine Pinnwand am Boden, sie ist zur Hälfte verkohlt. Um die Ecke muss sie gehangen haben, schwarze Flecken und der Umriss an der Wand deuten darauf hin.

Angst um den Job und vor Drohbriefen

Die Beschädigungen sorgen beim Sicherheitspersonal für Unmut: "Für die Besetzung hab ich kein Verständnis. Ich habe viele Freundinnen, die sind zwischen 20 und 25 und studieren und arbeiten gleichzeitig. Auch von den Studenten hier hab ich heute mehr Beschwerden als Zustimmung zu diesem Chaos gehört." Mit dem Chaos meine sie beschmierte Skulpturen unter Denkmalschutz, Klebeband, das Lack von alten Türen reiße, und Kleister auf den Fassaden." Das ist Zerstörung fremden Eigentums." Mit Demonstrationen habe sie kein Problem, jedoch müssen diese in einem gewissen Rahmen verlaufen. Ihren Namen will sie weder gedruckt noch im Internet lesen und betont, dass es sich rein um ihre Privatmeinung handle. Bei der Fortsetzung ihrer Patrouille raunt sie der Kollegin zu: "Sonst bekomm ich noch Drohbriefe!"

Die Dame vom Sicherheitspersonal hat noch einen Rat: "Fragen sie nur mal die Putzfrauen, was sie von der Besetzung halten!" Im Gang vor dem Audimax ist eine Frau mit einem großen, gefüllten Müllsack. "Natürlich hab ich durch die Besetzung mehr Arbeit, aber ich werde ja auch dafür bezahlt", sagt sie und hebt einen Büschel Flyer auf, der am Boden herumliegt. "Ich hab vollstes Verständnis für die Studenten, jeder hat seine Rechte, dafür muss man kämpfen. Ich hoffe, dass sie ihr Ziel erreichen." Auch sie will ihren Namen nicht sagen. "Glauben Sie, ich will noch bevor die Besetzung vorbei ist, meinen Job verlieren?"

Falscher Ort, falsche Zeit

Zurück beim Empfang in der Aula. Hier darf das Personal keinen Kommentar zur Besetzung abgeben: "Befehl von oben!" Der höchste Vertreter der Universität, Rektor Georg Winckler, ist gerade auf dem Weg ins Rektorat. Er gibt gerne Auskunft: "Prinzipiell hab ich Verständnis für die Besetzung. Es gibt zum Teil berechtigte Anliegen die Universitätspolitik betreffend, aber die Studenten stellen zum Teil irreale Forderungen, wie Abschaffung von Prüfungen. Im Leben gibt es nun mal Hard-Facts und dazu gehören Prüfungen." Winckler glaubt auch, dass die Studenten hier am falschen Ort protestieren. "Hier stören sie den Studienbetrieb, wir brauchen das Audimax. Zudem erreichen sie hier nicht die politischen Verantwortlichen. Natürlich ist es leicht hier zu protestieren, aber beim Minoritenplatz wären sie besser aufgehoben." Er geht die Stiege hinauf. "Oder noch besser beim Parlament!", ruft er und verschwindet hinter der Tür. (Anmerkung: Inzwischen gab es eine Demonstration zum Parlament)

Korbinian, selber Student, arbeitet gerade beim Abbau einer Veranstaltung und schiebt einen Sackkarren durch die Gänge. Auch er hat kann der Besetzung etwas abgewinnen, glaubt aber, dass der Zeitpunkt falsch ist: "Angeblich hätten Prüfungen stattfinden sollen, das ist nicht okay, wenn die gestört werden."

"Solidarisierung wird sich so nicht spielen"

Monika Lehner steht vor dem Hörsaal 45. Sie wartet bis sie mit ihrer Vorlesung beginnen kann. Die Besetzung erinnere sie an ihre Studienzeit, sagt sie. Mit den Studierenden will sich die Lektorin am Institut für Ostasiatenwissenschaften aber nicht uneingeschränkt solidarisieren. "Solidarisieren, das wäre zuviel gesagt, aber die prekären Bedingungen hier betreffen uns alle. Glauben Sie, es ist angenehm bei einer Vorlesung, bei der es 400 Plätze gibt, plötzlich vor 900 Studenten zu stehen?"

Das Besondere daran sei, dass es nicht nur die riesigen Studienrichtungen betreffe, sondern auch die kleinen, deshalb habe sie Verständnis für die Proteste. Dass sich angesichts der Probleme die Professoren mit den Studenten solidarisieren und gemeinsame Forderungen stellen oder demonstrieren werden, daran glaubt sie nicht. "Das wird sich so auf dieser Universität nicht spielen. Hier ist jeder zu sehr auf die eigenen Belange konzentriert."

"Unzumutbare Zustände"

Es ist kurz nach elf. Andreas Schwarcz irrt durch die Baustelle im Innenhof der Universität, auf der Suche nach dem Hörsaal USI 2, einer ehemaligen Turnhalle. "Studentenproteste kommen periodisch vor, das ist nichts außergewöhnliches" sagt der Geschichtsprofessor. "Aber angesichts der Explosion der Studierendenzahlen und den fehlenden politischen Lösungen dazu, braucht es Konsequenzen. Das sind unzumutbare Zustände, Sie sehen ja wo ich unterrichten muss." (Michael Kremmel, derStandard.at, 24.10.2009)

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