Stundenreduktion: Kürzungen bei Latein, Physik, Geografie

31. März 2003, 14:33
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Verordnung zur Begutachtung ausgesendet - 117 Million Euro Einsparungsziel pro Jahr - Mit Infografik

Wien - Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V) hat heute, Montag, den Verordnungsentwurf für die umstrittene Reduktion von Schulstunden zur Begutachtung ausgesendet. Wie angekündigt wird die Zahl der Pflichtwochenstunden - jeweils über vier Jahre gerechnet - in der Volksschule von 92 auf 90, in der Hauptschule von 127 auf 120, in der AHS-Unterstufe von 126 auf 120 und in der AHS-Oberstufe von 138 auf 130 gesenkt. Nicht betroffen von der Kürzung ist das Fach Leibesübungen. Reduktionen gibt es vor allem bei Geografie, Physik, Biologie, Latein sowie den Wahlpflichtfächern in der AHS-Oberstufe.

Die einzelnen Schulen können selbst entscheiden, ob sie eine vom Ministerium vorgegebene, sogenannte subsidiäre Stundentafel verwenden, oder Schwerpunkte in bestimmten Fächern setzen und dafür auf autonome Stundentafeln mit Bandbreiten und verpflichtenden Mindeststundenzahlen zurückgreifen. Für die berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMHS) gibt es keine vorgegebenen Stundentafeln, sie müssen die Stundenkürzung im Ausmaß von zwei Wochenstunden pro Klasse (bei HTL z.B. bedeutet das eine Reduktion der gesamten Wochenstunden von 195 auf 185) in den Schulgemeinschaftsausschüssen festlegen. Gelingt ihnen das nicht, entscheidet der jeweilige Landesschulrat.

Dass mit der Stundenreduktion - mit Ausnahme der Pflichtschullehrer - Auswirkungen auf die Lehrer-Beschäftigung verbunden sind, wird im Vorblatt des Entwurfs bestätigt. Es werde sich "die Zahl der Mehrdienstleistungen und Nachbesetzungen im Lehrerbereich verringern". Dies bewirkt eine Reduzierung der Kosten von insgesamt 117 Mio. Euro jährlich, heißt es in dem Verordnungsentwurf.

HTL-Absolventen "sparen" über 100 Schultage

Die von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V) geplante Reduktion der Schulstunden hat für die Jugendlichen - über die gesamte Schullaufbahn gerechnet - einen deutlich spürbaren Effekt. So ersparen sich, wie Berechnungen der APA ergeben, HTL-Abgänger von der Volksschule bis zur Matura mehr als 100 Schultage, AHS-Maturanten etwas weniger als 100 Schultage und Absolventen einer Handelsschule immerhin noch rund 90 Schultage. Dies ergibt ein Vergleich der verpflichtenden Wochenstunden vor und nach der Stundenreduktion.

In den 13 Jahren ihrer Schulkarriere ersparen sich jene Schüler, die eine Volksschule, die AHS-Unterstufe und anschließend eine HTL durchlaufen insgesamt 18 Wochenstunden: zwei in der Volksschule, sechs in der AHS-Unterstufe und zehn in der HTL. Unter der Annahme eines Unterrichtsjahres, das 36 Wochen umfasst (neun Wochen Sommerferien, zwei Wochen Weihnachtsferien, je eine Semester- und Osterwoche sowie zwei von Feiertagen gefüllte Wochen plus eine Woche mit schulautonomen Tagen sind vom Gesamtjahr abgezogen, Anm.), ergibt sich damit eine "Ersparnis" von 648 Schulstunden in der gesamten Schullaufbahn - das sind bei einer durchschnittlichen Belastung von sechs Unterrichtsstunden pro Tag immerhin 108 Schultage.

Etwas geringer die "Ersparnis" jener Schüler, die nach der Volksschule alle acht Klassen eines Gymnasiums absolvieren: Sie müssen rund 576 Schulstunden weniger absitzen und gehen damit hochgerechnet rund 96 Tage weniger in die Schule als bisher. Immerhin noch 540 Schulstunden oder hochgerechnet 90 Schultage gewinnen die Schüler, die Volksschule, Hauptschule und daran anschließend eine dreijährige Handelsschule durchlaufen.

Die Fächerreduktion im Detail

In der Volksschule wird die Zahl der Pflichtwochenstunden über vier Jahre von 92 auf 90 reduziert. Gab es bisher in der 3. und 4. Klasse je eine Wochenstunde Englisch, werden diese nun nicht gesondert angeboten, sondern in den "normalen" Unterricht integriert, "wie sich das schon in der 1. und 2. Klasse bewährt hat", heißt es seitens des Bildungsministeriums. Autonom könnten Schulen Englisch allerdings weiterhin als Fach anbieten.

In der Hauptschule verringert sich die Zahl der Pflichtwochenstunden über vier Jahre von 127 auf 120. Folgende Fächer verlieren jeweils eine Wochenstunde in den vier Jahren: Geografie (bisher acht Wochenstunden), Physik (bisher sechs), Biologie (bisher acht), Musik (bisher sieben), Bildnerische Erziehung (bisher acht), Ernährung und Haushalt (bisher drei). Jeweils eine halbe Wochenstunde verlieren Technisches bzw. Textiles Werken (bisher 7,5) und Geometrisch Zeichnen (bisher 2,5). Das bedeutet also z.B. für Geografie, dass es in der gesamten Hauptschule künftig nur mehr sieben Wochenstunden gibt.

In der Unterstufe der allgemeinbildenden höheren Schulen (AHS) verringert sich die Zahl der Pflichtwochenstunden von 126 auf 120. Je nach AHS-Zweig hat das in der subsidiären Stundentafel unterschiedliche Auswirkungen auf die einzelnen Fächer. Im Gymnasium verliert Latein über die vier Jahre gerechnet zwei Wochenstunden (bisher neun), jeweils eine Wochenstunde wird in Deutsch (bisher 17), Geografie (bisher acht), Physik (bisher sechs) und Biologie (bisher acht) reduziert. Im Realgymnasium umfasst die Kürzung um jeweils eine Wochenstunde die Fächer Deutsch (bisher 17), Mathematik (bisher 16), Geografie (bisher 8), Physik (bisher sechs), Geometrisch Zeichnen (bisher drei) und Biologie (bisher acht). Im Wirtschaftskundlichen Realgymnasium wird jeweils eine Wochenstunde in Deutsch (bisher 17), Geografie (bisher acht), Physik (bisher sechs), Biologie (bisher acht), Musik (bisher acht) und Textiles bzw. Technisches Werken (bisher zehn) gestrichen.

In der AHS-Oberstufe wird die Zahl der Pflichtwochenstunden von 138 auf 130 reduziert. Im Gymnasium wird dies erreicht durch die Kürzung jeweils einer Wochenstunde in Latein (bisher 13), Griechisch bzw. zweite lebende Fremdsprache (bisher 13), Geschichte (bisher acht), Physik (bisher sieben), Bildnerische Erziehung bzw. Musik (bisher acht) und Geografie (bisher acht). Von den bisher acht Wochenstunden in Wahlpflichtfächern werden zwei gestrichen. Im Realgymnasium fallen jeweils eine Wochenstunde in Latein bzw. zweite lebende Fremdsprache (bisher 13), Geschichte (bisher acht), Physik (bisher neun), Bildnerische Erziehung bzw. Musik (bisher acht), Geografie (bisher acht) und Mathematik (bisher 15) weg. Die insgesamt bisher zehn Wochenstunden Wahlpflichtfächer werden um zwei Stunden reduziert. Im Wirtschaftskundlichen Realgymnasium soll jeweils eine Wochenstunde in Latein bzw. zweite lebende Fremdsprache (bisher 13), Geschichte (bisher acht), Physik (bisher sieben), Psychologie bzw. Philosophie (bisher sechs), Bildnerische Erziehung bzw. Musik (bisher acht) und Geografie (bisher zehn) wegfallen. Die bisherige Gesamtzahl der Wahlpflichtfächer reduziert sich um zwei auf nunmehr zehn Wochenstunden.

Reduktionen gibt es auch an den Polytechnischen Schulen, deren Pflichtstunden von 34 auf 32 reduziert werden. Erreicht wird dies durch Kürzungen von jeweils einer Wochenstunde in den Gegenständen "Naturkunde" und "Buchführung bzw. Textverarbeitung im Fachbereich".

Ab Herbst 2003 gültig

Die mehr als 100-seitige "Wochenstundenentlastungs- und Rechtsbereinigungsverordnung 2003" ist bis 25. April in Begutachtung. Sie soll vor dem Sommer erlassen werden und mit Beginn des Schuljahres 2003/04 im Herbst gelten. Als Ziel der Verordnung werden im Vorblatt die "Entlastung der Schülerinnen und Schüler und gleichzeitig Eindämmung der Kostensteigerungen im Personalaufwand" genannt.

Durch eine verpflichtende Mindeststundenzahl für jedes Fach bleibe "wie bisher eine ausgewogene Allgemeinbildung gesichert", betont man im Bildungsministerium. Über diese Grundstundentafel hinaus können schulautonom Schwerpunkte gesetzt werden. Wie dies funktionieren könnte, zeigt das Ressort am Beispiel der Hauptschule:

Die Unterrichtszeit in vier Jahren wird an der Hauptschule von 127 auf 120 Wochenstunden reduziert. Wie bisher ist eine verpflichtende Mindeststundenzahl vorgegeben, diese beträgt für die Hauptschule 110,5 Stunden. So dürfen zum Beispiel nicht weniger als 15 Wochenstunden Deutsch, 14 Wochenstunden Mathematik, sechs Wochenstunden Musikerziehung und zwölf Wochenstunden Leibesübungen angeboten werden. Mit den verbleibenden 9,5 Wochenstunden (Differenz auf 120 Wochenstunden, Anm.) können die Schulpartner schulautonom Schwerpunkte setzen.

Diese Möglichkeit der Schwerpunktsetzung wird etwa in Wien von fast allen Hauptschulen genutzt. Wird dies an einer Schule nicht gewünscht, erfolgt der Unterricht nach einer vom Ministerium vorgegebenen Stundentafel.

Die schulautonomen Stundentafeln und die Expertenentwürfe für die Subsidiärstundentafeln sind auf der Homepage des Bildungsministeriums http://www.bmbwk.gv.at einzusehen. (APA)

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