Dienen in des Kaisers Rock

2. April 2003, 11:48
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Eine Historikerin untersucht die Entstehung und Akzeptanz der allgemeinen Wehrpflicht in Österreich

Berufsarmee oder ein für alle Männer verpflichtender Grundwehrdienst, sechs Monate oder doch ein Jahr? Die aktuelle politische und gesellschaftliche Diskussion um die Zukunft des österreichischen Bundesheers weckte in der Geschichtswissenschafterin Christa Hämmerle die Neugierde nach den Wurzeln der allgemeinen Wehrpflicht. Unterstützt vom Wissenschaftsfonds arbeitete sie sich durch militärstatistische Jahrbücher, Archive, Gerichtsakten und autobiografische Aufzeichnungen, um die Geschichte der Wehrpflicht von 1868 bis zum Ersten Weltkrieg aus einer Perspektive jenseits von Sissi-Kitsch und Offiziersromantik zu schreiben: aus der Wahrnehmung der einfachen Soldaten und ihrer Familien.

"Die Wehrpflicht ist eine allgemeine und muss von jedem wehrfähigen Staatsbürger persönlich erfüllt werden." Der erste Paragraf des im Dezember 1868 beschlossenen Wehrgesetzes schaffte die bis dahin mögliche "Enthebung vom Militär durch Entsendung eines Stellvertreters" und die Zahlung einer "Militärbefreiungstaxe" endgültig ab. Trotzdem mussten aber bei weitem nicht alle jungen Männer zum Heer einrücken, erklärt Christa Hämmerle und zeigt sich von den Ergebnissen ihrer Recherche überrascht: "1870 wurden nur 21,1 Prozent der Stellungspflichtigen für tauglich befunden, bis 1880 fiel der Anteil sogar auf nur 13 Prozent." Erst als 1889 ein neues Wehrgesetz festlegte, dass Mindertaugliche zukünftig in die Ersatzreserve eingereiht wurden, stieg der Prozentsatz bis 1910 auf 22,4 an.

Gesellschaftlich wurde die allgemeine Wehrpflicht unterschiedlich wahrgenommen: In Galizien etwa war die Ablehnung gegen alles, was von Wien verordnet wurde, groß. Entsprechend erfinderisch zeigten sich die Menschen in ihren Strategien, die Einziehung zum Heer zu vermeiden, schildert die Historikerin: "Stellungspflichtige durften nicht heiraten, ein Verstoß gegen dieses Verbot sollte bestraft werden. Als nun die jüdischen Männer in Galizien bei ihrer Musterung angaben, nach mosaischem Recht bereits verheiratet zu sein, wurde in Wien angefragt, wie man damit umgehen soll. Daraufhin beschied die kaiserlich-königliche Verwaltung, dass diese Ehen ungültig seien, weil sich die Paare nicht nach bürgerlichem Recht in das zivile Register eintragen hatten lassen. Die Reaktion der Galizier: Dann ist auch die Ehe der Eltern ungültig, was bedeutet, dass die jungen Männer eine unverheiratete Mutter zu versorgen hätten - was wiederum ein Befreiungsgrund war."

Gleichzeitig eröffnete die Armee aber Menschen aus unteren sozialen Schichten eine berufliche Perspektive - sofern sie den Präsenzdienst heil überstanden, was nicht selbstverständlich war. Denn obwohl die Körperstrafe 1868 parallel zur Einführung der Wehrpflicht abgeschafft wurde, belegen zahlreiche Autobiografien und anonyme Schriften, dass Schikane und Drill auch danach weit verbreitete Mittel beim "Abrichten" - so lautete der gängige Begriff damals - der Rekruten blieben: Von Strafputzaktionen, "Wippen bis zum Umfallen oder Froschhüpfen, bei dem in tiefer Kniebeuge durchs Zimmer gehüpft und das Gewehr von der Brust vorgestoßen werden musste", berichtet etwa der spätere Unteroffizier und Gendarm Leo Schuster. Das traf vor allem jene jungen Männer, die "kein Geld zum Schmieren hatten", und führte mitunter zum Selbstmord.

Als eine "Mischung aus körperlichem Durchhaltevermögen und starken Nerven" beschreibt Christa Hämmerle jenes militarisierte Männlichkeitsideal, das sich über die Grenzen der Armee hinaus in der damaligen Gesellschaft etablierte. Die Frauenbewegung setzte sich kaum mit der allgemeinen Wehrpflicht auseinander, obwohl diese in der politischen Diskussion als "Blutsteuer" für das Wahlrecht gehandelt und damit der Ausschluss von Frauen begründet wurde.

Erst nachträglich idealisiert wurde laut Hämmerle die k. und k. Armee als Ort der Multikulturalität. Zwar hatte das österreichisch-ungarische Heer im europäischen Vergleich eine prekäre Rolle: Im Unterschied zu Deutschland und Frankreich sollte es nicht die Nation im Sinn einer Volksgemeinschaft stärken, sondern aufkeimende Nationalismen in gemischten Kompanien unter einen Hut bringen. Autobiografien erzählen aber schon lange vor 1914 von zahlreichen nationalistischen Konflikten unter Mannschaftssoldaten. Außerdem belegen Statistiken, dass 1910 schon 22,7 Prozent der stellungspflichtigen Männer nicht mehr zur Musterung erschienen, wobei in den Ländern der ungarischen Krone, in Dalmatien, Krain und Galizien die Ausfälle am größten waren.

Man darf gespannt sein, ob vielleicht auch zur aktuell diskutierten Kriseninterventionstruppe der EU, dem so genannten Eurocorps, eine "Geschichte von unten" heute unbekannte Details aus dem Blickwinkel der einfachen Soldaten enthüllen wird. (Elke Ziegler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29./30. 3. 2003)

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