"Es gibt etwas, das ist größer als du oder ich"

28. März 2003, 20:53
posten

In "Der Autogrammhändler" mixt Zadie Smith filmische und andere Glaubenssysteme Von Cornelia Niedermeier

Filmerinnerungen, Grundgesten: Im Wiener Kinosommer 1996 etwa verschmelzen zwei Filme im Gedächtnis zu einem, dem, Satz: "Es gibt etwas, das ist größer als du oder ich." Zwei Filme, die übrigens auf den ersten Blick wenig gemein hatten: Der erste, "Strange Days", eine so genannte Independent-Produktion der avantgardistischen US-Filmerin Kathryn Bigelow - der zweite, "Operation Broken Arrow", ein Mainstream-Action-Thriller von John Woo.

Beide Streifen aber schickten zwei moralisch eher mäßig erleuchtete Helden auf die Piste der (Un-)Tat, um, spät, ihr verschüttetes Gewissen auszugraben: dann nämlich, als das wirklich Erzböse drohte, große Teile einer amerikanischen Metropole in Schutt und Asche zu legen. Da war Schluss mit Privateskapismus, mit unseren kleinen egoistischen Schweinereien, da war Einsatz angemeldet fürs Gemeinwohl, und koste er viel, selbst das Leben. Denn, so eindringlich ihr Gegenüber: "Es gibt etwas, das ist größer als du oder ich."

Heute, da Soldaten durch irakische Wüsten stapfen, als hätte Spielberg sie inszeniert, vielleicht dieses Größere im Kopf, das offenbar klar definierte Böse vor den sandverkrusteten Augen, sind es diese Gesten, diese Stehsätze des kollektiven Unbewussten, die aus den Gefielden des cineastischen Gedächtnisses emporploppen, um wie eine Boje an der Oberfläche auf und ab zu hüpfen. In privateren Zeiten dürfen es kleinere Gesten sein, in denen sich ein Zeitalter materialisiert. Gestern die halb gesenkten Lider des Dietrichschen Blicks, heute John Travoltas profunde Entspanntheit, gerade und erst recht mit Bauch. Gestern Geheimnis, heute Lockerheit. Gestern Stil, heute Turnschuh.

Das einzigartige Original - so viel scheint jedenfalls festzustehen - flimmert zweidimensional. Wir sind die Billigklone aus dem Copyshop unserer Anschauung. - Im Spannungsfeld dieser diversen Realitäten und Originalitäten wurzeln die Texte vieler jüngerer Autoren. Filmische Dialogtechnik, filmische Gebahrenscodes sind ebenso selbstverständliche Teile des kommunikativen Gesamtvokabulars wie die Muster des eigenen außermedialen Erlebens. Als die britische Autorin Zadie Smith vor drei Jahren, 25-jährig, ihren ersten Roman White Teeth (Zähne zeigen) veröffentlichte, war es die Verschränkung literarischer Souveränität - traumsicher führte sie rund zehn Haupt- und nahezu fünfzig Nebenfiguren auf 600 Seiten durch ein halbes Jahrhundert Lebens- und Zeitgeschichte - und witzigster, an cineastischen Vorbildern und TV-Soaps geschulter Dialog- und Figurenführung, die das Buch zu einer literarischen Ausnahmeerscheinung erhob - und Kritiker wie Publikum gleichermaßen hinriss: Über eine Million Exemplare des Romans sollen mittlerweile verkauft sein. Eine Verfilmung flimmerte als TV-Vierteiler im vergangenen Herbst über die britischen Bildschirme. Letztere übrigens erwies sich als Flop. Irgendwo muss sich in der Rückübertragung der offensichtlich filmisch inspirierten Figuren auf Celluloid ein Übersetzungsfehler eingeschlichen haben.

In ihrem nun auf Deutsch erschienenen zweiten Roman, The Autograph Man (Der Autogrammhändler) zieht Zadie Smith die Schraube der Verschränkung von Film, Leben und Literatur noch einmal deutlich an. Alex-Li Tandem, ihr Protagonist, handelt mit Autogrammen, nutzt den säkularen Glauben an die Göttlichkeit der Stars als lukrative Erwerbsquelle.

Gleichzeitig aber verliert er selbst über der Hingabe an die sagenumwobene B-Movie-Diva der Fünfziger, Kitty Alexander, der er seit über zehn Jahren wöchentliche Briefe schreibt, in der Hoffnung auf eines ihrer raren Autogramme, das eigene Leben sacht aus dem Auge. Im alltäglich gelebten Chaos mit Katze, Kater (Letzterer alkoholischer Natur), Freundin und drei Freunden in Mountjoy, einer wenig attraktiven Schlafstadt im Norden von London, ist der Glaube an die Unvergänglichkeit von Ruhm eines der möglichen Orientierungssysteme. Nicht substanziell verschieden von den chassidischen Glaubensregeln seiner Freunde Adam und Rubinfine oder der Genauigkeit des Joseph Klein.

Zadie Smiths Romane spielen in den Suburbs der Metropolen, in den Randzonen, wo sich Einwanderer, Traditionen, Glaubenssysteme und Codes ungeschickt vermengen. In White Teeth waren es Pakistani, Jamaikaner und eine jüdische Gelehrtenfamilie im Vorort Willesden, im Mountjoy des Autograph Man sind es Alex-Li Tandem, der Sohn eines chinesischen Arztes und einer jüdischen Künstlerin, Adam und Esther, schwarze Harlem-Juden, 20-jährige chinesische, amerikanische, russische und deutsche Juden, die nach authentischen Wegen tasten in der Unübersichtlichkeit möglicher Daseinsangebote.

Durch- und übereinander schichtet Zadie Smith in The Autograph Man auch formal die unterschiedlichen Referenzsysteme. Romankapitel gliedern sich nach kabbalistischen und zenbuddhistischen Schemata, aus Mountjoy begibt sich Alex-Li nach Roebling Hights, in einen gleichfalls unbekannten Vorort von New York - die einzigen Plätze, die ob ihrer medialen Nichtexistenz noch Authentizität versprechen, so ist anzunehmen. Jeder Dialog, jede Geste der Verständigung aber ist nahezu unmöglich für den Filmkenner Alex-Li, der sich selbst sofort des Plagiats überführt - weshalb seine Beziehung zu Esther reichlich wortlos ihrem Ende entgegendämmert.

Unendlich und auf den unterschiedlichsten Ebenen variiert Zadie Smith ihr Thema - das mag mitunter langatmig werden, ruft nach lektoraler Kürzung: Dennoch darf man sie in ihrer sprachlichen Brillanz, in ihrem entschiedenen Versuch, das Ineinanderfließen cineastischer, erlebter und literarischer Codes zu verflechten, auch mit diesem zweiten Roman als eine der wichtigsten Stimmen ihrer Generation ansehen. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 29./30.3.2003)

  • Leben als Billigkopie
cineastischer Originaltexte:
Zadie Smiths neuer Roman
jongliert mit den
Codesystemen ihrer
Generation.
    foto: droemer

    Leben als Billigkopie cineastischer Originaltexte: Zadie Smiths neuer Roman jongliert mit den Codesystemen ihrer Generation.

  • Zadie Smith:Der Autogrammhändler€ 23,60/438 SeitenyDroemer, 
München 2003.

    Zadie Smith:
    Der Autogrammhändler
    € 23,60/438 Seiteny
    Droemer, München 2003.

Share if you care.