Der Schatten seines Schattens

28. März 2003, 20:46
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Helmut Kraussers beeindruckender Roman über Zeit und Poesie

Die meisten Fliegen", sagte Helmut Krausser einmal, "haben ein aufregenderes Leben als die Bücher, mit denen sie erschlagen werden." Nein, Bescheidenheit ist für den 39-jährigen Münchner Autor keine Zier, sondern eine "Tarnkappe für Wichte". In den deutschsprachigen Feuilletons ("verschrobenes Nischen-Liebhaber-Obsessivengeschwätz"), mit denen es sich Krausser ebenso schnell wie nachhaltig verdarb, kamen solche Sager zusammen mit des Autors Obsession für Sex von Anfang an nicht unbedingt gut an. Seinen Weg ging er trotzdem unbeeindruckt weiter, sechs Romane, zwei Erzähl- und zehn Tagebuchbände, eine Gedichtsammlung, eine Novelle, sieben Theaterstücke und einige Opernlibretti hat er seit 1989 geschrieben.

Soeben ist mit UC, "Ultrachronos", Kraussers siebter Roman erschienen, und wie immer, wenn dieser Autor einen neuen Roman vorlegt, kann man von ein paar Dingen ausgehen: zunächst einmal davon, dass man sich nicht langweilen und ein Buch lesen wird, das spannend ist, geistreich und zuweilen bildungsschwer. Mit Sicherheit wird Musik eine Rolle spielen, vor allem klassische, dazu werden Lebensläufe brechen, Menschen verschwinden und verknüpfte Seelen schreiend auseinander driften. Ebenso sicher kann man aber auch sein, dass dieser Autor in seiner Versessenheit auf Totalität nicht mit seinen Pfunden wuchern und dem Leser sowie sich selbst Steine in den Weg legen wird, aber dazu später.

Nach Thanatos, dem Todestrieb, und Eros, der in allen seinen Büchern eine Rolle spielt, wendet sich Krausser nun Chronos zu, oder besser gesagt, dem Ultrachronos, nach Krausser die allerletzte Phase des physischen Daseins, gemeinhin beschrieben als der Film, in dem vor dem Auge eines Sterbenden das Wesentliche seines Lebens noch einmal im Zeitraffer abläuft. Eine Spanne, die man nur sterbend betreten und der man lebend nicht entkommen kann, ist der UC eine "Arche der Bilder", "nah am Reich der Poesie". Es ist dieses zeitliche Zwischenreich, in das Arndt Hermannstein, die Hauptfigur des Romans, geraten ist. Was also ist mit ihm geschehen?

Hermannstein, ein kurz vor dem endgültigen Durchbruch zum internationalen Star stehender Dirigent, ist mit 40 Jahren noch leidlich jung. Finanziell ist er nicht zuletzt durch die Heirat mit der steinreichen Laura Feuer bestens situiert. Im Leben schon immer Pragmatiker gewesen, in der Kunst zum Romantiker geworden, wählt er sich auf seiner Suche nach möglichst lange dauernder Ekstase seine Aufträge nach ebenso hedonistischen Kriterien aus wie die - meist käuflichen - Frauen, mit denen er schläft.

Das klingt alles mehr oder minder wohlgeraten und rundum abgesichert, doch der Schein trügt natürlich. In London, wo Hermannstein mit dem Hinweis, seine bevorzugte Stripperin sei blasfertiger als die Posaunisten des ortsansässigen Orchesters, sein Engagement schmeißt, um drei Wochen Ruhe und Rauschmittel zu genießen, erreicht ihn eine beunruhigende Nachricht. Ein Freund, der bald darauf unter ungeklärten Umständen zu Tode kommt, informiert Arndt kryptisch, die Überreste der seit 22 Jahren vermissten Klassenkameradin Marita seien nun gefunden worden. Eine Sonderkommission der Polizei rekonstruiert nach mehr als zwei Jahrzehnten die letzten Stunden des Opfers: Schwer betrunken war Marita von einer Party nach Hause aufgebrochen. Ungefähr zur selben Zeit verließen Arndt und vier Freunde ebenfalls betrunken die Party. Haben sich ihre Wege gekreuzt? Haben die Burschen das Mädchen, das sie bei der Party mit einer Stripeinlage rasend gemacht hatte, vergewaltigt und umgebracht? Hat Hermannstein sie ermordet? Er weiß es nicht, kann sich nicht erinnern.

So läuft ein erster Riss durch Hermannsteins Leben, bald kommt ein zweiter hinzu, und schließlich bricht alles auseinander, als wäre das Perfekte schon immer morsch gewesen. Die Schwelle, die unser Held überschreitet, führt in einen Bereich, für den keine gängigen Modelle mehr existieren, in einen Bereich, in dem Mögliches und wirklich Passiertes gleichberechtigt nebeneinander stehen. Was hier Wirklichkeit geworden ist und was Traum geblieben, ob er ein Leben träumt oder einen Traum lebt, ist nicht mehr zu unterscheiden. Seine Grenzen, die der bequeme Pragmatiker Hermannstein aus Furcht nie auslotete, sind nun zu ihm gekommen.

Krausser schickt seinen Protagonisten auf der Suche nach seiner Vergangenheit durch halb Europa und stellt ihm dabei ein beträchtliches Figureninventar - alle Figuren plastisch modelliert mit eigenem Gesicht, Schicksal, Wahn - zur Seite. Wichtig sind vor allem Ala, die erste Gefährtin Arndts und deren späterer Geliebter Samuel Kurthes (dessen Name erstaunlich viele Buchstaben mit dem Helmut Kraussers teilt), ein Romancier und eine Art Guru, der offenbar ein Buch über Hermannstein schreibt (halten wir es etwa in Händen?). Schließlich - und ganz wichtig - ist da noch Anne, eine ehemalige Klassenkameradin, die ein zentrales Element des Buches, nämlich H.C. Andersens Märchen Der Schatten einführt: Ein Schatten verlässt seinen Herrn und schleicht ins Vorzimmer der Poesie, die im Haus gegenüber residiert, er sieht dort alles und weiß seither alles: "Wären Sie hinübergekommen, wären Sie nicht Mensch geblieben, ich aber bin es geworden." Er emanzipiert sich von seinem Herrn, den er Jahre später besucht und unterwirft, die beiden tauschen die Rollen - mit fatalen Folgen für den ehemaligen Herrn.

Schnell gerät der Leser in eine beeindruckende Erzählwelt. Eine seltsame, wilde Energie durchzieht diesen Roman um einen Suchenden im Sodbrennen des Selbst. Hermannstein ist die Achse, um die sich alles dreht, um ihn sind die zahlreichen Parallel- und Kontrastfiguren gruppiert, ihre Bedeutung gewinnen sie nur aus dem Verhältnis zu ihm - und seinem "Schatten" Kurthes.

Krausser zieht in diesem postmodernen, erzählerisch komplexen und weit ausholenden Roman, dessen Ende hier nicht verraten sei, einmal mehr sämtliche Register. Bravourös, wie er den Stoff organisiert, spielerisch die Perspektiven wechselt und die Zeit rafft und dehnt. Wie es sich gehört, werden die Voraussetzungen des Erzählens hinterfragt, der Erzähler hinter dem Erzähler meldet sich zu Wort und kommentiert und streicht. Krausser wäre aber nicht Krausser, würde er es nicht wieder übertreiben. Er will zeigen, was er kann, führt da noch eine Volte ein, platziert dort einen Querverweis und schlägt dazwischen noch einen Purzelbaum. Das lässt das Buch gegen Ende etwas an Dichte verlieren und zum Teil auch zu explizit werden.

Wie immer geht es Krausser um die letzten Dinge - oder die ersten, er ist seinem Thema, seiner Passion und seinem Schmerz treu geblieben. Doch man hat den Eindruck, dass noch in keinem Buch dieses Schriftstellers so viel Zweifel war, noch nie hat er die Möglichkeit oder die Unmöglichkeit des Erzählens in einer immer fragmentarischeren Welt so radikal thematisiert. Doch das Fragment redet stets auch vom Ganzen, eine Scherbe ist das stärkere Bild des verlorenen Gefäßes als die vollständige Kopie. Es ist das Privileg der Kunst, an der Illusion des Unteilbaren festzuhalten, auch darum geht es in diesem Buch. Canetti hat einmal geschrieben, er sei ein "Hund seiner Zeit". Das lässt sich auf verschiedene Arten lesen, hoffen wir, dass auch Helmut Krausser weiter auf der Spur bleibt. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 29./30.3.2003)

Von Stefan Gmünder

Hinweis:
Krausser liest am 5.4. am "langen Samstag der Literatur" an den Rauriser Literaturtagen aus dem besprochenen Band. (Infos unter Rauriser Literaturtage).

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    Helmut Krausser:
    UC
    Unter Zuhilfenahme eines Märchens von H.C. Andersen
    € 23,60/500 Seiten
    Rowohlt, Reinbeck bei Hamburg 2003

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