Bilderstreit: Her mit der Propaganda!

15. April 2003, 21:10
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Kurt Riha über Kriegskonsum und TV-Kritik: Die viel beschworene Wahrheit des Krieges können Medien nicht zeigen - Sie können dem Krieg bloß jenes Image geben, das ihm gebührt

Die Bilder vom Krieg lügen. Die Wahrheit ist vielmehr ..." Schon falsch. Weder lügen die Bilder, noch gibt es eine dahinter liegende Wahrheit zu entbergen, wie uns manche Medienkritiker in den letzten Tagen wieder einmal einreden wollen (vgl. Michael Mayer: "Die Lüge in Zeiten des Krieges der Bilder", STANDARD, 27. 3.). Zumeist als Auftakt zur alten Legende, dass wir alle kritiklos und sensationsgierig vor dem Bildschirm sitzen würden, um das Medienspektakel Krieg zu konsumieren.

Zunächst stimmt natürlich eines. Wir sind alle längst zu Kriegskonsumenten geworden. Aber das war immer schon so. Geändert hat sich nur das Tempo, in dem die Bilderflut auf uns zurast. Neu ist auch, dass wir diesen Krieg in seinen Anfangsphasen nicht nur "live" mitverfolgen durften, sondern oft sogar noch vor dem Ereignis zugeschaltet waren. Etwa die nächtliche Skyline von Bagdad, während uns die Kommentatoren versicherten, dass der Bombenangriff jeden Moment beginnen müsse. Zugegeben, es kostet einige Mühen, hier nicht von Sensationsgier zu sprechen.

Doch die Legende vom passiven Rezipientenverhalten ist nicht nur medientheoretische Steinzeit, sie trifft vor allem längst nicht mehr den Punkt. Mit Ausnahme der kämpfenden Soldaten und der irakischen Bevölkerung konsumiert die gesamte fernsehschauende Welt diesen Krieg nur via TV. Politische Entscheidungsträger ebenso wie jene Millionen von Demonstranten, die weltweit gegen diesen Krieg auf die Straße gehen. Natürlich, weitaus mehr Menschen bleiben trotz der Bilder zu Hause. Wäre das nicht der Fall, hätten die Bilder tatsächlich jene Macht, die ihnen Militärstrategen und bemerkenswerterweise auch manche Medientheoretiker zubilligen.

Manipulation?

Tatsache ist: Wir wissen nichts vom Krieg außer den Bildern und den dazu mitgelieferten Informationen. Es gibt keine andere Möglichkeit, über den Krieg zu berichten, außer man lässt ihn im Fernsehzimmer stattfinden - mit allabendlichen Kollateralschäden unter dem zusehenden Publikum. Das würde die Quote zwar in kürzester Zeit in den Keller treiben, aber es wäre die einzige Möglichkeit, für Wahrhaftigkeit im medialen Sinne zu sorgen. Es ist nun einmal eine banale, aber unausweichliche Erkenntnis, dass der Fernseher nichts weiter kann, als Bilder zu liefern. Dass diese, so schockierend sie sein mögen, letztlich risikolos und daher mit Betroffenheit ebenso wie mit voyeuristischer Genugtuung konsumiert werden können, ist die dazugehörige Bedingung.

Das bedeutet nicht, dass es egal ist, welche Bilder gezeigt werden, aber es bedeutet, dass diese Entscheidung die einzig maßgebliche ist. Selbst wenn in diesem Krieg so deutlich wie nie zuvor die kritische Distanz zu den Bildern mitgeliefert wird: Erstmals thematisieren die Berichterstatter ihre eigene Rolle, wird Bildmaterial hinterfragt, wird zugestanden, dass nicht nur der Irak Propaganda betreibt, sondern die USA ebenso.

Im Nachrichtensender n-tv erklärte dieser Tage ein Medienexperte, man solle nicht so naiv sein, zu glauben, dass die USA die Medienvertreter nicht genauso zu ihren Zwecken missbrauchen würden. Bloß sei ihre Propaganda nicht ganz so plump wie jene des Irak, was sich nicht zuletzt anhand der mittlerweile schon bekannten 600 "eingebetteten" ("embedded") Journalisten zeige. Das sei Propaganda moderner Prägung, wurde kritisiert - und damit in gewisser Weise auch anerkennend attestiert.

Weit gehend sinnlos ist darum hierzulande der Streit um die Manipulation durch die Bilder. Denn wenn zugestanden wird, dass beide oder im Grunde alle Seiten (denn die "unabhängigen" Berichterstatter zählen hier ebenso dazu) manipulierte Bilder liefern, so kann von wirksamer Manipulation nur dort gesprochen werden, wo eine dieser Seiten ausgeklammert wird. Wie etwa im irakischen oder amerikanischen Fernsehen.

Wir haben in unseren Breiten dagegen den Vorteil, auf alle manipulierten Bilder zugreifen zu können. Aber wir erfahren darum nicht den Krieg, sondern wir kennen nur die Bilder. Wir sind zu keinem Zeitpunkt "live" dabei, wir sind bloß Betrachter.

Eine Chance

Das zu erkennen bedeutet keineswegs, sich ohnmächtig der Bilderflut überantworten zu müssen. Das Bewusstsein, dass dieser Krieg, dass letztlich jedes medial transportierte Ereignis auf der Ebene der Bilder thematisiert wird und sich damit für uns ausschließlich in einer Bilder- und Sprachwirklichkeit manifestiert, eröffnet die Möglichkeit, falsche Betroffenheit zu vermeiden und richtiges Engagement zu forcieren. Wir können "sehen", dass es den kriegstreibenden Parteien in medialer Hinsicht nicht darum geht, die Verluste niedrig zu halten oder die Grausamkeit des Gegners anzuklagen, sondern in erster Linie darum, die entsprechenden Bilder dazu zu produzieren oder zu vermeiden. Man stelle sich vor: Die grausamen Stellungskämpfe im Ersten Weltkrieg, die ersten Giftgasangriffe oder die Schlacht um Stalingrad - alles das hätte man damals "live" verfolgen können. Unentwegt hätten alle beteiligten Staatsoberhäupter, wie jüngst US-Verteidigungsminister Rumsfeld, bekräftigt, dass es sich um einen "sauberen" Krieg handle und keine unnötigen Opfer zu beklagen seien. Aber die Bilder hätten diese Behauptungen entlarvt. Dementsprechend erscheint es aus heutiger Sicht undenkbar, dass es jemals zu derartigen Massakern gekommen wäre. Niemals hätte die Weltöffentlichkeit sie toleriert.

Darin liegt die Chance. Wir müssen die Bilder gegen die Intentionen ihrer Produzenten betrachten. Nicht als Symbole ausgeklügelter Kriegstechnologie, nicht als Beweise grausamer Aggression und auch nicht als Belege ethisch korrekter Berichterstattung - sondern als ständigen Aufruf, etwas zu verhindern, was schon vor Beginn dieses Kriegs niemals zugelassen hätte werden dürfen. Insofern können die Bilder nicht drastisch genug sein; voyeuristische Nebeneffekte müssen in Kauf genommen werden.

Möglicherweise gibt es überhaupt nur diesen ethischen Auftrag für die Medien: unnachgiebig dafür zu sorgen, dass dieser Krieg jenes Image erhält, das jeder Krieg verdient - das einer absurden Barbarei, die es um jeden Preis zu verhindern gilt. In diesem Sinne: Her mit der Propaganda und her mit den ethisch bedenklichen Bildern! (DER STANDARD; Printausgabe, 29./30.3.2003)

Von Kurt Riha

Der Autor lehrt Kommuni- kationsphilosophie am Wiener Institut für Publizistik
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