Gütliche Tröstung

15. August 2003, 21:01
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Manchmal geht's halt doch nicht ganz so, wie man es möchte und auch erwartet. Das traurige Liedchen, das Herr Rumsfeld über seine diesbezüglichen Erfahrungen singen kann, möge alle lieben Leute trösten, die mit mir unzufrieden sind.

Was meine publizistische Tätigkeit anbelangt, bin ich offenbar wohl schon seit mehreren Jahrzehnten ein ziemlicher Weltverdruss, eine Art von dreizehnter Fee, deren Auftritt meistens als unangenehm empfunden wird.

Ich sehe mich natürlich anders; als eine Art von Don Quixote, der eben nicht auf dem Pegasus, sondern auf seiner noch erfreulich rüstigen Rosinante hinter dem herreitet, was ihm als die Wahrheit erscheint. Da es aber in Fragen der Kunst keine absolute Wahrheit gibt, sondern nur, was man selbst empfindet, wirklich wahr ist, reite ich eigentlich hinter mir selber her. In der Praxis ist das natürlich unmöglich, aber theoretisch geht alles.

Ich gebe gerne zu, dass ich während meines frühen schreiberischen Wirkens in Graz ein großes Vorbild hatte. Der Mann hieß Richard Ahne. In seiner Jugend war er mit Herbert von Karajan befreundet und hatte mit dem Maestro gemeinsam Kammermusik gespielt.

Das war es aber nicht, was mich an diesem hoch gewachsenen, eleganten älteren Herrn faszinierte. Vielmehr waren es seine vor beißender Ironie strotzenden Kritiken über Musik und Theater, die er in der Grazer Tagespost vom Stapel ließ.

So riet er nach einer Premiere von Schillers Kabale und Liebe, der Darstellerin der Luise: "Heiraten, heiraten, liebes Fräulein, und nicht immer ledig auf der Bühne sterben." Und in einer Produktion von Verdis Troubadour fühlte er sich durch die Aktionen des Chores an ein "Rudel von Zwergrattlern" erinnert.

Letzteres war dann dem an sich friedfertigen Intendanten doch zu viel. Vor Beginn der nächsten Premiere erschien er an der Rampe und sagte, die Aufführung beginne erst dann, wenn Herr Ahne den Zuschauerraum verlassen hat.

Als sich der streitbare Zeitungsmann von seinem Rezensentensitz erhob, taten seine Kollegen der anderen steirischen Zeitungen das Gleiche und strebten in heute kaum noch denkbarer Solidarität durch den halbdunklen Zuschauerraum mit ihm dem Ausgang zu.

Das mit den "Zwergrattlern" war allerdings noch lange nicht das Schlimmste, was in der Grazer Tagespost zu lesen stand. Der große Ernst Decsey, als früher Debussy-Experte auch eine Größe im Wiener Musikleben, schrieb nach dem Liederabend eines Sängers, der unseligerweise Hahn hieß: "Ehe der Hahn zum zweiten Mal krähte, ging ich hinaus und weinete bitterlich."

Derlei Dinge habe ich selbstverständlich niemals geschrieben. Im Zeitalter des Wassermanns ist man ja viel weniger aggressiv. Daher bin ich zuversichtlich, die nunmehrige Kulturhauptstadt auch künftig unbehelligt betreten zu dürfen. (DER STANDARD, Printausgabe, 29./30.3.2003)

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