"Es kann nur besser werden"

9. April 2004, 16:03
2 Postings

Jens Tschebull wünscht sich mehr kritische Reflexion im Journalismus

"Es kann nur besser werden", meint Jens Tschebull und spricht dabei über die gegenwärtige Situation des österreichischen Journalismus. Auf Einladung des Instituts für Publizistik äußerte er Gedanken zu der Frage, ob die Medien zur Zeit in einer Krise steckten und nahm dabei kein Blatt vor den Mund. Jens Tschebull kann auf eine herausragende Karriere im Print- und Fernsehjournalismus zurückblicken. So war er unter anderem Gründungsmitglied des Wirtschaftsmagazins "trend", des "Wirtschaftsblatts" oder Moderator des "Club 2". Nach reger Tätigkeit als Kolumnist beschränkt er sich heute eher auf Seminare oder gibt Studenten wie am 28. März gute Tipps, wie sie sich in der Medienlandschaft profilieren könnten.

Entgegen allen Erwartungen gratuliert er den Studenten: Seiner Meinung nach ist der "Zustand der österreichischen Medien miserabel", und gerade deshalb könnten "anstrengungsbereite Kräfte" Nischen für ihre Medienkarriere finden. Tschebull kritisiert, dass in der, wie er sie nennt, "selbstgefälligen, oberflächlichen Branche" zuwenig recherchiert würde.

"Qualität statt Quantität"

Für ihn besteht Journalismus darin, "sich im Auftrag der Leser Wissen anzueignen und es handwerklich gekonnt zu verarbeiten". Man müsse mit dem vorhandenen Material adäquat umgehen können – passende Formulierungen hält er für wichtig. Die These "Qualität statt Quantität" scheint für ihn besonders auf die Kriegsberichterstattung zuzutreffen, aus der er einige Beispiele der meist frequentierten Tageszeitungen heranzieht.

Die ehrlichste Aussage der letzten Tage sei jene, in der die Medien zugeben, den Wahrheitsgehalt der präsentierten Fakten nicht garantieren zu können, so Tschebull. Schockiert ist er von der großen Anzahl an Kollegen, die sich öffentlich die Blöße geben, nicht ausreichend recherchiert und reflektiert zu haben. Denn Tschebull nennt als Grundlage für qualitativ hochwertigen Journalismus neben fundiertem Wissen auch die Fähigkeit, Tatsachen kritisch zu hinterfragen. "Die Exklusivität einer Geschichte entsteht im Kopf; nur wenn man kombiniert, kann etwas Interessantes herauskommen", so Tschebull. Seiner Meinung nach würden junge Kollegen zu früh in die Wirklichkeit geworfen und hätten kaum die Möglichkeit, sich in einer Lehrzeit die nötigen Qualifikationen anzueignen.

Zu diesen zählt auch die Fähigkeit, sich situationsadäquat auszudrücken. Tschebull rät den Studenten, ihren Wortschatz durch ausgiebige Lektüre zu erweitern. "Nur so wird die Sprache zum Material, aus dem man Endprodukte formen kann, die nicht im Einheitsbrei untergehen", so Tschebull.

"Pressekonferenzjournalismus"

Er äußert sich nachdrücklich gegen reinen "Pressekonferenzjournalismus" und fordert ernsthafte Vorbereitung. "Nur so kann man Widersprüche zeigen und Konflikte aufdecken", meint Tschebull. Er ist der Ansicht, dass die Tendenz unter Journalisten dahin gehe, nur abzuschreiben und nicht zu überlegen und zu recherchieren. Dass dürfte allerdings schon in den 60er Jahren der Fall gewesen sein, nachdem Tschebull als Initiation für die Gründung des "trend" einen mangelhaften Wirtschaftsjournalismus nennt, der allein im "Abschreiben von Waschzettel" der Firmen bestand.

"Gefälligkeitsartikel"

Auch heute seien viele Redaktionen leicht zu korrumpieren: "Ursprünglich galten die Ressorts Mode, Motor und Sport als korruptionsanfällig, heute sind es die Medien als Ganzes", findet Tschebull wiederholt harte Worte. Er verurteilt getarnte Anzeigen oder "Gefälligkeitsartikel" besonders deswegen, weil der Leser irregeführt würde. Außerdem bekämen Jungjournalisten das schlechte Vorbild, es mit der Wahrheit nicht allzu genau zu nehmen.

"Elder statesmen" mögen vielleicht dazu geneigt sein, nostalgisch die Vergangenheit zu loben, doch für Tschebull gilt viel mehr: "Nicht früher war alles besser, sondern in Zukunft wird alles besser." Man darf gespannt sein, ob Kollegen der selben Generation wie Hugo Portisch oder Gerd Bacher, die ebenfalls an der Vorlesungsreihe des Instituts für Publizistik teilnehmen, die aktuelle Lage ähnlich pessimistisch sehen.

Ansichtssache

"Elder Statesmen": Jens Tschubull am 28. März 2003

Von Theresa Steininger.

Die Autorin ist Teilnehmerin der Lehrveranstaltung "Elder Statesmen" am Institut für Publizistik- und Kommunikations- wissenschaft.
  • Jens Tschebull
    foto: alina weidmann

    Jens Tschebull

Share if you care.