Studiengebühr lässt StudentInnen mehr arbeiten

28. März 2003, 14:02
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"Bericht zur sozialen Lage der Studierenden" präsentiert - ÖH spricht von "prekärer sozialer Situation" - Der Bericht zum Download

Wien - Die Studiengebühren haben Studenten aus sozial schwachen Schichten nicht von den Universitäten verdrängt - dafür müssen die Studierenden aber offenbar neben ihrer Ausbildung mehr arbeiten. Dies geht aus dem am Freitag von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V) vorgestellten "Bericht zur sozialen Lage der Studierenden 2002" hervor. Demnach ist etwa der Anteil der Arbeiterkinder an den Studienanfängern praktisch gleich geblieben. Eine genaue Bezifferung der Zunahme der Erwerbstätigkeit ist auf Grund geänderter Erhebungsszenarien nicht möglich - die Studienautoren gehen aber von einer Zunahme von mindestens sechs Prozentpunkten aus.

Betrug der Anteil der Arbeiterkinder an den Erstsemestrigen an Unis und Fachhochschulen (FH) im Studienjahr vor der Einführung der Gebühren (2000/01) 10,7 Prozent, waren es im ersten Jahr mit Studienbeiträgen (2001/02) 10,6 Prozent. Praktisch gleich geblieben ist auch der Anteil der Kinder von Beamten und Angestellten sowie von Landwirten. Knapp dazugewonnen haben die Kinder von Freiberuflern und Selbstständigen (von 20,3 auf 21,2 Prozent).

Auch die Ausweitung der Erwerbstätigkeit lässt sich aus der Studie heraus lesen: Während im Jahr 1998 noch fast die Hälfte der Studenten während des Semesters nicht gearbeitet hat, war es 2002 nur mehr ein Drittel. Einen Teil des Anstiegs führen die Studienautoren Angela Wroblewski und Martin Unger vom Institut für Höhere Studien (IHS) auf eine Veränderung des Erhebungsinstruments zurück - in den vergangenen Untersuchungen sei auf Grund der Nicht-Berücksichtigung der für Studenten typischen "Patchwork-Erwerbsformen" (z.B. eine Kombination mehrerer "atypischer" Beschäftigungsverhältnisse) die Erwerbstätigkeit "deutlich unterschätzt" worden. Berücksichtige man dies, komme man auf eine Steigerung der Erwerbstätigkeit von Studierenden "um mindestens sechs Prozentpunkte".

Weitere Auswirkungen der Gebühren: Rund 56 Prozent wollen ihr Studium beschleunigen, etwa 47 Prozent wollen ihre Rechte gegenüber den Unis stärker betonen und 45 Prozent fühlen einen erhöhten finanziellen bzw. einen höheren Zeitdruck. 31 Prozent spüren eine Einschränkung ihres Lebensstandards, knapp 30 Prozent gaben an, ihre Erwerbstätigkeit ausgeweitet zu haben.

Die Studenten seien zielstrebiger und selbstbewusster geworden, folgerte Gehrer bei einer Pressekonferenz am Freitag aus dem Sozial-Bericht. Sie seien aktiver im Studium wie im Beruf und forderten die Professoren mehr: "Die Studenten werden ernster genommen und nehmen auch ihr Studium ernster."

Die Zunahme der Erwerbstätigkeit sei nicht zuletzt ein allgemeiner Trend, so Gehrer: Die Studierenden würden bereits während ihrer Ausbildung den Kontakt zu Unternehmen suchen, um einerseits Erfahrungen zu sammeln und andererseits finanziell unabhängig zu sein. Dies zeige sich nicht zuletzt bei einer Befragung der Absolventen: Nur 18,8 Prozent hätten angegeben, während ihres Studiums nie erwerbstätig gewesen zu sein. Sehe man über die Grenzen, ergebe sich ein ähnliches Bild: So würden in Deutschland mit 67 Prozent genau so viele Studenten angeben, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen.

Für die nächsten Jahre plant Gehrer Verbesserungen für erwerbstätige Studenten: Frühestens ab 2005 sollen die Studiengebühren - wie im Regierungsprogramm vorgesehen - auch für berufstätige Studierende an den Unis absetzbar werden (derzeit nur für FH-Studenten möglich). Außerdem soll der Zugang zu Studienabschlussstipendien vereinfacht werden.

ÖH spricht von "prekärer sozialer Situation"

Im Gegensatz zu Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V) liest die Österreichische Hochschülerschaft (ÖH) aus dem neuen "Bericht zur sozialen Lage der Studierenden" eine "prekäre soziale Situation" der Studenten heraus. "Es ist faszinierend, wie sehr man Zahlen schönen kann, Gehrer sieht über sehr viele Probleme hinweg", erklärten die ÖH-Vorsitzenden Andrea Mautz und Anita Weinberger am Freitag bei der Bewertung des Berichts aus ÖH-Sicht.

Neuerlich entzündet sich die Kritik der ÖH an den Studiengebühren. "Es ist ein Faktum, das niemand wegdiskutieren kann, dass die Gebühren den Studienabbruch von 45.000 Studierenden erzwungen haben", sagte Mautz. Weiters würden die Studienbeiträge Kinder aus bildungsfernen Schichten vom Studium abhalten. Waren 1997 noch 47,3 Prozent der Studienanfänger Kinder von Eltern ohne Matura, reduzierte sich dieser Anteil 2002 auf 42,4 Prozent. Auch der Anteil von Studierenden mit Kindern sei von 11,5 Prozent (1998) auf 10,8 Prozent gesunken.

Die Studentenvertreter verweisen auch auf die "stark gestiegene" Erwerbstätigkeit, die sie auf die Einführung der Studiengebühren zurückführen. Besonders davon betroffen seien Studierende aus niedrigen sozialen Schichten. Diese vermehrte Berufstätigkeit wirke sich negativ auf die Studienaktivitäten aus, meinen die ÖH-Vertreter.

Das Gesamtbudget der Studierenden habe sich zwar von 785 Euro (1998) im Monat auf 1.040 Euro (2002) erhöht, gleichzeitig seien aber auch die Zuwendungen von den Eltern und damit die Abhängigkeit der Studenten gestiegen. Zudem habe sich die Aufnahme von Darlehen durch Studierende zwischen 1998 und 2002 mehr als vervierfacht. Laut Mautz hätten rund 35.000 Studierende erwogen, aus finanziellen Gründen ihr Studium abzubrechen. "Die Ministerin drängt die Studenten entweder zur Aufgabe des Studiums oder in die Armutsfalle", sagte Weinberger.

Die Studentenvertreterinnen betonen, dass es sich bei den Daten um "keine Propagandazahlen der ÖH handle", sondern um Zahlen aus dem offiziellen Bericht. Die ÖH fordert nun u.a. Verbesserungen bei der Studienförderung. Auf Grund des Sinkens der Gesamtstudentenzahlen sei zwar der Prozentsatz der Beihilfenbezieher zwischen 1998 und 2002 von 20,1 auf 23,3 Prozent gestiegen, die Absolutzahl mit rund 46.200 aber praktisch gleich geblieben. Weiters verlangt die ÖH die Absetzbarkeit von Studiengebühren für alle Studenten, die eine Steuererklärung machen, eine Erhöhung der Zahl der Studienabschlussstipendien sowie eine Studie über die Beweggründe jener 45.000 Studenten, die nach Einführung der Gebühren das Studium abgebrochen haben. Am liebsten wäre es den Studentenvertretern aber, dass Gehrer, "wenn sie nur den Funken eines sozialen Gewissens hat, die Gebühren sofort abschafft. Sonst wird es bald nicht mehr viele Studenten geben." (APA)

  • Studierenden-Sozialerhebung 2002 - Der Bericht zur sozialen Lage der Studierenden

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    Laut dem Bericht zur sozialen Lage der Studierenden müssen Österreichs StudentInnen seit Einführungen der Studiengebühren mehr jobben.

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    Auswirkungen der Studiengebühren

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