Österreich in längster Wirtschaftskrise seit 1945

28. März 2003, 18:14
21 Postings

Wirtschaftsforscher nehmen Wachstumsprognosen erneut drastisch zurück - Wirtschaft soll heuer nur wenig mehr als ein Prozent wachsen

Wien - Österreichs Wirtschaft wird nach den Prognosen des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) heuer inflationsbereinigt nur um 1,1 Prozent wachsen. Noch im Dezember ging das Institut von 1,7 Prozent aus. Etwas optimistischer ist das Institut für höhe Studien (IHS) mit einer Wachstumsprognose von 1,5 Prozent. Hier lautete die Prognose im Dezember allerdings noch 2,1 Prozent. Auch die Prognosen für das kommende Jahr wurden herabgesetzt: Das Wifo geht nun von 1,7 Prozent und das IHS von 2,5 Prozent aus, im Dezember waren es noch 2,3 und 2,6 Prozent.

Traurige Premiere

Laut Wifo stellt es eine Premiere dar, dass Österreichs Wirtschaft 2003 voraussichtlich zum dritten Mal in Folge um nur etwa ein Prozent wachsen wird. Ein so geringes Wachstum über drei Jahre hinweg sei "bisher noch nie" beobachtet worden. Grund für die sich heuer fortsetzende Stagnation sei die anhaltende Schwäche der Inlandsnachfrage, zu der noch die wirtschaftlichen Auswirkungen der geopolitischen Instabilitäten kommen. Die schlechte Wirtschaftslage werde einen weiteren Anstieg von Arbeitslosigkeit und Budgetdefizit zur Folge haben.

"Die Wachstumsszenarien können nur vor einer sehr schwierigen und undurchsichtigen politischen Situation vorhergesagt werden. Die Zeichen sind daher widersprüchlich", sagten Wifo-Chef Helmut Kramer und IHS-Leiter Bernhard Felderer unisono.

Im Zusammenhang mit dem Irakkrieg könne es durchaus zu Szenarien kommen, bei denen unabschätzbare Verwicklungen zu einer wirtschaftlichen "Depression größeren Stils" führen, meinte Kramer. Andererseits würde der Irakkrieg über die wirkliche wirtschaftliche Situation hinwegtäuschen: "Der Krieg im Irak ist nicht der maßgebliche Grund für die derzeitige wirtschaftliche Situation", sagte der Wifo-Chef.

Für ihn müssten vor allem die Nachwirkungen des "Platzens einer spekulativen Blase an der Börse" jetzt erst einmal verkraftet werden. Außerdem sei die Nachfragedynamik in der EU gebremst.

Der Export bleibt laut Wifo der wichtigste Wachstumsmotor der heimischen Wirtschaft. "Österreich hat im letzten Jahr vor allem auf den internationalen Märkten dazugewonnen: insbesondere in Mittel-und Osteuropa", so Kramer weiter.

Mehr Arbeitslose

Am Arbeitsmarkt zeichnet sich keine Umkehrung des negativen Trends ab, betonte der Wifo-Chef. "Es wird einen mäßigen Anstieg der Arbeitslosigkeit geben und einen Rückgang der Beschäftigten." Neben der Sachgütererzeugung gingen auch im Bauwesen und im Handel viele Arbeitsplätze verloren. Der öffentliche Sektor plane eine Fortsetzung des Beschäftigungsabbaus. Die Zahl der Arbeitslosen nehme weiter zu und erreiche im Jahresdurchschnitt 2003 rund 240.000; das sei ein Plus von 8000 Arbeitslosen. Die Arbeitslosenquote beträgt 7,0 Prozent nach heimischer Berechnung. Ein Konjunkturaufschwung, so Kramer, scheine in Europa nur möglich, wenn die weltweiten Unsicherheiten wegfielen und die Rohstoffpreise merklich zurückgingen. "Die vorliegende Prognose nimmt einen Erdölpreis von 29 Dollar je Barrel im Jahr 2003 und 23 Dollar im Jahr 2004 an.

Budgetdefizit steigt

Für den Staatshaushalt erwartet das Wifo aufgrund der konjunkturbedingt schwachen Entwicklung der Steuereinnahmen und zusätzlichen Ausgaben einen Anstieg des Defizits auf etwa 1,2 Prozent des BIP. 2004 werde das Budget ebenfalls durch wachstumsgedämpfte Steuereinnahmen und hohe Ausgaben belastet. Das Defizit könnte dann ein Prozent des BIP betragen. Das IHS sieht das Budgetdefizit heuer bei 1,3 Prozent des BIP. Aufgrund der Konjunkturerholung im nächsten Jahr sollte die Defizitquote auf etwa 0,75 Prozent zurückgehen. Strukturell betrachtet sei eine Umsetzung der Reformen zur Dämpfung der Ausgabendynamik notwendig, damit ausreichende budgetäre Spielräume für die geplante Steuerentlastung geschaffen werden. IHS-Chef Bernhard Felderer dazu: "Wir könnten ein Prozent des BIP sparen, wenn wir ein ausgeglichenes Budget hätten."

Kritik an Grasser

Heftige Kritik an Finanzminister Karl-Heinz Grasser übte der Budgetsprecher der SPÖ, Christoph Matznetter, anlässlich der Präsentation der neuen Wachstumsprognosen. Grasser hat am 25. März der EU-Kommission die Fortschreibung des österreichischen Stabilitätsprogrammes übermittelt. Darin würde der Finanzminister viel zu optimistische Wachstumswerte annehmen. Grasser geht von 1,4 Prozent Wachstum für heuer und von zwei Prozent für 2004 aus, was deutlich über den Wifo-Prognosen liegt. Matznetter: "Wenn man anerkannte deutsche Prognoseverfahren anwendet, liegt das Wachstum noch deutlich unter den österreichischen Prognosen. Eine Steuerentlastung müsste nach Meinung der SPÖ bereits heuer und im kommenden Jahr kommen. (gro, mimo, DER STANDARD, Printausgabe 29.3.2003)

Links
Wifo
IHS
  • Artikelbild
    montage: derstandard.at
Share if you care.