Meidling-Bagdad

8. August 2003, 21:41
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Die 65. Unglaubwürdige Reise

Ob heute auch im Meidlinger Zentralkirchenbau, der die "Gatterhölzlkirche" ersetzt, um den Frieden gebetet oder gebeten wird? Das Hochaltarbild zeigt den Wiener Stadtpatron, auf alt gemalt 1935, kniend vor der Gottesmutter mit dem Jesuskind, vielleicht um irgendein Glück für christliche und andere frühe Hitler-Anhänger bittend, sicher auch schon für den Krieg. Welche Details des Kriegsglücks umgekehrt die Väter dieses Kriegs heute wohl von wem verlangen?

Ein Krieg, der sich schon fünf oder sechs Tage nach seinem Beginn in die Länge zu ziehen beginnt, von unplanmäßigen Schlachten und Sandstürmen heimgesucht, hat weniger begründete Hoffnungen als das gründerzeitliche Meidling der Achtzigerjahre des vorletzten Jahrhunderts, das in einem Bildband des Wiener Album-Verlags noch verschlafen zwischen den Gleisanlagen der ins südliche Umland führenden Lokalbahnen liegt.

Aber die Nähe von Stehbierhallen, Fleischhauerläden und aufgelassenen Kriegsspitälern und Heereszeuganstalten fordert das Nachdenken über vorhergesehene und unvorhergesehene Komplikationen heraus. Die Meidlinger Rennbahn, Wandelhallen und vor 1900 neu errichtete Doppelbürgerschulen helfen auch gegen die Ratlosigkeit angesichts der Schlacht um Bagdad und den nicht nur von Sandstürmen halb blinden Augen. Der schwer durchschaubare Irak arbeitet immerhin an der Reparatur von Wasserversorgungen für Basra. Die Bevölkerung wartet ab.

In einer Privatanzeige in der NZZ wird dem ungeduldigen Westen die Kunst des Kartenlesens vorgeschlagen. Auch hier sei keine wertvolle Zeit zu verlieren, heißt es. Der Verlust von Zeit wird nicht nur in Kriegszeiten ja allzu selten als Glück begriffen.

Wie kommt man von Basra nach Bagdad, dann zurück nach Meidling und wieder davon fort? Eben bekam ich im Bräunerhof am frühen Nachmittag den bisher besten Rat: mit einer Montgolfière. Mit einem Luftschiff, das weithin sichtbar, langsam und doch nicht ziellos dem unbeteiligten Frühlingshimmel und zuletzt der zunehmenden Nervosität den Stil gibt, den beide nötig haben. Eine Ruhe, welche die Frage nach dem Ziel der Aufbrüche nach Bagdad relativiert.

Immerhin hat sich jetzt ein früher Wunsch verstärkt, der nach den Flüssen Euphrat und Tigris, ein Wunsch, der sehr früh, gegenüber der Rahlstiege im sechsten Bezirk, erwacht und bis heute wieder versunken war.
(DER STANDARD, Printausgabe, 28.3.2003)

Die nächste "unglaubwürdige Reise" wird am kommenden Freitag angetreten.
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