Die 47. Viennale eröffnete mit politischen Reden und Stargast Tilda Swinton

22. Oktober 2009, 23:41
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Kino als "lebendiges Gegenbild zur verkehrten Welt" - Vertrag von Hurch bis 2013 verlängert - Festivalzentrum Badeschiff legte ebenfalls los

Wien - Vor versammelter österreichischer Film-Prominenz, darunter Stefan Ruzowitzky, Robert Dornhelm und Karl Markovics, und im Beisein von Stargast Tilda Swinton ist am Donnerstagabend im Wiener Gartenbaukino die 47. Viennale eröffnet worden. Bevor das Filmfestival erstmals einen österreichischen Film zum Auftakt präsentierte - das erstmals in Cannes gezeigte Findelkind-Drama "La Pivellina" von Tizza Covi und Rainer Frimmel-, dankte Direktor Hans Hurch speziell der schottischen Oscar-Preisträgerin für ihr Kommen. Swinton ist heuer ein Tribute gewidmet.

"Wir zittern immer hin auf diesen ersten Tag der Viennale", sagte Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny, der seiner Rede einen sowohl partei- als auch gesellschaftspolitischen Anstrich gab. Eine Finanzierung des Gartenbaukinos mit Steuergeldern halte er - im Gegensatz zu den anderen Parteien - für gerechtfertigt, weil die Viennale mit ihrem differenzierten Blick "die Antwort auf die Vereinfacher und die Fundamentalisten aller Lager" sei, so Mailath-Pokorny. Zudem freue er sich, dass Hurch die Einladung des Kuratoriums, das Festival weitere vier Jahre, also bis 2013, zu leiten, angenommen habe.

Gegenbild einer verkehrten Welt

Damit müsse man sich seine Reden noch einige Male mehr anhören, erklärte Hurch in Reaktion darauf, "aber ich verspreche ihnen, sie werden immer kürzer." Der Direktor übte, seine Rede gerne mit Kinderreimen über das klassische Erzählmotiv der "verkehrten Welt" spickend, Kritik an den politischen Vorgängen im Land. Es sei "ein Skandal", dass Martin Graf als dritter Nationalratspräsident im Parlament sitze. Und mindestens ebenso, dass die "Kronenzeitung" nach der Erschießung eines Jugendlichen durch einen Polizisten in Krems schreiben könne, wer "alt genug zum Stehlen" sei, der sei "auch alt genug zum Sterben". Das Kino, schloss Hurch, sei für ihn "das lebendige Gegenbild dieser verkehrten Welt".

Viennale-Präsident Eric Pleskow, dessen im Sommer verstorbener Frau Barbara das heurige Festival gewidmet ist, wirkte dagegen ein wenig ernster als in den vergangenen Jahren. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen, kritisierte er, solle sich mehr der Kultur widmen und weniger dem Kochen. Ansonsten gab sich der 85-Jährige aber verglichsweise zahm und freute sich vor allem, dass Wien zur Stadt mit der besten Lebensqualität weltweit gewählt worden war und dass auch mehr heimische Filme beim Festival zu sehen seien. "Sind die österreichischen Filme besser geworden oder die anderen schlechter? Bitte kommen Sie zur Viennale und beurteilen Sie selbst."

Gesichtsbäder

Tilda Swintons Terminkalender wird in den folgenden Tage ein dichter sein und sie medial wohl hochpräsent. Auf einen öffentlichen, frei zugänglichen Auftritt sei hingewiesen: Am Samstag, den 24. Oktober, ist sie um 18:30 Uhr Gast im Festivalzentrum am Badeschiff, um über ihre Arbeit, ihren künstlerischen Werdegang sowie über aktuelle Projekte zu sprechen, sowie mit Regisseurin Cynthia Beatt über die gemeinsame Essyadokumentation "The Invisible Frame".

Das Festivalzentrum wurde übrigens am Donnerstag ebenfalls mit einer Eröffnungsparty freigegeben - eine deutliche Verbesserung: Im Gegensatz zu den in den vergangenen Jahren oft etwas beengten Verhältnissen im Dachgeschoß der Urania sorgt der zweigeschossige Aufbau des Badeschiffes dafür, dass intensive Musikprogramme (im sogenannten Laderaum) und Wünsche nach ausufernden Plauderrunden einander nicht behindern können. (APA/red)

 

  • Naturgemäß nicht im Bild: die spektakulär verdichtete Ansammlung von Fotografen und TV-Kameras, als Viennale-Direktor Hans Hurch mit Stargast Tilda Swinton die Treppe im Foyer des Gartenbaukinos hinabstieg.
 
    foto: standard / newald

    Naturgemäß nicht im Bild: die spektakulär verdichtete Ansammlung von Fotografen und TV-Kameras, als Viennale-Direktor Hans Hurch mit Stargast Tilda Swinton die Treppe im Foyer des Gartenbaukinos hinabstieg.

     

  • Das parallel dazu eröffnete Festivalzentrum der Viennale befindet sich 2009 erstmals am Badeschiff am Donaukanal unweit der Urania (im Hintergrund). Fixpunkt sind tägliche DJ-Lines, davor werden Filme in LiveActs weitergedacht: So spielt am 31.10. die Wiener Band JSBL ihre Versionen von James Brown anlässlich des Films "Soul Power"  oder betätigt sich "La doctora corazón" zu Allerseelen an den Turntables - anlässlich innovativer Filme aus Lateinamerika, wie "Gasolina" (Guatemala), "Castro" (Argentinien) oder "Intimidades de Shakespeare y Víctor Hugo" (Mexiko).Exklusiv treffen der Filmemacher und Medienkünstler Ben Russell, schon öfter bei der Viennale zu Gast (heuer mit Trypps #1-#6), und der Musiker Ekkehard Ehlers (Berlin) in einem LiveAct aufeinander: "On Becoming" heißt das Experiment in low-tech-Video-Camouflage (26.10., 21 Uhr).Gespräche mit prominenten Gästen: etwa zur kulturphänomenlogischen  Frage der Massenemotionalisierung anlässlich von Romuald Karmakars DJ-Porträt "Villalobos" ("One Nation Under a Groove", 31.10., 18 Uhr) oder zur Bedeutsamkeit des von Industrie- und Produzenteninteressen unabhängigen Arbeitens für FilmemacherInnen ("Für ein kleines Kino", 30.10., 18 Uhr).Literarisches: Romeo Carey, Sohn von Timothy Carey, liest exklusiv aus dem Nachlass und Universum seines Vaters sowie aus dem Theaterstück "The Insect Trainer" (1992), Carey letztem Werk als Autor (2.11., 21 Uhr). Und Guo Xiaolu schließlich, die junge chinesische Filmemacherin und Schriftstellerin, der die Viennale ein Special widmet, liest aus ihren Romanen - Echos einer neuen Generation, schnörkellos, nüchtern und  auf ungewöhnliche Art widerständig ("UFO In Her Eyes", 3.11., 19 Uhr).Experimentelle Performancekunst: So  Erstmals in Österreich tritt der New Yorker Sänger und Performer Kalup Linzy auf. Er verbindet populäre Kunstformen mit verschütteten, musikalischen Widerstandstradition der Black Americans. "Sweet, Sampled and LeftOva" heißt seine bei der Viennale dargebotene Performance (27.10., 23 Uhr).Für das gesamte und detaillierte Programm siehe www.viennale.at
 
    foto: viennale

    Das parallel dazu eröffnete Festivalzentrum der Viennale befindet sich 2009 erstmals am Badeschiff am Donaukanal unweit der Urania (im Hintergrund).

    Fixpunkt sind tägliche DJ-Lines, davor werden Filme in LiveActs weitergedacht: So spielt am 31.10. die Wiener Band JSBL ihre Versionen von James Brown anlässlich des Films "Soul Power" oder betätigt sich "La doctora corazón" zu Allerseelen an den Turntables - anlässlich innovativer Filme aus Lateinamerika, wie "Gasolina" (Guatemala), "Castro" (Argentinien) oder "Intimidades de Shakespeare y Víctor Hugo" (Mexiko).

    Exklusiv treffen der Filmemacher und Medienkünstler Ben Russell, schon öfter bei der Viennale zu Gast (heuer mit Trypps #1-#6), und der Musiker Ekkehard Ehlers (Berlin) in einem LiveAct aufeinander: "On Becoming" heißt das Experiment in low-tech-Video-Camouflage (26.10., 21 Uhr).

    Gespräche mit prominenten Gästen: etwa zur kulturphänomenlogischen Frage der Massenemotionalisierung anlässlich von Romuald Karmakars DJ-Porträt "Villalobos" ("One Nation Under a Groove", 31.10., 18 Uhr) oder zur Bedeutsamkeit des von Industrie- und Produzenteninteressen unabhängigen Arbeitens für FilmemacherInnen ("Für ein kleines Kino", 30.10., 18 Uhr).

    Literarisches: Romeo Carey, Sohn von Timothy Carey, liest exklusiv aus dem Nachlass und Universum seines Vaters sowie aus dem Theaterstück "The Insect Trainer" (1992), Carey letztem Werk als Autor (2.11., 21 Uhr). Und Guo Xiaolu schließlich, die junge chinesische Filmemacherin und Schriftstellerin, der die Viennale ein Special widmet, liest aus ihren Romanen - Echos einer neuen Generation, schnörkellos, nüchtern und auf ungewöhnliche Art widerständig ("UFO In Her Eyes", 3.11., 19 Uhr).

    Experimentelle Performancekunst: So Erstmals in Österreich tritt der New Yorker Sänger und Performer Kalup Linzy auf. Er verbindet populäre Kunstformen mit verschütteten, musikalischen Widerstandstradition der Black Americans. "Sweet, Sampled and LeftOva" heißt seine bei der Viennale dargebotene Performance (27.10., 23 Uhr).

    Für das gesamte und detaillierte Programm siehe www.viennale.at

     

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