Der Rechenfehler bei den Biotreibstoffen

22. Oktober 2009, 20:13
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Internationale Experten weisen auf erhebliche indirekte Emissionen hin, die bei der Biomassegewinnung entstehen

Laxenburg/Washington - Sie gelten als ein möglicher Ausweg aus der Klimakrise. Doch nun verlangen internationale Experten, bei der Umweltfreundlichkeit von Biotreibstoffen doch noch einmal genauer hinzuschauen. Inwiefern die grundsätzlich als klimaneutral geltenden Biotreibstoffe wirklich ökologisch sinnvoll sind, hängt von der Menge der genutzten Biomasse ab.

Die sogenannten indirekten Emissionen, die etwa durch Landnutzungsveränderungen im Zuge einer umfangreichen Biomasse-Gewinnung entstehen können, tauchen aber bisher nicht in den Treibhausgas-Bilanzrechnungen der Länder auf, sagte Michael Obersteiner vom Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (Iiasa) in Laxenburg, einer der Ko-Autoren einer Studie im Wissenschaftsmagazin "Science".

Bisher wird Bioenergie in den Bilanzen als "CO2-neutral" geführt - unabhängig von der Menge der aufgebrachten Biomasse und des damit einhergehenden erhöhten Landbedarfs. Wird der Wald in großem Maßstab aufgrund von Landbedarf, durch Verbrennung oder auch zur Gewinnung von landwirtschaftlichen Anbauflächen zerstört, wird sehr viel Kohlendioxid freigesetzt - nicht ohne Auswirkung auf die Emissionsbilanz.

Doch auch die Verordnung und Richtlinien der EU und USA zu den Treibhausgasemissionen und gesteckten Reduktionszielen im Kampf gegen den Klimawandel lassen diese Tatsache unberücksichtigt. Sie gehörten dahingehend verbessert, dass sie die indirekten Emissionen aufgrund erhöhter Landexpansion bei der Gewinnung von Biomasse und der Nutzung von Biotreibstoffen berücksichtigen, fordern die insgesamt 13 Experten um Obersteiner nun öffentlichkeitswirksam im Vorfeld zur UN-Klimakonferenz von 7. bis 18. Dezember in Kopenhagen.

Um die indirekten Emissionen von Treibhausgasen - allen voran Kohlendioxid - zu bestimmen, müsse man Lebenszyklusanalysen berücksichtigen. Es müsste beispielsweise einbezogen werden, wie das Zuckerrohr für die Ethanolerzeugung angebaut wird, wie viel Kohlendioxid anderswo freigesetzt wurde aufgrund verdrängter landwirtschaftlicher Produktion, wie das Zuckerrohr in der Fabrik energetisch genutzt wird, bis hin zur Frage nach seinem Verbrauch durch den Konsumenten.

Bisherige Studien haben bereits gezeigt: "Auch wenn die indirekten Effekte sehr schwer zu quantifizieren und mit viel Unsicherheit verbunden sind, so sind sie ein wesentlicher Faktor der gesamten Treibhausgasbilanz auf globaler Ebene und müssen daher berücksichtigt werden", so Obersteiner.

Damit könnte sich laut Obersteiner auch vermeiden lassen, "dass etwa in Europa ineffizient mit Raps gearbeitet wird". Ineffizienz insofern, als mit dem Rapsanbau im großen Stil die benötigte landwirtschaftliche Produktion verdrängt und beispielsweise nach Brasilien ausgelagert würde, "wo dann etwa Sojafelder auf Kosten der Wälder expandieren". Damit gehe Wald als großer Kohlendioxidspeicher verloren. (APA, red, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. Oktober 2009)

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    Rapsfelder haben unterschätzte CO2-Folgekosten.

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