Die Mafiabosse sitzen in den Banken

22. Oktober 2009, 18:27
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Die organisierte Kriminalität handelt mit Emissionszertifikaten und versucht, mit gefälschten Medikamenten die Pharmaindustrie zu infiltrieren

Moderne Paten machen sich längst nicht mehr die Hände schmutzig.

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Saalfelden - "Die Mafia ist keine tropische Krankheit. Die Paten mögen aus dem warmen Süden kommen, doch für ihr Überleben brauchen sie die Banken im kalten Norden." Leoluca Orlando muss es wissen. Er entstammt einer der ältesten sizilianischen Adelsfamilien, geboren in der Mafia-Hochburg Corleone, er war von 1993 bis 2001 Oberbürgermeister von Palermo und sitzt jetzt im römischen Parlament. Von allen Titeln, die ihm verliehen wurden, trägt er "Mafiajäger" am stolzesten. Viele Mafiagrößen hat er dingfest gemacht, doch sein größter Erfolg ist wahrscheinlich, dass er noch lebt. Ausgefochten ist Orlandos Kampf gegen die Mafia aber noch nicht. "Ich bin überzeugt davon, dass wir die modernen Paten in den großen europäischen Banken suchen müssen", sagte er am Donnerstag bei den vom Kuratorium Sicheres Österreich (KSÖ) veranstalteten Sicherheitstagen in Saalfelden.

Auf welche Bereiche sich die organisierte Kriminalität künftig konzentrieren wird, beschreibt auch der neue Europol-Lagebericht. Groß im Kommen ist zum Beispiel Mehrwertsteuerbetrug und hier vor allem der länderübergreifende Handel mit Emissionszertifikaten. "Jemand registriert sich national als Trader, erwirbt in einem anderen Land steuerfrei die in der Industrie heißbegehrten Zertifikate, geht damit woanders an die Börse und kassiert dann die Mehrwertsteuer", umriss Europol-Sprecher Gerald Hesztera die einfach anmutende Methode. Pro Jahr entstehe dadurch bereits ein Schaden von 100 Milliarden Euro.

Als Alarmzeichen wertet Europol auch das erstmalige Auftauchen von gefälschten Medikamenten im normalen Handel. Ein Apotheker aus Großbritannien fiel aus allen Wolken, als die staatliche Kontrollagentur in seinen Regalen ein gefälschtes und völlig unwirksames Krebsmedikament fand. "Das bedeutet, dass es den Fälschern gelungen ist, sich in die legale Distribution einzuklinken", so Hesztera.

Der Fall zeige deutlich, wie gefährlich Produktpiraterie sein könne. Hesztera: "Es geht nicht nur um das nachgemachte Lacoste-Shirt, sondern auch um essenzielle Produkte wie Autobremsanlagen und Flugzeugersatzteile." Größte Umschlagplätze für minderwertige Fälschungen seien die Häfen von Rotterdam und von Konstanz.

Gewalt gegen Gesellschaft 

Bei seinen Analysen hat das europäische Polizeiamt auch den Typus "Gewalt gegen die Gesellschaft" eingeführt. Dabei handelt es sich gewissermaßen um ein Branding mit bekannten Kriminalitätsgruppen. Die Mafia verleiht quasi ihren Namen an andere Gruppierungen, die dafür Franchise-Gebühren zahlen. Dadurch entsteht ein loses Netzwerk von Organisationen, das global agieren kann. Korruption auf hohem Level gehört ebenso dazu wie Gewalt gegen Richter, Zeugen und Staatsanwälte, um eine Verfolgung zu verhindern.

Zivilcourage ist für Leoluca Orlando das beste Mittel gegen mafiöse Strukturen. "Corleone galt jahrzehntelang als die sicherste Stadt Italiens, weil die Statistik keine Verbrechen aufwies. Dabei wusste jeder, dass die Mafia mordet. Als die Menschen nicht mehr schweigen wollten, brach das Krebsgeschwür schließlich auf." (Michael Simoner, DER STANDARD - Printausgabe, 23. Oktober 2009)

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    Emissionszertifikate zum Beispiel von Kraftwerken sind heiß begehrt. Beim internationalen Handel damit werden pro Jahr 100 Milliarden Euro an Steuern hinterzogen, schätzt Europol.

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    Sizilianer und Mafiajäger: Leoluca Orlando.

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