Das erfundene Viertel und Zeit-Monumente

22. Oktober 2009, 18:15
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Detr Steirische Herbst eröffnete mit "Annenviertel" langfristig neue Räume für Stadtkultur

Graz - Die Schrift auf dem ehemaligen Süßwarengeschäft, wo einst Schüler die Entscheidung trafen, ob sie die Schule schwänzten, ist fast unlesbar. Weiter oben in der Annenstraße verkauft ein Inder die besten Nüsse der Stadt, und das legendäre Café Eisvogel mit seinen Flöhen in den Sesselbezügen aus Plüsch ist verschwunden.

Ein Rundgang mit den Filmproduzenten Renate und Andreas Meschuh, die das Haus, in dem seit 100 Jahren das Annenhofkino ist, besitzen, macht neue Erinnerungsräume in der Straße auf, die angeblich stirbt. Tatsächlich ist sie voll Leben, man muss sich nur Zeit für sie nehmen. In den 60ern ganz elegante Einkaufsmeile, pflegt sie heute den herben Charme.

Während der Steirische Herbst 2009 eigentlich seit dem vergangenen Wochenende vorbei ist, nimmt ein Projekt des Festivals, das auf zwei Jahre angelegt ist, weiter spannende Gestalt an. Für Annenviertel, Die Kunst des urbanen Handelns erfanden der Kunstverein Rotor und die Kulturtheoretikerin Elke Krasny ein Viertel. Das Annenviertel gab es als Begriff bisher nicht. Es sind die Plätze, Gassen und Hinterhöfe um die Annenstraße, die die ehemaligen Arbeiterbezirke Lend und Gries trennt. Neue Grazer und alt eingesessene betreiben ihre Geschäfte nebeneinander.

Annenviertel ist neben der von Sabine Breitwieser kuratierten Schau Utopie und Monument, die 2010 fortgesetzt wird, die zweite große Produktion des Festivals, das stets neue Räume für Kunst fand.

Zum viel zitierten öffentlichen Raum gehören für Kransny auch diskursive Räume. Und solche machte das Projekt schon in den ersten Wochen auf. Denn neben Ausstellungen im Rotor und auf den Straßen, wo etwa das wuchernde Greened Car der Brasilianer BijaRi parkte, gibt es laufend Diskussionen, von Anrainern geführte Rundgänge, Viertelradio und eine Viertelzeitung - alles unter reger Anteilnahme von "Annenviertlern" . Eine nachhaltige Arbeit mit belebenden Nebenwirkungen für einen ganzen Stadtteil. (Colette M. Schmidt / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.10.2009)

 

Nächster Rundgang 30. 10.

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