Die Hildegard Knef des Punk: Bettina Köster

22. Oktober 2009, 18:05
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Mit Bands wie Malaria! zählte sie zu den einflussreichen Fixsternen der Berliner Punk- und New-Wave-Szene der frühen 1980er-Jahre, nun erscheint ihr spätes Debütalbum "Queen Of Noise"

Wien - Am Ende des Gesprächs erkundigt sich Bettina Köster, ob sie eh nicht zu viel geschimpft habe. Eine Sorge, aus der zwei Jahrzehnte Lebensmittelpunkt New York sprechen, wo man eine höhere Sensibilität gegenüber den Höflichkeiten des Alltags hegt als hierzulande. Aber die Bedenken der deutschen Musikerin, die Ende der 1970er, Anfang der 1980er mit den Bands Mania D. und Malaria! eine der zentralen Figuren der Berliner Underground-Szene war, sind unbegründet. Sie schimpfte nur ganz wenig.

Lediglich Vergangenheitsverklärung wie sie seit einigen Jahren im Umgang mit der Pop-Historie betrieben wird, insbesondere ihre eigene, behagen der 50-Jährigen gar nicht. Da nickt sie das Wort "Veteranenscheiße" dankbar ab - ohne es selbst zu verwenden. Punk sei schließlich kein Sparverein, in den man 30 Jahre einzahle und dann irgendwann mit Ehre belohnt würde. Auch sei Malaria! nicht wirklich Punk gewesen, aber die Haltung habe sie geprägt. "Wir haben uns damals alle zusammengetan, Künstler und Musiker, und einfach selbst organisiert, was gefehlt hat. Wir haben ja dauernd Neuland betreten, und da gab es keine Orte für Leute wie uns."

Also wurden aus dem Nichts Strukturen erschaffen. Diese zeitigten im Falle von Malaria!, deren Sängerin Köster war, eine Karriere mit internationalen Tourneen und gemeinsamen Auftritten mit Künstlern wie John Cale, The Birthday Party, New Order oder Siouxsie and the Banshees. Zu den prominenten Fans der Band gehörte Catherine Deneuve, Nick-Cave-Wegbegleiter Mick Harvey spricht heute noch in höchsten Tönen von Köster und Co. Und das feministische Kasperltheater von Chicks On Speed hat von Malaria! fast alles abgekupfert - bis auf die Würde.

Queen Of Noise

Nach mehr als zwanzig Jahren weitgehender Musikbusiness-Abstinenz veröffentlicht Köster nun ihr erstes Soloalbum. Dieses ist mit Queen Of Noise betitelt, eine Anspielung auf die verstorbene britische Radio-DJ-Legende John Peel, der die Band Mania D. einst liebevoll als seine "Queens of noise" bezeichnet hatte. Noch so ein prominenter Fan. Erschienen ist Queen Of Noise bei Asinella Records, dem Label der Wiener Musikerin Clara Luzia.

Darauf treffen alte auf neue Qualitäten. Die formal so strenge wie einfache Bauweise von Kösters Songs lehnt sich ästhetisch an die ähnlich konstruierten, stark repetitiven Stücke von Malaria! an. "Ich mag reduzierte Geschichten, je einfacher, desto klarer" , erklärt sie ihre Vorliebe. Während Malaria! ihre Songs mit einer dem damaligen Zeitgeist geschuldeten Coolness serviert haben, wirkt Köster heute weniger distanziert, vielmehr erhaben. Mit dem Vergleich, die Hildegard Knef des Punk zu sein, kann sie gut leben.

Dementsprechend souverän stakst sie mit herrlich verrauchtem Sprechgesang durch Stücke wie Crime Don't Pay (Stupid) oder ausgesuchte Coverversionen wie Femme Fatale - "ein Gruß an Nico" - oder Helter Skelter von den Beatles. Bohrende Synthie-Sounds lassen sie ihre Nonchalance dann und wann ablegen und stimmlich in Richtung zornige Erregung driften - ohne je die Fassung zu verlieren. Dabei klingt sie stellenweise so cool wie Disco-Diva Grace Jones - oder die alte Peitschenschwingerin der Munich Disco, Amanda Lear. Ein Umstand, den ihr deutsches Idiom zusätzlich unterstreicht, während Köster findet, sie schütte in jedem Song bloß ihr Herz aus. Ganz einfach. Ohne den doppelten Boden der Coolness.

Kalt und warm

Das ist möglicherweise kokett. Aber vielleicht ist genau das ihr Geheimnis, dieses Zusammenführen von Coolness und Herzblut, während rundherum die Rhythmen trocken knattern und die Gitarre lärmt. Verantwortlich für die prächtige Soundkulisse sind (neben Köster selbst) Freunde aus Berlin und Wien. Etwa Alexander Nefzger, der Multiinstrumentalist und Produzent von Clara Luzia. Oder Bernhard Moshammer. Oder Ines Perschy, die Drummerin von Clara Luzia. Neben den angriffigen Stücken erweist sich die heute vornehmlich in Italien lebende Musikerin auch als tolle Balladeninterpretin, wie Pity Me oder das finale Thar She Blows belegen.

Köster ist so ein vielschichtiges, ein modernes wie originelles Album gelungen, das sich Trendzuordnungen elegant und weise entzieht. Und das sind bekanntlich die dauerhaften, ja, die zeitlos gültigen Arbeiten. (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.10.2009)

 

Bettina Köster: Queen Of Noise (Asinella Records / Hoanzl)

Bettina Köster live: Freitag, 23. 10., Project Space, 4., Karlsplatz, 21.00

  • Bettina Köster: "Einmal Punk, immer Punk."  Am Freitag präsentiert sie in Wien ihr Solodebüt "Queen Of Noise"
    foto: sarah haas

    Bettina Köster: "Einmal Punk, immer Punk."  Am Freitag präsentiert sie in Wien ihr Solodebüt "Queen Of Noise"

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