Einen Fuß in der Tür

27. Oktober 2009, 17:02
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"Ein Trainee-Programm sollte eine 'Win-Win'-Situation für alle Beteiligten sein"

Im Idealfall ebnen Trainee-Programme sogenannten "High Potentials" den Weg in das Unternehmen ihrer Wahl. Wer sich als Trainee ausbilden lässt, tut dies üblicherweise nach dem Studienabschluss, zwischen Praktikum und dem ersten "regulären" Arbeitsvertrag.

Die in der Regel ein bis drei Jahre dauernden Trainee-Programme "bieten die Möglichkeit, ein Unternehmen ganzheitlich kennenzulernen", weiß Irmgard Friedl, Trainee der Raiffeisen Zentralbank und Rechnungsprüferin des österreichischen Netzwerkes TraineeNet, von ihren eigenen - optimalen - Erfahrungen zu berichten. "Besonders in großen Unternehmen hat man diese Gelegenheit sonst nicht, da die Berufsbilder sehr spezifisch sind."

"Win-Win"

"Ich habe nicht genau gewusst, wo meine Interessen liegen, wollte viel sehen und Unternehmensstrukturen kennenlernen, bevor ich mich für eine fixe Stelle bewerbe", erzählt Antonia Stelzl von ihrer Entscheidung für knapp drei Jahre als Trainee bei der Industriellenvereinigung. Davor absolvierte sie ihr Doktoratsstudium an der WU Wien im Bereich Mikrofinanzierung und sammelte in Brüssel Berufserfahrung als Assistentin von Abgeordneten. 

In ihren ersten beiden Trainee-Jahren war sie als Koordinatorin für ein Peer-Learning-Projekt im Unterrichtsministerium im Einsatz und an einem Projekt für das Forum Alpbach beteiligt. Ihr Lebenslauf sei sehr Institutionen-lastig, weshalb sich Stelzl nun in ein privates Mitgliedsunternehmen entsenden lassen will. "Ich kann ausloten, wo ich mich wohl fühle und dort meine Stärken einbringen." Darin liege auch der Nutzen für Trainees: "Es sollte für beide Seiten eine 'Win-Win‘-Situation sein."

Networking

Kontakte knüpfen ist unter Trainees angesagt. So ist Antonia Stelzl nicht nur Trainee bei der IV, sondern seit Oktober auch Obfrau von TraineeNet. "Die Plattform ist eine gute Ergänzung für alle Traineeprogramme." TraineeNet ist so geplant, dass Trainees selbst das Netzwerk leiten und den Verein führen. "Man kann in einem unabhängigen Rahmen zusammenkommen, sich mit Menschen mit unterschiedlichen beruflichen Hintergründen, Fähigkeiten und Interessen treffen und so die Voraussetzungen für den Aufbau eines branchenunabhängigen Netzwerks schaffen".

Wohin als Trainee?

Es gibt mehrere Möglichkeiten, sich als Trainee zu bewerben: in einem nationalen oder internationalen Unternehmen, in einer sozialpartnerschaftlichen Institution wie der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), oder einer nicht sozialpartnerschaftlichen Institution wie der Industriellenvereinigung (IV).
Stelzl: "Das Trainee-Programm der Industriellenvereinigung bietet die Möglichkeit, viele verschiedene Stationen in Institutionen oder Mitgliedsunternehmen zu durchlaufen - auch im internationalem Bereich." Derzeit sind 18 Trainees für jeweils maximal 30 Monate eingesetzt. Pro Jahr werden durchschnittlich fünf neue Trainees aufgenommen.

Die Wirtschaftskammer bietet drei Trainee-Programme:
Im Rahmen des WKÖ-Trainee-Programmes erhalten Uni- oder FH-Absolventen mit einem Master- oder Diplomstudium der Wirtschafts- oder Rechtswissenschaften die Möglichkeit, an der Interessenvertretung für Mitgliedsbetriebe mitzuarbeiten. Idealerweise werden in drei Jahren drei unterschiedliche Stationen durchlaufen. Bis 9. November läuft die Bewerbungsfrist.

Das einjährige EU-Trainee-Programm legt das Schwergewicht auf die Bedeutung der Europäischen Union für die österreichische Wirtschaft und hat die Netzwerkbildung zu den Europäischen Institutionen als wichtigstes Ziel.
Das insgesamt zehn Jahre dauernde AWO-Trainee-Programm bereitet auf die Tätigkeit eines Handelsdelegierten vor.

Nicht nur für Wirtschafter und Juristen

"Prinzipiell kommen Trainee-Programme nicht nur für Absolventen der Wirtschafts- oder Rechtswissenschaften in Frage. Auch ein Studienabschluss ist nicht zwingend, in vielen Unternehmen aber Voraussetzung", weiß Irmgard Friedl. Angesichts der zahlreichen Bewerber, müsse man allerdings neben Interesse und Engagement auch Auslandserfahrung, überdurchschnittlich gute Noten, Praktika etc. vorweisen.

Als Trainee beim Hilfswerk

Nicht notwendig ist ein Studienabschluss beim Trainee-Programm des Hilfswerk Austria. "Die Arbeit in einer sozialen Organisation, in der man Menschen unterstützen kann, entspricht meinen Interessen", ist Sandra Eisenmann vom Sinn ihrer dreijährigen Lehre in der Landesgeschäftsstelle Salzburg überzeugt. 

In den ersten beiden Lehrjahren durchlief Eisenmann die Abteilungen Finanzen und Infrastruktur sowie das Office der Geschäftsführung. "Nach dem zweiten Lehrjahr war mir klar, dass ich bleiben will." Ab da arbeitete Eisenmann verstärkt in der Abteilung PR und Marketing mit.

Sie fotografierte auf Veranstaltungen, entwarf Plakate und war an der Verwaltung des Intranet und der Homepage beteiligt. Ein Mix, der sie bis heute motiviert: "Ganz anders als in einer Schulklasse arbeiten wir in unserer Firma als ein super eingespieltes Team."

Generation Praktikum?

Beim Einstieg ins Berufsleben nach dem Studium, sind die Grenzen zwischen dem Einsatz von Akademikern als billige Arbeitskräfte und zukunftsträchtigen Förderprogrammen oft nicht klar erkennbar. Das Trainee-Gehalt liegt im Durchschnitt 20 bis 30 Prozent unter einem Einstiegsgehalt für WU-Absolventen. Gegenleistung für das reduzierte Gehalt ist der Ausbildungsteil. Bei der Bewerbung als Trainee in einem Unternehmen sollte man deshalb auf Transparenz bei den Ausbildungsplänen, Arbeitsbereichen und Mentoren achten. 

"Innerhalb eines Trainee-Programms wird man sehr gefördert. Dies äußert sich in regelmäßigen Feedback-Gesprächen, im Besuch zahlreicher Seminare und gegebenenfalls auch in Auslandsaufenthalten," berichtet Irmgard Friedl von ihrem Trainee-Programm bei Raiffeisen. Und weiter: "Ein Trainee-Programm ist viel umfangreicher als ein Praktikum und läuft meistens auf eine fixe Anstellung hinaus."

Klare Grenzen

Auch die WKÖ unterscheidet klar zwischen Praktikum und Trainee-Programm - sowohl aus vertraglicher Sicht als auch in ihrer Tätigkeit. "Die Trainees erhalten einen 40-Stunden Dienstvertrag. Dieser ist, je nach Dauer des Trainee-Programmes, befristet. Das WKÖ-Einstiegsgehalt für Akademiker beträgt brutto rund 2.000 Euro im Monat", erklärt Georg Petek-Smolnig, Abteilung Personal und Organisationsentwicklung.
"Die Work-Life-Balance ist o.k.", findet Antonia Stelzl. "Von meinem Gehalt kann ich mir eine Wohnung leisten und definitiv unabhängig leben."

Lobbying für junge Menschen

"In meiner Beratung kommen Trainees nicht vor", meint Josef Leitner, arbeitsrechtlicher Berater der Arbeiterkammer Wien, Schwerpunkt Jugend, gibt aber zu bedenken, dass das nicht bedeute, es gebe keine Probleme. "Es existieren nur wenige Zahlen. Was mir generell fehlt, ist ein Lobbying für junge Menschen."

Leitner rät angehenden Trainees, auf ihre Chancen zu achten, in einem Unternehmen tatsächlich Fuß fassen zu können. "Oft ist es nicht nachweisbar, ob sich die Ausbildung nach der Ausbildung tatsächlich rechnet." Gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise.

Trainee-Dasein in Krisenzeiten

"Es ist korrekt, dass in Zeiten der Krise auch Trainee-Programme zurückgefahren werden, jedoch nicht zwingend auf Null", äußert sich Irmgard Friedl von TraineeNet zu Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf Trainee-Programme. "Es gibt auch Unternehmen, die speziell in der Krise auf Traineeprogramme setzen, um sich für die wirtschaftliche Erholung personell zu wappnen und/oder um Kontinuität zu beweisen." Institutionen wie WKÖ oder IV planen jedenfalls keine Einsparungen. (derStandard, Eva Tinsobin, 27.10.2009)

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    TraineeNet ist so geplant, dass Trainees selbst das Netzwerk leiten und den Verein führen.

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