Entführungsopfer in U-Haft genommen

23. Oktober 2009, 15:24
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Vater von Mordopfer ließ mutmaßlichen Täter entführen - In Frankreich und Deutschland ist deshalb Debatte entbrannt

Wie soll sich ein Gericht verhalten, wenn der Vater eines Mordopfers den mutmaßlichen Täter selbst entführt und festsetzt? In Frankreich und Deutschland ist angesichts des Falls K. darum eine Debatte entbrannt.

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Paris - Es wäre eine Prüfungsfrage für Jusstudenten: Darf die Justiz einen Verbrecher hinter Gitter setzen, wenn er der Polizei auf unrechtmäßige Weise ins Netz gegangen ist? Die französischen Behörden bejahen fürs erste: Ein Pariser Richter hat über den deutschen Kardiologen Dieter K. am Mittwochabend Untersuchungshaft verhängt - obwohl ihn ein Privatmann entführen und vor einer Polizeistation gefesselt zurück ließ.

Der 74-jährige Deutsche war 1995 in Frankreich wegen fahrlässiger Tötung seiner Stieftochter Kalinka verurteilt worden. Möglicherweise hatte er die 14-Jährige in den Sommerferien 1982 in Lindau am Bodensee zuvor vergewaltigt. K. blieb dem Prozess fern, Deutschland lieferte ihn nicht aus, weil es keine stichhaltigen Beweise gebe.

Kalinkas leiblicher Vater André Bamberski (71) behauptet jedoch, das medizinische Gerichtsgutachten sei von einem Freund K.s erstellt worden. Bei der Exhumierung der Leiche fehlten offenbar die Geschlechtsorgane. Bamberski verfolgte K. - der in Deutschland schon wegen anderer Sexualdelikte und illegaler Ausübung seines Berufs verurteilt worden ist - jahrelang mit Hilfe von Privatdetektiven und Anwälten. 27 Jahre nach der Tat schritt er zur Selbstjustiz.

Angst vor Nachahmern

Wie er diese Woche selber gestand, heuerte er einen Kosovaren an, der K. entführte, fesselte und ihn in Mülhausen (Elsass) vor einem Polizeikommissariat mit einer leichten Kopfverletzung aussetzte. Der Deutsche kam zuerst in Spitalspflege und am Mittwochabend in Untersuchungshaft.

Nach einem Urteil des Europäischen Menschenrechtshofes müsste K. erneut der Prozess gemacht werden. Dazu kommt jetzt die Frage, ob nach einer illegalen Freiheitsberaubung überhaupt eine rechtmäßige Haftverordnung erfolgen kann. Im Fall des Topterroristen Carlos, den französische Agenten aus dem Sudan nach Paris entführt hatten, befand der französische Kassationshof 1995, die Anordnung einer Haftstrafe sei "keineswegs an die freiwillige Rückkehr nach Frankreich gebunden" . Carlos sitzt deshalb noch heute in Haft.

Auch der Nazi-Scherge Klaus Barbie und der OAS-Algerienkriegsaktivist Antoine Argaud waren auf ähnliche Weise aus Bolivien beziehungsweise Deutschland nach Paris verschleppt worden. Die Entführer waren allerdings Polizisten - im Fall K. jedoch Privatleute.

Robert Bouloc, Rechtsprofessor an der Pariser Sorbonne-Universität, sieht allerdings keinen Unterschied: "Die Justiz sagt sich, der Gesuchte ist da, egal wie, Hauptsache er kann in Frankreich dem Recht zugeführt werden." Unabhängig davon werde entschieden, ob Bamberski selbst wegen Entführung angeklagt werde, meint der Rechtsprofessor.

Bamberski wehrt sich nicht einmal gegen die Anklage gegen ihn selbst. Er sei mit sich "im Reinen" sagte er, "ich habe mein Ziel erreicht."

In Justizkreisen wird allerdings befürchtet, dass sein Vorgehen Nachahmer finden könnte. "Ich kenne mehrere Eltern, die dem Mörder ihrer Tochter oder ihres Sohnes nachstellen wollen, wenn er aus der Haft kommt" , meinte der Präsident des französischen Vereins zum Schutz vor Sexualdelikten, Jean-Pierre Escarfail. Er warnt aber: "Man darf nicht in die persönliche Rache abgleiten, sonst hört das nie mehr auf."

Deutschland will entführten Arzt aus Frankreich zurückholen

Deutschland will sich für eine Rückkehr des aus Bayern nach Frankreich verschleppten Arztes Dieter K. einsetzen. Das Außenministerium suche "gemeinsam mit den französischen Kollegen" nach einer Lösung, die die Rückkehr des 74-Jährigen ermögliche, sagte ein Sprecher des Bundesaußenministeriums am Freitag in Berlin.

Das Außenministerium lege "großen Wert auf eine reibungslose und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Frankreich", sagte der Außenamtssprecher. Die deutsche Botschaft bemühe sich um konsularischen Zugang zu dem in Paris inhaftierten Kardiologen. Deutschland habe aber nicht seine sofortige Freilassung beantragt.(Stefan Brändle, DER STANDARD - Printausgabe, 23. Oktober 2009, APA)

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    Seit 27 Jahren versucht André Bamberski (Mitte), den mutmaßlichen Mörder seiner Tochter hinter Gitter zu bringen. "Jetzt habe ich mein Ziel erreicht" , sagt er.

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