Auch wilde Schimpansen haben Kultur

22. Oktober 2009, 18:33
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Neue Beweise für kulturspezifische Weitergabe von Werkzeuggebrauch gefunden

Nairobi - Was ist Kultur? Legionen von Geisteswissenschaftern haben sich Antworten auf diese Frage abgerungen. Mittlerweile haben sich aber auch Verhaltensforscher in die Debatte eingeschaltet und einen weiten Kulturbegriff vorgeschlagen: nämlich die Übertragung von Gewohnheiten und Wissen durch soziales Lernen. Dann nämlich gibt es auch im Tierreich Kultur, wie etwa der Primatologe Frans de Waal behauptet.

Entdeckt wurde dieses Phänomen der kulturellen Tradition bei Affen freilich schon vor über 50 Jahren durch seinen japanischen Kollegen Kinji Imanishi, der beobachtete, wie wild lebende Tiere zum Beispiel das Waschen von Kartoffeln in einem Fluss von einer Generation auf die nächste weitergaben. Bleibt noch immer die Frage, ob ein solches Verhalten nicht womöglich doch auch genetische oder in der Umwelt liegende Ursachen hat.

Nun liefert ein internationales Wissenschafterteam weitere überzeugende Beweise dafür, dass bei wild lebenden Menschenaffen spezifische Traditionen existieren, die von einer Generation an die nächste weitergegeben werden. Verhaltensforscher um Klaus Zuberbühler beobachten schon seit vielen Jahren, dass zwei benachbarte Schimpansenpopulationen in Ostafrika unterschiedliche Techniken benutzen, um an Futter zu gelangen: Eine Gruppe im Waldgebiet Kibale benützt Stöcke als Werkzeuge, die andere im Budongo-Wald dagegen stellt aus zerkauten Blättern eine Art Schwamm her, um damit etwa an Wasser zu gelangen. 

Zum Beweis dafür, dass diese Techniken Kulturunterschiede sind, haben sich die Forscher ein Experiment ausgedacht und stellten die Mitglieder der beiden Gruppen vor eine völlig neue Aufgabe: Sie bohrten Löcher in Baumstämme und deponierten darin Honig. Es kam, was kommen musste, wie Zuberbühler und Kollegen im Fachblatt "Current Biology" berichten: Die Budongo-Schimpansen bastelten wieder ihre Schwämme, während die Nachbarn aus Kibale zu ihren Stöcken griffen. (tasch, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. Oktober 2009)

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