Moscheen als "kulturelle Chance"

22. Oktober 2009, 18:45
13 Postings

Die Diskussion um die Höhe von Minaretten sei nur ein Scheingefecht, sagt Kulturhistoriker Christian Welzbacher

Warum Kulturhistoriker Christian Welzbacher die Minarette-Debatte für ein Scheinproblem hält, erzählt er im Interview mit Wojciech Czaja.

***


STANDARD: In Ihrem Buch „Euroislam-Architektur" brechen Sie eine Lanze für eine europäisierte Form islamischen Bauens. Was kann man sich darunter vorstellen?

Welzbacher: Wenn man die Geschichte des Islam und seiner Architektur betrachtet, stellt man fest, dass sich der bauliche Ausdruck von Moscheen in Abhängigkeit von Ort und Zeit immer wieder gewandelt hat. Moscheen sehen in jedem Kulturraum der Welt anders aus. Denken Sie an die großen Bauten in Córdoba oder Istanbul, im Maghreb oder in Indien. Wenn Sie dieses Entwicklungsmodell auf das Europa der Gegenwart übertragen, erscheint es konsequent, wenn auch eine eigenständige europäisch-muslimische Architektur entsteht.

 

STANDARD: Architektonische Assimilierung ist eine Option, aber kein Muss. Schließlich gibt es auch in Istanbul riesige christliche Kirchen mitsamt stattlichem Kirchturm.

Welzbacher: Die These von der Euroislam-Architektur ist ein Ideal. In der heutigen Realität ist sie nur eine Ausdrucksmöglichkeit unter vielen. Zahlreiche Moscheen in Europa passen sich in keiner Weise an die Architektur der jeweiligen Region an. Das hat mit der Lebenssituation der Diaspora zu tun: Manche Muslime sehen sich eben nach Moscheen, die an ihr Herkunftsland erinnern. In den Niederlanden gibt es dafür den treffenden, aber abwertenden Ausdruck der „Heimwehmoschee".

 

STANDARD: Welche positiven Projektbeispiele für euroislamische Architektur gibt es?

Welzbacher: Eines der gelungensten Projekte ist das islamische Zentrum in Penzberg bei München: Ein schlichter, eleganter Kubus mit zwei subtilen Irritationen: An einem Eck steht ein Minarett, das sich ganz in arabische Kalligrafie auflöst. Und der Eingang ist ein großes und einladendes Portal, das Passanten neugierig macht. Ein zeitgemäßes, sympathisches und unaufgeregtes Projekt.

 

STANDARD: Eine der größten Moscheen Europas entsteht derzeit in Köln Ehrenfeld. Euroislam ja oder nein?

Welzbacher: Als Hintergrund muss man wissen, dass der Architekt Paul Böhm einer Architektendynastie entstammt, die über drei Generationen hinweg katholische Kirchen gebaut hat und die nun erstmals eine Moschee plant. Eine zeitgemäße Neuinterpretation der Bauaufgabe war nur schwer möglich, da die DITIB als Religionsbehörde des türkischen Staates klare Vorstellungen hatte. Die waren konservativ und an der Geschichte orientiert. Gemessen an dem, was Böhm daraus gemacht hat, ist sein Entwurf ein guter Richtungsimpuls. Aber warten wir das Ergebnis ab. Erfahrungsgemäß werden viele schlichte Bethäuser im Inneren nachträglich verkitscht.

 

STANDARD: Auch in Köln wurde viel debattiert. Dabei ist der Bau einer Moschee baurechtlich betrachtet eine klare Sache. Ist die Diskussion unausweichlich?

Welzbacher: Im christlichen Abendland haben wir eine weit zurückdatierende Auseinandersetzung mit dem Orient. Allein in Österreich genügt ein Stichwort: „Die Türken vor Wien." Und schon haben Sie einen riesigen Katalog an Mythen und Ängsten aufgeschlagen. Ob die lange eingeübten, europäischen Abwehrreaktionen auch berechtigt sind, ist eine andere Frage. Wir müssen uns von diesen Bildern lösen. Und das geht nur über den Dialog, den die neue islamische Architektur in Europa anstößt.

 

STANDARD: Meistens endet der Dialog bei der der Höhe der Minarette.

Welzbacher: Statt den Auszug der Muslime aus dem Hinterhof und die neuen Moscheebauten als Chance zu nutzen, wird das Prinzip der kulturellen und sozialen Konkurrenz gern auf ein einzelnes architektonisches Element projiziert - das Minarett. Die gestalterische Gesamtkomposition geht dabei leicht vergessen. Zu allererst sind Minarette eine Frage der Proportion, also der Baukultur, und nicht des persönlichen Geschmacks wütender Anrainer.

 

STANDARD: In Bad Vöslau ist es nicht zuletzt der Bevölkerung zu verdanken, dass die Minarette von ursprünglich angedachten 25 Metern auf 15 Meter runtergestutzt wurden.

Welzbacher: Ich halte die Minarettdebatte für ein Scheingefecht. Minarette werden in Nordeuropa ohnehin nicht zum Ruf des Muezzins verwendet, sondern nur als Reverenz an die Tradition gebaut. Ich habe auch noch nie von einem Muslim gehört, dass ein Minarett um jeden Preis eine bestimmte Höhe aufweisen müsste, um eine Kirche zu überflügeln. Wer heute in Europa Moscheen baut, stellt sich doch ganz andere Fragen. Menschen, die so viel Mühe aufwenden, sich würdige Bethäuser zu bauen, wollen hier bleiben. Und sie begreifen, dass das nur Integration bedeuten kann. Dieser Schritt wird auf lange Sicht den Islam zu einem Bestandteil Europas machen und damit dann auch die Moscheenarchitektur europäisieren. (Wojciech Czaja, DER STANDARD Printausgabe, 23.10.2009)

Zur Person

Christian Welzbacher (39) ist Kunsthistoriker und lebt als freier Journalist in Berlin.Zuletzt erschien sein Buch „Euroislam-Architektur. Die neuen Moscheen des Abendlandes" im Verlag Sun, Amsterdam.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Moschee in Köln-Ehrenfeld: Auch hier wurde bei den Minaretten eingespart, dennoch bleibt das Gebäude imposant

  • "Menschen, die so viel Mühe aufwenden, sich würdige Bethäuser zu bauen, wollen hier bleiben": Welzbacher
    foto: v. herzog

    "Menschen, die so viel Mühe aufwenden, sich würdige Bethäuser zu bauen, wollen hier bleiben": Welzbacher

Share if you care.