Ein Totalschaden der Europapolitik

Thomas Mayer, DER STANDARD, 20. Oktober 2009, 13:40

An der Spitze der EU-Kommission kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Es gibt kein Mitgliedsland, in dem die Nominierung des EU-Kommissars auch nur annähernd derart ruppig, schrill, widersprüchlich, bösartig, engstirnig, unsachlich - schlicht unprofessionell - ablaufe, wie in Österreich, höre ich. Nur Rumänien sei vergleichbar. Dort stürzte vor kurzem die Regierung.

 

In der Tat. Was sich seit Freitagmittag in dieser Personalfrage - Molterer oder Ferrero - entwickelt hat, kommt einem Offenbarungseid der heimischen Europapolitik gleich.

In den meisten EU-Ländern geht die Kommissarspersonalie völlig geräuschlos über die Bühne. Die Regierungen machen ihre Deals zunächst diskret im Hintergrund. Das liegt angesichts des komplexen vorgegebenen Verfahrens in der Natur der Sache - diesmal zusätzlich heikel, weil die EU-Vertragsgrundlage von Lissabon noch immer in der Luft schwebt.

Seit heute Mittag habe ich langsam den Eindruck, die heimische Europapolitik steht kurz vor einem Totalschaden. Den handelnden Personen scheint die Sache entglitten, an der Spitze Bundeskanzler Werner Faymann mit seiner Kampagne pro Benita Ferrero-Waldner. Merkt er eigentlich wie klein und hilfslos er sich selber zeichnet? Was soll Kommissionschef Barroso denken, wenn ein Regierungschef sich nicht anders zu helfen weiß, als dass er mit einem Kandidatennamen in die Öffentlichkeit geht, bevor Klarheit besteht? Wo doch absolute Vertraulichkeit vereinbart ist.

Faymann hat Ferrero-Waldner politisch abgeschossen. Das hat sie nicht verdient. Aber das fällt auf den Kanzler zurück. Was sagt eigentlich Bundespräsident Heinz Fischer dazu, der Unparteiische?

Aber gleich neben Faymann kommt schön langsam auch Vizekanzler Josef Pröll mit seinem schweigsamen Pro für Wilhelm Molterer in die Kritik. Was will er eigentlich? Er muss sich vorwerfen lassen, dass er viel zu lange zugewartet hat, es ihm offenbar nicht gelungen ist, mit Faymann eine Einigung zu erzielen, wo es doch angeblich von Anfang an zwischen den beiden ein Handschlagabkommen gibt - und in der weiten christdemokratischen Familie in Europa seit Wochen kursiert, dass Molterer fix sei. Deutschland und Finnland werden sich bedanken, dass sie Molterer bereits öffentlich die Mauer machten.

Da geht es offenbar bereits nicht mehr nur um eine EU-Personalie, da geht es um die ganze Koalition, ums Ganze.

Es zeigt sich mindestens, dass SPÖ und ÖVP europapolitisch nicht kompatibel sind. Anders ist das alles nicht erklärbar. So wie der SPÖ-Delegationsleiter Jörg Leichtfried gerade eben in Straßburg den Kurs beschrieben hat, offenbart sich, dass es um viel mehr geht als um Molterer.

Die SPÖ scheint außer Rand und Band zu geraten: Anders ist nicht erklärbar, dass Leichtfried uns Journalisten gerade erklärt hat, die gesamte neue EU-Kommission könnte an Molterer scheitern. Das zeigt ein Ausmaß an Fehleinschätzung und Selbstüberschätzung, das abenteuerlich ist. Bei aller Wertschätzung für den Agrarexperten Molterer - für so was wie den Sturz der Gesamtkommission sind er (und Österreich) eine Nummer zu klein. Und auch die SP-Fraktion in Straßburg, die schon bei der Kür Barrosos als Kommissionspräsident mit offizieller Stimmenenthaltung jämmerlich eingegangen ist.

Was noch auffällt. Bis heute Mittag behaupten die Spindoktoren des Kanzlers, mit Barroso sei über einen möglichen Agrarkommissar nie geredet worden. Jetzt lese ich in den Agenturen zum Ministerratsfoyer: "Faymann betonte außerdem, dass es seitens des Kommissionspräsidenten Jose Manuel Barroso noch keine Festlegungen auf die Ressortverteilung gebe. Das habe ihm Barroso am Beispiel des Agrarkommissars gesagt."

Ich konstatiere (Vorsicht: Ironie!): Der Kanzler und der Kommissionspräsident haben nicht darüber geredet, dass Molterer Agrarkommissar werden könnte. Aber Barroso hat ihm am Beispiel Molterer erklärt, dass es bei Kommissarsdossiers noch keine Festlegungen gebe. Danke für die Klarkeit.

Vielleicht hat Faymann daraufhin gesagt: "Herr Präsident, wenn sie mir jetzt das Agrardossier für Österreich anbieten würden, dann würde ich sagen, dass ich daran nicht interessiert bin. Aber das ist jetzt keine Festlegung."

Nach derzeitigem Stand haben drei Länder realistischerweise eine Chance, den nächsten Agrarkommissar zu stellen: Irland, Dänemark und Österreich. Rumänien und Niederlande möchten auch, werden auf der Kommissionsbörse aber eher niedrig gehandelt, so wie Frankreich auch.

Fortsetzung folgt.

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 51
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Zinnmo
 
14
21.10.2009, 10:08
Die SPÖ schadet Österreich

Es gab mal Zeiten, da war die SPÖ eine staatstragende Partei. Das ist leider lange vorbei. Sie ist nur noch an Posten interessiert und daran, ihre verbliebenden Stammwähler, die Pensionisten zu verwöhnen. Kaum zu glauben, soagr die ÖVP schaut dagegen gut aus.

Es ist eine Schande.

Paul K
00
21.10.2009, 14:25
... also da muss die brille schon sehr rosarot sein

oder soll ich sagen tiefschwarz??

Christoph ************
01
21.10.2009, 22:35

Also eine ÖVP lässt sich vom Onkel Hans zumindest nicht verbieten zu Veranstaltungen zu gehen wo die sonstigen Spitzen Österreichs und Spitzenpolitiker der EU zugegen sind.

hurchzua
02
21.10.2009, 08:29
gute Analyse

Die Kritik an Pröll ist aber unter "Pflichtübung" einzustufen.

Nach Faymanns eigener Aussage noch vor ein paar Wochen, sollte die ÖVP den Komissar vorschlagen. Offensichtlich als Gegenleistung sollte der ORF-General "rot" bleiben, was Faymann typischerweise viel wichtiger ist.

Jetzt schwimmen Faymann die Felle davon und er will Pröll keinen Erfolg gönnen- die Reputation Österreichs ist ihm dabei egal.

Was kann man da Pröll vorwerfen. Er macht das einzig richtige. Er schweigt in der Öffentlichkeit, um weiteren Schaden für das Land abzuwenden.

mala leche
34
20.10.2009, 21:53
Zur Erinnerung, Hr. Mayer!

Den Keim/Beginn des "Totalschadens" punkto Europapolitik setzte die ÖVP selber! Es wurden die Vorzugsstimmen für Karas als ÖVP-Delegationsführer so was von fadenscheinig vom Tisch gewischt. Strasser wurde es, punkt pasta, weil es ÖVP-Führung so wollte! Dass die ÖVP jetzt justament auf Molterer besteht, obwohl es ja angeblich jede Menge anderer qualifizierter KandidatInnen gibt, missfällt inzwischen auch schon einer nicht geringen Anzahl von WIRKLICH Europagesinnten in der ÖVP!

Paul K
00
21.10.2009, 14:27
stimmt -

denn ein molterer ist nicht gerade die erste wahl, sondern auch eine zumutung für die spö!

Porqué no te callas?
00
21.10.2009, 12:38

was hat das eine (karas) mit dem anderen (kommissar) zu tun? richtig! nicht das geringste!

Thomas Mayer, DER STANDARD
02
21.10.2009, 10:16
Revanchismus ist ein schlechter Ratgeber

Ich bin mir nicht so sicher wie sie, dass Pröll um jeden Preis auf Molterer bestehen wird. Er hat mit Ursula Plassnik, Wolfgang Schüssel, Benita Ferrero-Waldner, Martin Bartenstein eine ganze Reihe von Kandidaten in Reserve, die über lange Regierungserfahrung und Europaerfahrung verfügen. Genau das sind unter anderem die Eigenschaften, die bei der Erstellung der Kommission durch den Kommissionspräsidenten stark zählen. Es darf ja niemand glauben, dass man in Brüssel erfolgreich sein kann, wenn man politische Greenhorns - Anfänger - in ein Kommissarsamt schickt.
Das Hauptproblem aus meiner Sicht, wenn ich mir das erlauben darf, ist der Revanchismus, der diese ganze Debatte derzeit dominiert. Das ist verständlich angesichts der vielen Verletzungen zwischen Rot und Schwarz in den vergangenen Jahren. Das spiegelt sich ganz deutlich auch im Forum. Aber klug ist das nicht, wenn die Regierung in dieser Frage nicht ganz cool danach entscheidet, wie man eine Österreicherin, einen Österreicher an eine Schlüsselstelle in der Union bringt. Natürlich arbeitet ein Kommissar nicht für Österreich, sondern für die Union. Aber indirekt kann Österreich selbstverständlich von einem starken EU-Kommissar profitieren.

Nik M
00
23.10.2009, 17:23

Es reicht nicht, dass ein starker Oesterreicher in eine Schluesselstelle in der EU gesetzt wird. Es muss ein starker Oesterreicher mit vernuenftigen Ansichten sein, sonst bringt er nichts in der Schluesselstelle, oder noch schlimmer, schadet. Und damit scheiden alle, die sie oben genannt haben, aus.

hurchzua
03
21.10.2009, 08:31
das sind ganz verschiedenen Dinge

Was hat die ÖVP Delegationsleitung mit dem Komissar zu tun???

hast1
32
20.10.2009, 21:20

die spö agiert wie ein gewisser schwarzer ritter bei Monty Python:

ab minunte 2:50

http://www.youtube.com/watch?v=dhRUe-gz690

champagne
32
20.10.2009, 21:11

faymann hätte eigentlich sagen müssen, "so, nach 2 övp -kommissaren stellt jz einmal die spö einen kandidaten." das wollte er ja aber nicht, aus welchen gründen ja auch immer.
wenn jz barroso daher kommt und österreich das agrarressort anbietet stellt sich faymann blöd und will ferrero-waldner, weil sie ja beim rennen um den unesco-chefposten von einer ex-kommunistin überflügelt wurde.
faymann würde also lieber auf ein wichtiges ressort verzichten, als molterer etwas zu gönnen.
und schon geht's zu wie im kasperltheater.

k.a. mir is es schön langsam scheißegal wer kommissar wird. faymann ist in erster linie peinlich aber zum "glück" wurde die legislaturperiode ja verlängert und er kann noch lange bundeskanzler sein.

Memorex
32
20.10.2009, 20:37
Lustig,

die "Europapartei" ÖVP schickt Strasser und Molterer nach Straßburg/Brüssel, die SPÖ will,... ja was will sie denn eigentlich? Man weiß es nicht.
Vielleicht könnten sich die Herrschaften ja auf Richard Lugner einigen, das wäre dann weniger peinlich.

Dreistein
 
510
20.10.2009, 18:40
Molterer, der Totalversager

Was wollen wir mit diesem Totalversager von einem Molterer? Dieser Wadelbeisser hat sich mit seinem "es reicht" zum T rottel der Nation gemacht und hat am Vorabend der größten weltweiten Wirtschaftskrise noch vollmundig erklärt, er strebe ab 2010 ein Nulldefizit an. Wenn die ÖVP schon wieder einmal einen Kommissar bestimmen darf, soll sie einen Fachmann/frau nehmen - es muss dabei ja gar nicht diese Grinskatze sein - auf jedenfall aber nicht den Molterer.

Porqué no te callas?
01
21.10.2009, 12:40

totalversager ist da schon eher das gespann gusi-fayman mit ihrem kniefall vorm onkel hans.

Warpsignatur
01
20.10.2009, 22:50

danke!

Mucius Valerius Scapula
07
20.10.2009, 17:30

Da ist jetzt schade, dass Kroneleser nicht wissen, worum es überhaupt geht. Sonst würde wohl Onkel Hans ein Machtwort sprechen.

Ansonsten: Wunderts eigentlich irgendwen, dass Österreich nicht ernst genommen wird? Was für ein lächerliches Theater von charakterlosen Grinsepuppen.

Paul K
138
20.10.2009, 16:26
der totalschaden

wurde von einem arroganten josef pröll angerichtet, der just den gott sei bei uns nach schüssel zum kommissar machen will, obwohl er österreich mit seiner neinhaltung enormen schaden zugefügt und durch nichts seine qualifikation für dieses amt bewiesen hat. die menschen wollen brückenbauer, nicht gräben-aufreisser wie molterer und schüssel. aber allzu forsche, wenn auch sonst verdiente journalisten schreiben halt drauflos, was sie meinen oder glauben, dass wer anderer meint, geben aber damit auch ihre sensibilität für das thema ab ...

Porqué no te callas?
00
21.10.2009, 12:42

wow sowas von einer inhaltsleeren "argumentation". du hast wohl im quatsch seminar nur einser gehabt, was?

skip it
19
20.10.2009, 19:32
wenn molterer der "just gott sei bei uns" und schuessel II ist,...

...dann scheint's an der zeit, ihrem gedaechtnis ein bisserl auf die spruenge zu helfen:

molterer war der EINZIGE in der regierung, der bekanntermaßen schuessel schreiduelle geliefert hat.

die exzellente arbeit ferrero-waldners als außenministerin hingegen erschoepfte sich darin, den "saungdsiauhnen" mit mannerschnitten und mozartkugeln beikommen zu wollen, erstens, aber das ginge ja noch, waere da nicht das unsaegliche 2.:

erinnern sie sich noch an die linke "theatergruppe", die in italien bei protesten gegen einen gipfel festgenommen wurde, obwohl sie gar nicht daran teilnahm? da lieferte ferrero die auszuege aus strafregistern und observierungsprotokollen nach italien.

und die roten wollen sowas als kommissar? gratuliere!

Nik M
00
23.10.2009, 10:46

Koennt es Taktik gewesen sein? Denn wenn Faymann wirklich BFW als Kommissarin haben wollte, bloeder haett er seine Unterstuetzungsaktionen nicht einfaedeln koennen. Jetzt ist ein Kompromisskandidat die einzige Moeglichkeit fuer beide Parteien, ohne Gesichtsverlust aus der Sache herauszukommen.

Michael Jack Dundee
 
00
21.10.2009, 13:09
"theatergruppe", die in italien

Die Karikatur vom derStandard habe ich heute noch im Kopf.
Kanibalen beim Kochen von Österreichern:
Österreicher: "Sie werden poltische Probleme mit Österreich bekommen."
Kanibale: "Unsinn. Eure Außenministerin hat uns Guten Appetit gewünscht."

Diego: Das alte Lager
 
67
20.10.2009, 19:18
Jaja, DIE Menschen wollen...

Ich zähle mich zu den Menschen, und ich will Molterer. Ferrero-Waldner ist eine ausgezeichnete Diplomatin, aber (für mich zumindest) keine Agrar-Kommisarin.
Mit ihren Sprachkenntnissen (von ihren Gegnern verhunzt, warum eigentlich?) und ihrer netten Art (von ihren Gegnern verhunzt, warum eigentlich?) wäre sie eine ausgezeichnete Aussenministerin, Präsidentin, etc., aber "die Menschen" wollen das ja nicht...

Nee-Chee
00
21.10.2009, 09:07
Wie in vielen artikeln

zu lesen war: erst wird die person vorgeschlagen, dann das Ressort zugeteilt.
Man kann über dieses Prozedere geteilter Meinung sein; jedenfalls würde Ferrero-Waldner natürlich _nicht_ Agrarkommisarin.

Und _ich_ will auch keinen Molterer. Das hat Europa nicht verdient.

Warpsignatur
01
20.10.2009, 22:54

ich zähle mich auch zu den menschen und ich will molterer NICHT!

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