Times: "Karzai verdient etwas Anerkennung"

22. Oktober 2009, 12:44
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Wahlen sind kein Allheilmittel - Stichwahl ist im Grunde eine gute Nachricht - Viel zu lange die Augen vor Wahlbetrug verschlossen

Amsterdam/London/Barcelona/Rom/Kopenhagen - Zur Entwicklung in Afghanistan, wo sich nach Wahlfälschungsvorwürfen Präsident Hamid Karzai in einer Stichwahl seinem Herausforderer Abdullah Abdullah stellt, schreiben europäische Zeitungen am Donnerstag:

"The Times" (London):

"Hamid Karzai verdient etwas Anerkennung dafür, dass er eine weitere Wahl erlaubt hat. Seine Anhänger waren nicht die einzigen, die sich zu einer Manipulation der Präsidentschaftswahlen im August verschworen haben. Ihnen gelang es einfach, sie besser zu manipulieren als alle anderen. Seine jetzige Entscheidung, eine Stichwahl zwischen ihm und seinem Hauptkontrahenten Abdullah Abdullah zuzulassen, war ein wichtiger Schritt und ein persönliches Risiko. (...) Nun muss er sie gewinnen."

"La Repubblica" (Rom):

"Am Ende haben die Rivalen miteinander gesprochen. Nach einem harten und polarisierten Wahlkampf, nach Monaten verkündeter Siege, angefochtener Wahlausgänge und internationaler Ermahnungen, (...) hat der ehemalige Außenminister Karzai einen Olivenzweig überreichen wollen, auch im Hinblick auf die 'breite Übereinstimmung', die für unvermeidlich und notwendig gehalten wird. Dennoch halten Beobachter eine Bestätigung Karzais im Amt für die wahrscheinlichste Lösung. Schließen doch die beiden Gegner eine Koalition im Moment aus. In Erwartung der Stichwahl bleibt Afghanistan das heiße Eisen der internationalen Politik."

"El Periodico de Catalunya" (Barcelona):

"Die Abhaltung einer neuen Runde bei der Präsidentenwahl in Afghanistan ist im Grunde eine gute Nachricht. Die Stichwahl verhilft der Wahlprozedur nach den Manipulationen in der ersten Runde zu neuer Legitimität. Zugleich bedeutet sie eine Anerkennung für all die Afghanen, die trotz der Terrorgefahr ihre Stimmen abgaben. Allerdings wird sie an der Situation von Gewalt und Chaos in dem Land in nächster Zeit kaum etwas ändern. Die Zeit bis zur zweiten Wahlrunde ist zu kurz, um die Voraussetzungen für einen korrekten Ablauf der Wahl zu schaffen. Auch die allgemeine Unsicherheit, die schon in der ersten Runde viele Bürger an einer Stimmabgabe hinderte, wird bestehenbleiben."

"Trouw" (Amsterdam):

"Neue Wahlen sind kein Allheilmittel für alle afghanischen Probleme. Die Regierung und die Gerichte sind korrupt, die Taliban kontrollieren große Teile des Landes, der Wiederaufbau kommt zu langsam voran und die Rechte von Frauen sind längst nicht gewährleistet. Und zur Unzufriedenheit der internationalen Gemeinschaft ist Karzai immer öfter auf zweifelhafte Weise pragmatisch vorgegangen - so schloss er Bündnisse selbst mit korrupten und gewalttätigen Kriegsherren, um eine Front gegen die Taliban zu bilden. Für die Amerikaner und die NATO sind Ruhe und Ordnung in Afghanistan von grundlegender Bedeutung. Obama hat den Erfolg seiner Außenpolitik mehr oder weniger damit verbunden, für die NATO geht es auf Biegen und Brechen."

"Politiken" (Kopenhagen):

"Die internationale Koalition in Afghanistan brüstet sich jetzt damit, dass sie Präsident Hamid Karzai zu der zweiten Wahlrunde gezwungen hat, die die Verfassung vorschreibt. Damit hat man noch den besten Ausweg aus einer akuten Krise gefunden. Ehe aber die UNO und andere sich allzu kräftig auf die Schulter klopfen, sollte man daran erinnern, dass die Umwelt viel zu lange die Augen vor dem Wahlbetrug verschlossen hat. Tatsächlich wurde ja die Nummer Zwei der UN in Afghanistan, der US-Diplomat Kenneth Galbraith gefeuert, weil er beim Verschweigen von Karzais Wahlschwindel nicht mitmachen wollte." (APA)

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