Kindle: Alexandria in der Tasche

22. Oktober 2009, 09:29
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Amazons Kindle ist das erste System, das nicht nur aus einem E-Book, sondern dem nötigen Buchangebot besteht

Montag sind wir dem Ende der vom Leitmedium Buch geprägten "Gutenberg-Galaxis" ein Stück nähergerückt. Seit Montag wird Amazons Kindle weltweit verkauft, das erste System, das nicht nur aus einem E-Book, sondern dem nötigen Buchangebot besteht.

Multimedia-CD-ROMs

Das Ende des Buchzeitalters wurde schon Anfang der 90er-Jahre mit der Verbreitung von Multimedia-CD-ROMs kurz ausgerufen, als einige verwegene Buchhändler (kurzlebige) Ableger für den CD-ROM-Handel gründeten und einige Verlage kurz auf den Wagen aufsprangen (Duden, Brockhaus und sonstige ehrwürdige Institutionen auf CD).

Diese Phase wurde schnell von der eigentlichen Revolution abgelöst, dem Internetzeitalter, das viele Kritiker als Sündenbock für den Niedergang von Musik und allem Gedruckten ausmachen. Jetzt also noch der Kindle (und zahlreiche künftige Konkurrenten), die dem geheiligten Buch direkt an den Kragen gehen.

Schritt zur Erhaltung der Bedeutung des Buches

Aber eher ist die Digitalisierung des Buches ein Schritt zur Erhaltung und Erweiterung seiner Bedeutung als das Ende einer Ära. Natürlich ist es ein gewichtiger Einschnitt, wie zwei Erfindungen davor: Die des Buches an sich, also die Struktur von gebundenen Blättern als Kodex ab dem ersten Jahrhundert (die ursprünglich, wie der Kindle, eine Sammlung unterschiedlicher Inhalte waren); und die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg Mitte des 15. Jahrhunderts.

Beide Entwicklungen gehen auch mit sozialen Änderungen einher, die Kodices mit der Verbreitung der Evangelien und der Christianisierung, der Buchdruck mit der Aufklärung. Man könnte darüber spekulieren, dass mit der ersten technologischen Änderung, die in den Schreibstuben der Mönche endete, die katholische Kirche die Basis für ihre geistige Dominanz begründete; und dass die zweite technologische Revolution diese wieder brach.

Internet hat Schriftrolle wiederbelebt

Ironischerweise hat Internet die Schriftrolle wiederbelebt, Seiten "scrollen" schier endlos dahin, die Gestalt des Buches (oder der Zeitung) ist verloren oder nur schwer im Browser abzubilden. Dem entspricht der oft geäußerte inhaltliche Vorbehalt, dass Online-Inhalte quasi nicht kodifiziert sind (Wikipedia versus Brockhaus, Blogs gegen Zeitungen usw.). Aber hier kommt der Kindle, die Rückkehr zum Kodex in Form (Seitenstruktur) und Inhalt (Bücher, Zeitungen und Magazine, keine "Amateure").

Die neue Dimension des digitalen Buchs ist jedoch die der Bibliothek, die in diesem taschenbuchartigen Gerät zur Verfügung steht. Das klingt auf den ersten Blick nach Übertreibung, aber ändert sich, sobald man zu arbeiten beginnt: Bei Recherchen, Forschungsprojekten, Verhandlungen im Gerichtssaal oder auch ganz banal im langen Leseurlaub, in dem der Stoff nie ausgeht, selbst wenn man vorher noch gar nicht wusste, was man alles lesen will.

Die Kindles der nächsten Jahre werden das aufwändig gestaltete Buch nicht ersetzen, dazu ist die schwarz-weiße Bildschirmtechnik (obwohl sehr gut zu lesen) noch zu roh. Aber auch die ersten Bleilettern waren eine lachhafte Konkurrenz zur kunstvollen Kalligrafie der Klöster. Gutenberg, dem es um die Verbreitung der Inhalte ging, hätte den Kindle womöglich geliebt. (helmut.spudich@derStandard.at / DER STANDARD Printausgabe, 22. Oktober 2009) 

 

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    Seit Montag wird Amazons Kindle weltweit verkauft

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