Milan Kundera: Unter Verdacht

21. Oktober 2009, 23:01
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Neu aufgetauchte Dokumente untermauern den Verratsvorwurf gegen den Schriftsteller

Prag - Ziemlich genau vor einem Jahr, Mitte Oktober 2008, waren die Vorwürfe zum ersten Mal erhoben worden: Der weltberühmte tschechische Schriftsteller Milan Kundera sei, so schrieb damals das Prager Wochenblatt Respekt, in seiner Jugend ein Denunziant gewesen. Der Verrat habe sich zwei Jahre nach dem kommunistischen Putsch im März 1950 abgespielt: Der damalige Student an der Kunsthochschule und glühende Stalinist habe, so die Anschuldigung, einen antikommunistischen Spion ans Messer geliefert. Der Regimegegner Miroslav Dvoracek wurde daraufhin verhaftet, zum Tod verurteilt und zu 14 Jahren Arbeitslager "begnadigt."

Prominente Schriftstellerkollegen, Literatur-Nobelpreisträger und auch Ex-Präsident Václav Havel stellten sich im vergangenen Jahr hinter Kundera. Er selbst, der seit 1974 in Paris lebt, hatte den Artikel von Respekt dementiert, aber eine angedrohte Gerichtsklage nie eingebracht. Nun muss der Schriftsteller, der sich in seinem vielfach preisgekrönten Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins mit dem Leben in der KP-Diktatur auseinandergesetzt und mit Scherz einen der besten Romane über den Stalinismus geschrieben hat, erneut um seinen Ruf bangen.

Die Prager Tageszeitung Lidove noviny veröffentlichte diese Woche Dokumente aus dem Jahr 1952, in welchen der damalige Vize-Minister für nationale Sicherheit, Jaroslav Jerman, den Fall Dvoracek lobend erwähnt, Jerman schildert darin, wie es "dank der Zusammenarbeit mit unseren Bürgern" immer besser gelinge, "unsere Feinde zu entlarven" . Als Beispiel nennt er die Festnahme Dvoraceks und zitiert das Polizeiprotokoll, wonach der Student Kundera den Aufenthaltsort preisgegeben habe.

Mit dieser wiedergefundenen Vorlesung Jermans ist es für den tschechischen Historiker Petr Koura praktisch ausgeschlossen, dass die Polizeiermitteilung vom März 1950 im Nachhinein gefälscht worden sei. Eindeutig bewiesen sei Kunderas Schuld aber nicht, sagte Koura der Tageszeitung Lidove noviny. Nicht außer Acht gelassen werden kann, dass Kundera 1950 aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen und erst 1956 wieder aufgenommen worden ist.

Dvoraceks Ehefrau hingegen sagte, weder sie noch ihr Mann hätten je Zweifel daran gehabt, dass Kundera den entscheidenden Tipp zur Verhaftung gegeben habe:"Wir können das weder vergessen noch verzeihen." (Andrea Schurian / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.10.2009)

 

 

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    Milan Kundera 2005 in Madrid

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