Die Realität der meisten Menschen ist eine Erwerbstätigkeit, der sie viele Jahre lang nachgehen - Christine Bauer-Jelinek im Interview - 'Wie wird man was?' Teil 2
Karriere und Erfolg sind zwei paar Schuhe. Wirtschaftscoach und Psychotherapeutin Christine Bauer-Jelinek hilft ihren Klienten bei der Klärung der eigenen Vorstellungen und schickt sie zum Machtkompetenz-Training in die "Kraftkammer".
derStandard.at: Wenn wir bei Null beginnen: Was dürfen wir uns unter Karriere überhaupt vorstellen?
Christine Bauer-Jelinek: Das Denken, Sprechen oder Schreiben über Karriere findet oft als unreflektierte Selbstverständlichkeit statt. Dieses Thema wird so behandelt, als müsste jeder Mensch Karriere machen.
Aber Karriere ist ein Minderheitenprogramm. Denn im engeren Sinn bedeutet Karriere zu machen, sich in einer Organisation in eine immer höhere Position hinauf zu arbeiten. Dazu haben jedoch die meisten Menschen überhaupt keine Gelegenheit. Ihre Realität ist deshalb nicht Karriere, sondern eine Erwerbstätigkeit, der sie viele Jahre lang nachgehen.
Im besten Fall können sie zunehmend Verantwortung gewinnen und im Rahmen ihrer Erwerbstätigkeit erfolgreich sein. Erfolg ist etwas anderes als Karriere.
derStandard.at: Wie "wird man was"?
Bauer-Jelinek: Die Arbeitsverhältnisse haben sich grundlegend geändert. Heute bekommt man in Unternehmen nichts mehr automatisch. Nicht einmal mehr eine Prämie. Es gilt: "Wenn man etwas will, muss man es sich holen." Die Enttäuschung bei Angestellten, die jahrelang sehr gute Leistungen bringen, aber nicht auf sich aufmerksam zu machen verstehen, ist deshalb groß.
derStandard.at: Kann man Karriere planen?
Bauer-Jelinek: Karriere muss geplant werden. Früher hieß es: "Mir ist das alles passiert, ich bin geholt worden". In der freien Marktwirtschaft ist alles anderes. Die Planung der Karriere ist wichtiger als früher. Marketing und Selbstmarketing sind dabei unerlässlich.
Viele Klienten nehmen Coaching in Anspruch, weil sie sich nicht selbst vermarkten können und vor dem Problem stehen: Obwohl andere weniger qualifiziert sind, oder nicht das leisten, was ich leiste, bekommen sie den Job, oder kommen in die höhere Position. Das ist sehr kränkend.
In solchen Situationen geht es nicht mehr bloß darum, gut und erfolgreich zu arbeiten. Diese Kollegen wissen, wie man auftritt. Sie kennen die Spielregeln und nutzen alle Seilschaften. Neben Sachkompetenz kommt Machtkompetenz ins Spiel.
derStandard.at: Müssen Ehrgeiz und Wettbewerbsdenken beim Karriere-machen immer eine Rolle spielen?
Bauer-Jelinek: Karriere geht Hand in Hand mit Konkurrenz. Die Position, die ich haben will, wollen noch fünf andere. Die Spielregeln ändern sich. Wer sich für Karriere entscheidet, muss sich also die Frage stellen: Was kann ich tun, um an die Spitze zu kommen?
Hier ist eine Entscheidung gefragt: Will ich Karriere machen, oder nicht? Entweder ich muss in die Kraftkammer und lerne die Spielregeln des Karriere-machens, oder ich entscheide mich für ein zufriedenes, erfolgreiches Arbeiten an dem Platz, an dem ich schon bin.
derStandard.at: Sollte man sich von dem Selbstverständnis, Karriere machen zu müssen, vielleicht besser verabschieden?
Bauer-Jelinek: Wer einfach ein angenehmes Leben führen möchte, sollte sich die Vorstellung, Karriere machen zu müssen, abgewöhnen. Wenn ich mich entschieden habe, nicht am Karriere-Wettbewerb mitzumischen, darf ich mich allerdings nicht aufregen, wenn mich Kollegen überholen, die kürzer dabei oder schlechter qualifiziert sind.
Viele meiner Klienten machen sich selbständig und sagen: "Ich bin konzernmüde. Ich arbeite lieber härter und mehr, aber ich bin mein eigener Chef." Natürlich ist Vermarktung und Selbstvermarktung hier ebenso wichtig, um erfolgreich zu sein aber die Machtspielchen der Großorganisationen müssen nicht mehr gespielt werden.
derStandard.at: Inwieweit spielt Selbstverwirklichung in der Karriere eine Rolle?
Bauer-Jelinek: Selbstverwirklichung ist ein Begriff aus den 1980er-Jahren. Heute erwarten sich Arbeitgeber, dass sich die Arbeitnehmer voll und ganz in den Dienst des Unternehmens stellen. Das betrifft auch die Kleidung im Beruf. Wir leben in einer so kreativen und individualistischen Zeit, aber Selbstverwirklichung in der Kleidung ist auch heute in den meisten Unternehmen nicht gefragt.
Die Formalisierung der Kleidung - der Dresscode - und ein gepflegtes Erscheinungsbild sind extrem wichtig. Darüber spricht jedoch kaum ein Unternehmen, denn das Eingreifen des Arbeitgebers in die Kleidung des Arbeitnehmers ist arbeitsrechtlich verboten. Das hat zur Folge, dass bei Entlassungen oft Ausreden verwendet werden.
Es ist ein schmaler Grat, nicht unangenehm aufzufallen und trotzdem auf sich aufmerksam zu machen, sich zu zeigen und von den anderen abzuheben. Das beginnt schon bei der Bewerbung und setzt sich auf dem Weg nach oben fort.
derStandard.at: Kann ein Mensch, der auf "Understatement" setzt, überhaupt Karriere machen?
Bauer-Jelinek: Unterstatement ist gefragt - allerdings nur in Bezug auf die äußere Erscheinung. Was die Kleidung betrifft, soll man sich durchaus "durch weniger" von den anderen abheben. Im Auftreten muss man dagegen einen Weg finden, die eigene Leistung zu verkaufen. Mit Bescheidenheit geht hier gar nichts mehr. Mit dem Holzhammer allerdings auch nicht.
Wesentlich für eine Karriere ist, die Spielregeln der Organisation zu kennen. So wie wenn man in ein anderes Land fährt. Mit Respekt, und ohne dass man sich verbiegt. (derStandard.at, Eva Tinsobin, 3.11.2009)