Um die Hoheit auf den Hängen

21. Oktober 2009, 19:05
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Am Wochenende hebt mit zwei Riesenslaloms in Sölden der alpine Skiweltcup an. Der Rennsport ist nach wie vor das wichtigste Vehikel der spezifischen Industrie. Hermann Maiers Abgang sollte keine wirtschaftlichen Folgen haben.

In seine Fußstapfen", sagt Peter Schröcksnadel, "wird keiner steigen. Aber das liegt nur daran, dass jeder andere Füße hat." Der Abgang des Hermann Maier habe auch überhaupt keine finanziellen Auswirkungen, behauptet der Präsident des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV). Das Budget des Verbandes, teilt Schröcksnadel dem Standard mit, betrage wie im Vorjahr 38 Millionen Euro. Damit werden Trainer bezahlt, Trainingskurse, die Ski Austria Academy, Veranstaltungen promotet et cetera. Der ÖSV sorgt für die Rennen in Österreich, nur die weltbekanntesten, die Hahnenkammrennen in Kitzbühel, sind mittels Dreiervertrag geregelt, an dem der Skiclub Kitzbühel, die PR-Agentur Harti Weirathers (WWP) und der ÖSV beteiligt sind.

Die Alpinen, die durch ihren Werbewert am meisten einspielen, lukrieren naturgemäß das größte Stück vom millionenschweren Kuchen, aber auch Skispringer, Langläufer, Biathleten, Snowboarder oder Freestyler müssen nicht darben. Rund 40 Vertragspartner unterzeichneten 70 Verträge (weil manche beispielsweise Ski und Schuh und Stock fabrizieren) beim Austria Ski Pool. Durch ein, in Relation zum Materialanteil, geringes Entgelt erhalten sie die Lizenz, die österreichischen Schneesportler ausrüsten zu dürfen, die dann die Botschaft in die spezifisch interessierte Welt hinaustragen. Die ist gar nicht so klein, hat ihre Zentrale im Alpenraum, umfasst aber auch Nord- und Osteuropa, Japan, Korea, Nordamerika, hat mit Neuseeland und Australien sogar Einsprengsel im Südpazifik.

Als sportliche Hoheit über diese Welt regiert der Internationale Skiverband (Fis), welchem 107 nationale Verbände angehören wie etwa Kamerun, American Samoa, Barbados, Ägypten und zuletzt nicht Fidschi, sondern Simbabwe.
Die europäische Idee

Italien, die Schweiz, Frankreich und Österreich zählen auch dazu, und die vier taten sich im Mai dieses Jahres zusammen, um etwas Neues zu erfinden, nämlich die European Ski Federation (ESF). Schröcksnadel wurde zum ersten Präsidenten gewählt. 39 europäische Sportfachverbände waren bis dahin in Brüssel gemeldet, weshalb Schröcksnadel nicht einsah, "dass gerade der Skisport in seinem Kerngebiet nicht vertreten ist". Die ESF sehe sich nicht als Konkurrenz zur Fis, das Verhältnis sei mit jenem des europäischen Fußballverbands Uefa zum Weltverband Fifa zu vergleichen.

Und doch, glaubt Schröcksnadel, könnte die EFS, weshalb ein künftiges Konkurrenzverhältnis durchaus anzunehmen ist, einiges besser als die Fis. Zum Beispiel für die Sicherheit auf den Rennpisten sorgen. "Die objektive Sicherheit ist da", sagt Schröcksnadel und denkt dabei an die stets höher und stabiler werdenden Fangnetze. "Das Problem ist die subjektive Sicherheit. Der Sportler fühlt sich sicher, ist es aber nicht. Wir brauchen Rennpisten, die nicht so glatt sind. Der Skifahrer muss einfach spüren, dass es gefährlich ist. Dann bremst er." Die Verletzungshäufigkeit sei viel zu hoch. "Wir brauchen eineinhalb Mannschaften, um durch den Winter zu kommen. Das können und wollen wir uns nicht leisten."
Lobbying in Brüssel

Ein Anliegen der ESF ist vor allem, durch Lobbying bei der Europäischen Union für guten Wind zu sorgen. Schröcksnadel: "Da geht es etwa um Pistenbau und Kunstschneeerzeugung." Der Verband hat sein Büro in Lausanne, die einzige Angestellte derzeit ist Generalsekretärin Sonja Reichen, die 20 Jahre lang für die Fis gearbeitet hat. Sie organisiert die erste Veranstaltung, die Europameisterschaftspremiere am 7. November im lothringischen Amnéville. In der Skihalle. Die Piste ist mit 482 Metern die längste der Indoor-Welt, die Neigung beträgt 18 Prozent. 36 Damen und 40 Herren fahren Slalom um Gold, Silber und Bronze. Je 10.000 Euro winken dem Champion. Kitzbühel zahlt im Jänner für Abfahrts- wie Slalomsieg 70.000 Euro. Die Halle als Zukunft des Schneesports? Schröcksnadel: "Nein, ein Event, um auf uns aufmerksam zu machen. Die Alpentäler brauchen das Geschäft." (Benno Zelsacher, DER STANDARD, Printausgabe, Donnerstag, 22. Oktober 2009)

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    Benjamin Raich ist nach dem Rücktritt Hermann Maiers (54 Siege) der Siegreichste (34) im Zirkus. Der 31-jährige Pitztaler war in den vergangenen sechs Jahren im Gesamtweltcup nie schlechter als Dritter, 2006 holte er die große Kugel und zweimal olympisches Gold.

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