"Karriere ist ein Phantasiebegriff"

Eva Tinsobin, 8. November 2009, 16:50
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    foto: arno böhler

    Zur Person

    Elisabeth von Samsonow ist Bildhauerin und Universitätsprofessorin für philosophische und historische Anthropologie der Kunst an der Akademie der bildenden Künste Wien.

Elisabeth von Samsonow plädiert für "Liebhabereiplanung" statt Karriereplanung - 'Wie wird man was?' Teil 3

Die Bildhauerin und Universitätsprofessorin für philosophische und historische Anthropologie der Kunst, Elisabeth von Samsonow, spricht mit Eva Tinsobin über Karriere und die Möglichkeit der Verwirklichung aller Menschen durch Tätigkeit.

derStandard.at: Was bedeutet der Begriff "Karriere"?

Elisabeth von Samsonow: Das Wort bedeutet Fahrstraße - von lateinisch „carrus, der Wagen". Also steht "Karriere" - anders als eine Laufbahn, auf der man sich eilige Fußgänger vorstellen darf - in enger Verbindung mit Geschwindigkeit und Fahrzeugen. Das Gehen hat da keinen Platz. 

Karriere ist so gesehen ein Phantasiebegriff einer beschleunigten Welt. Daher denke ich, dass Menschen, die in Workshops lernen sollen, ihre Karriere zu planen, in gewisser Weise hinters Licht geführt werden. Das Wesen des Lebensablaufs, der damit gemeint ist, wird nicht näher erläutert. Denn: Welches Ziel wird eigentlich "angefahren"? Das Ziel jedes Menschen muss doch mit seinem Fatum, dem "Schicksalsspruch" in Einklang stehen. Eine mit Befehlen ausgeschilderte Hochgeschwindigkeitsstrecke tut das nur ganz bedingt.

derStandard.at: Was dürfen wir unter dem menschlichen Schicksalsspruch verstehen?

Von Samsonow: Mit "Schicksalsspruch", oder "Fatum", meine ich das Privileg, etwas Besonderes zu sein: eben ein Schicksalsbesitzer. Über ein eigenes Schicksal zu verfügen, schließt eine einzigartige Qualifikation ein. Die Philosophie hat das bisher unter Rubrik "angeborenes Wissen" behandelt. Dieses Herkommen, dieses mit einem Fatum ausgestattet sein, ist das Erste. Es ist kostbarer und wichtiger als jene "Prostitution" - genannt Arbeit -, bei der man sich zum Zwecke der Selbsterhaltung "vermietet".

derStandard.at: Wie "wird man was"? Und was ist das, was man da werden soll?

Von Samsonow: Der Seins-Titel ist immer noch der höchste Titel, den man erreichen kann. Auch in der Philosophie gilt das Sein bzw. das Dasein als absolut unübertroffen. Man glaube nun nicht, dass dieser Seins-Titel sich nahtlos mit dem deckt, was eine Karriereplanung vorgibt. Das sind zwei unterschiedliche Ebenen. Die "Karriere" ist ein in einer bestimmten historischen Phase von außen vorgegebenes, hierarchisierendes Modell der "Fortbewegung" im Feld der Arbeit.

Man erklärt den Leuten, dass sie für ihre Karriere selbst verantwortlich seien, wobei diese Eigenverantwortung zugleich nur bedingt gefragt ist. Kann eine Institution oder Organisation einen Menschen als Schicksalsbesitzer gebrauchen? Kann sie wirklich mit seinem Seinstitel und seinen Liebhabereien etwas anfangen? Möglicherweise, indem sie die Vorteilhaftigkeit der mitgebrachten, "angeborenen" und liebhaberischen Qualitäten unzulässigerweise zur Privatsache erklärt.

derStandard.at: Kann man Karriere planen?

Von Samsonow: Karriereplanung ist das eine, was dann geschieht das andere. Es ist vielleicht ähnlich wie bei der Familienplanung. Berühmte Menschen sagen immer in ihren lesenswerten Biographien aus, sie hätten das Glück gehabt, jemanden für sie unendlich Wichtigen zufällig getroffen zu haben. Voraussetzung dafür, dass aus dem zufälligen Treffen etwas wird, ist eine auf beiden Seiten fühlbare Leidenschaft und Begeisterung für "die Sache".

Dilettantismus und Liebhaberei sind leider negativ behaftete Begriffe. Aber sie sind sehr wichtig für ein erfülltes Arbeitsleben oder eine glückende "Karriere". Statt Karriereplanung sollte deshalb der richtigere Begriff "Liebhabereiplanung" eingeführt werden. Falls man nämlich nicht mehr liebhaberisch mit dem eigenen Tun umgeht, sollte man sich von der Sache lieber scheiden lassen. 

Orientiert man sich am Konzept des "flexiblen Menschen" von Richard Sennet, dann verdient Karriere ihren Namen insofern nicht mehr wirklich, weil der Begriff im Plural stehen müsste: Menschen wechseln heute öfter als früher ihre Jobs, ihre Aufenthaltsorte, ihre Identität. Sie haben keine Karriere im Singular mehr und durchfahren nicht nur eine einzige Einbahnstrasse. Es wird die Option offen gehalten, aus dem Karrierezug auszusteigen, den alten Wagen abfahren zu lassen und auf einen neuen aufzuspringen. Möglich und zu hoffen ist, dass es Menschen gibt, bei denen Karriere und Schicksalsspruch endlich zusammenfallen.

derStandard.at: Wie verhält es sich mit der Verbindung von Macht und Karriere?

Von Samsonow: An Macht ist nichts auszusetzen, wenn man gelernt hat, sorgsam damit umzugehen. Aber das haben die Wenigsten. Besonders in einer Demokratie ist der Umgang mit Macht zweifelhaft. Man bietet einander sofort das Du-Wort an, weicht Hierarchien auf und übt dann doch Macht aus. Klar definierte Macht-Positionen sind einfacher zu handhaben.

derStandard.at: Funktioniert Karriere nur, wenn man sich selbst verwirklichen kann?

Von Samsonow: Wir müssen zwischen Erfolg und Karriere unterscheiden. Vom Erfolg, also vom Gelingen unserer liebhaberischen Tätigkeit, können wir beseelt sein. Wer Erfolg haben möchte, muss seine Sache allerdings wirklich gut können und sie lieben. Dann kommt das Gefühl auf, dass man eigentlich nicht gezwungen wird, zu arbeiten. "Man beschäftigt sich gerne", müsste das dann heißen. Wenn ich um Mitternacht immer noch mitten im Schaffen bin, bemerke ich, dass ich gerne - ja passioniert -arbeite.

Arbeit auf dieser Basis ist eine große Befriedigung, die bis ins hohe Alter andauern kann, falls sie einer Beschäftigung gilt, die in dieser Hinsicht keiner Einschränkung unterliegt - wie manche Sportarten, denen man nur bis etwa 30 frönen kann. Ein solches Leben ist prinzipiell für jeden Menschen vorstellbar. Politisch liegt da aber einiges im Argen.

derStandard.at: Was ist die Zukunft der Karriere?

Von Samsonow: Ich bin für das Grundgehalt und die massive Unterstützung der "Kinderpflege", das heißt jener Arbeit, durch die Kinder erzogen, versorgt und geliebt werden. Dieses Segment wird heute meiner Meinung nach vollständig falsch bewertet. Es handelt sich nämlich um die am höchsten zu bewertende Arbeit.
Betreuer von Kindern und Pädagogen müssten höchst angesehen und höchst bezahlt sein. Sie bereiten die Zukunft vor.

Wenn die Gesellschaft sich weg von der Profitmaximierung, hin zu einem sozialen und ethischen Projekt entwickeln würde, bin ich sicher, dass meine These von der Möglichkeit der Verwirklichung aller durch Tätigkeit richtig ist und einem akzeptablen, ja einem wahren Menschenbild entspricht. (derStandard.at, 9.11.2009)

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Posting 1 bis 25 von 33
1 2
Kurt Horch
00
5.11.2010, 20:09

grandios!

Das Individuum
03
9.11.2009, 13:56
WOW, die antworten gefallen mir, eine TOLLE FRAU.

quirax
10
9.11.2009, 14:07
na ja,

was sind klar definierte Machtpositionen in der Demokratie? BH oder Polizei?
Die Wahrheit bleibt: "...and all the roads we have to walk are winding. And all the lights that lead us there are blinding". Das trifft auch auf den Karrenweg zu.

eva lindt
 
00
9.11.2009, 13:29
yeah,

endlich jemand, dem auffaellt, wie wichtig erziehungsarbeit ist. und wie unterdotiert.

typograph
00
9.11.2009, 13:56
In diesem Punkt hat sie jedenfalls vollkommen recht.

Jedoch werden wir auf eine angemessene Wertung und Entlohnung in diesem Bereich ewig warten.

Hermine Berg
 
00
14.11.2009, 22:38
dabei

sind die muetter eh schon jahrzehntelang im streik. nur scheints niemandem aufzufallen.

King Nikochan
00
9.11.2009, 15:30

Yep.

Das einzige Problem ist das Ziel der Lehre zu definieren, und hier wird die Frau Professor sicher völlig andere Vorstellungen haben als zB Eliteunis oder -Schulen.

Was mich erstaunt ist dass hier nicht der Staat kommt und sagt die beste Ausbildung für die kids bringt dem Staat am meisten. Der Staat hätte eigentlich die nötige langfristige Sichtweise hierfür, und würde gleichzeitig am meisten profitieren.

Ausgeflippter Lodenfreak
20
9.11.2009, 13:19

Solange Frauen so denken, wird es immer einen statistisch messbaren Unterschied in den Gehältern zwischen Männern und Frauen geben. Männer nehmen Jobs aus rein monetären Gründen an. Es geht fast auschließlich um wirtschaftlichen Erfolg, da sie daran von der Gesellschaft (auch den Frauen) gemessen werden. Frauen hingegen reden von Selbstverwirklichung und Liebhaberei und von Glück im Job. Mit welchen Prioritäten wird die Mehrheit eines Geschlechtes wohl eher ein höheres Gehalt erreichen?

1 Wolfgang 1
04
9.11.2009, 14:16

Ich glaube eher, Frauen geben das vielleicht leichter zu. Aber auch ein Mann wird in einem Job den er nur des Geldes wegen macht, nicht auf Dauer erfolgreich sein. Um in einem Job gut zu sein braucht es mehr als die Vorfreude auf die Gehaltsüberweisung am Monatsletzten. Bekanntlich schlägt die Freude über eine Gehaltserhöhung und mag sie noch so toll sein, in kurzer Zeit in Gewohnheit um und diese wird irgendwann vom Wunsch nach noch mehr abgelöst.

Falls Sie da jetzt herauslesen, ich würde nicht gerne Geld verdienen, liegen Sie aber auch falsch :-)

Paolo Rossi
10
9.11.2009, 12:42
Was ist hier gemeint?

Viele Karrieren entscheiden sich statt für eine vielversprechende Karriere für einen vielversprechenden Liebhaber. Ist das damit gemeint?

korianders
02
9.11.2009, 09:28
Ohne Worte ...


Cartoon von Schaad: Eine Laufbahn. Vier Sportler auf den Startblöcken mit dem Blick nach dem Mann im Anzug und Krawatte, der eine Pistole in die Luft hält. Die Laufbahn ist so gezeichnet, dass diese, dem Ziel näher kommend, extrem eng wird. Die Sprechblase über dem Mann mit der Pistole: „Dies ist eben, eine Karriere-Laufbahn!“

... ;-/

Sortini
04
9.11.2009, 09:26
Ich verstehe die Intention der Antworten und teile sie auch,

aber mir sind selten so schwindlige Fatum-, Seins- und Machtbegriffe untergekommen. Die "philosophische Argumentation" ist für eine Universitätsprofessorin ganz schön schwach.

Reaction Path
01
9.11.2009, 10:26
sehe ich ähnlich...

gute (oder gut gemeinte) Intentionen, aber dann oberflächliches bla mit ein paar schicken Worten garniert. Leider.

typograph
01
9.11.2009, 09:05
Grundsätzlich alles richtig und gut ...

... dennoch sind solche Wege meist nur gangbar (bzw. denkbar) für diejenigen, die Geld haben (und nicht dem Stress unterworfen sind, sich täglich zu fragen, wo die Mahlzeit herkommt).

Saskia Fabian
 
21
9.11.2009, 07:19
blablabla

da redet wieder mal jemand gscheit daher, die selbst schon eine "karriere" hingelegt hat und sicher nicht nur wegen "schicksalshafter" Wendungen.

Alter Knacker
00
9.11.2009, 03:45

Sie macht das sehr schön und sie hat eine Idee, wie sie das Problem lösen kann, eine Frau zu sein, weil man muß eh das nehmen, was man von Geburt auf mitbekommen hat. Ich hätte auch lieber der Industrielle sowieso sein wollen, aber ich hätte das besser lassen sollen.

gomey
00
9.11.2009, 00:55

besonders mit dem letzten absatz stimme ich zu 100% überein.

Immanuel Cunt
09
8.11.2009, 21:56

Glücklich, wer rückblickend sagen kann: Ich bin nicht für meine Leistungen und Lebenszeit mit Schmerzensgeld (Lohn/Einkommen) entschädigt worden, sondern hatte Tätigkeiten, die ich mit Lust betrieben habe und trotzdem leben konnte.

Leider können das nur die allerwenigsten sagen

Management Quatscher
22
9.11.2009, 00:19

bei Künstlern wird das eher vorkommen, beim Bauarbeiter eher weniger. Wir könnten natürlich nun alle Künstler werden und uns glücklich gegenseitig unsere Kunstwerke zeigen, nur müssten wir halt dann alle im Freien schlafen, weil keine Häuser mehr gebaut würden. Was im Sommer noch erträglich wäre (ausser es regnet), würde sich im Winter als unüberbrückbare Hürde herausstellen.

vedma
03
9.11.2009, 16:06
Auch Häuser SIND des öfteren Kunstwerke!

eva lindt
 
08
9.11.2009, 13:27
ich kannte einen

bauarbeiter, der auch nach seiner pensionierung mit traenen in den augen von seiner wunderbaren erfuellten arbeit erzaehlt hat. nicht immer alles so schematisch sehen, es gibt bestimmt auch horden unzufriedener frustrierter kuenstler.

Phryx Sodalis
00
12.11.2009, 03:41

Schwere Arbeit richtet jährlich tausende Menschen auch hierzulande zugrunde. Es ist uns "Büromenschen" (unterstelle, dass Sie auch dazugehören) oft nicht bewußt, wie hart körperliche Arbeit ist, die über Jahrzehnte verrichtet wird.

Hermine Berg
 
00
14.11.2009, 22:40
sie kann

trotzdem - oder gerade deswegen - aber auch erfuellend sein. ich kenne einen zimmermann, der kann stundenlang vom holz schwaermen.

Management Quatscher
46
8.11.2009, 20:49
Liab. Irgendwie.

Ich bin auch für das Grundgehalt. Finanziert durch die gewaltigen Steuerleistungen der philosophischen Anthropologen.

Aber 2.000 netto pro Monat (14mal) sollten es schon sein.

Dust von Dust
00
9.11.2009, 08:42
woher kommt geld

ist es ein nicht vermehrbares gut, welches aufgeteilt werden muss?

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