"Unser System ist, dass wir kein System haben"

21. Oktober 2009, 18:59
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Erstmals eröffnet mit "La Pivellina" ein österreichischer Film die Viennale. Das Regie-Duo Tizza Covi und Rainer Frimmel im Gespräch

Das Interview führten  Dominik Kamalzadeh und Isabella Reicher.

La Pivellina wirft einen gleich mitten hinein ins Geschehen: Eine Frau mit leuchtend rot gefärbten Haaren sucht in einer Parkanlage nach ihrem Hund. Da fällt ihr ein Mädchen auf, das alleine auf einer Schaukel sitzt. Als auch bei Einbruch der Dämmerung kein Angehöriger kommt, um es abzuholen, nimmt Patty die Kleine mit nach Hause. Damit beginnt die Geschichte, die bald auch Pattys Freunde Walter und den jungen Tairo beschäftigt.

Standard: Sie kehren mit "La Pivellina" in ein Milieu zurück, das Ihnen nicht erst seit dem Dokumentarfilm "Babooska" vertraut ist. Wie entstand die Idee, in diesem Kontext nun einen Film mit fiktionalen Elementen zu entwickeln?

Covi: Es ging uns um einen fixen Ort, während der Zirkus in Babooska noch durch Italien gereist ist. Das Viertel San Basilio in Rom fasziniert uns. Dort steht auch das größte Gefängnis der Stadt - Rebibbia: Man hat es immer im Blick. Unser Schauplatz steht außerdem für all die Containersiedlungen in den Vororten von Rom, in denen Leute am Rande der Gesellschaft leben. Zirkus spielt fast gar keine Rolle, da wir im Winter gedreht haben - zu der Zeit leben die Artisten einfach nur dort.

Frimmel: Wir wollten mit diesen realen Personen einen Film mit fiktionalen Elementen machen. Die Freiheit, ein wenig zu inszenieren, ist uns bei Babooska schon fast ein bisschen abgegangen. Unsere Protagonisten haben uns auf die Idee gebracht, dass wir mit ihnen in eine andere Richtung gehen könnten. Im Grunde waren es Patty und Walter und Tairo, um die herum wir einen Film drehen wollten...

Standard: ... und die man in eine Geschichte einpasst?

Covi: Ja, diesmal habe ich für sie ein Drehbuch geschrieben.

Frimmel: Wobei Drehbuch mehr ein Manuskript meint, ohne Dialoge.

Covi: Unser System ist, dass wir kein System haben.

Frimmel: Wir haben gewusst, dass wir uns auf die Protagonisten verlassen können und sie imstande sind, das realistisch rüberzubringen. Dass sie Dialoge improvisieren können - dieses Vertrauen muss man haben. Und umgekehrt müssen sie uns vertrauen können, dass wir sie nicht bloßstellen.

Standard: Wie ist die Ausgangssituation aufgetaucht, vom kleinen Mädchen, das ausgesetzt wurde und den sozialen Zusammenhalt der drei anderen herausfordert?

Covi: Wir haben wahnsinnig lange nach einer Idee gesucht. Wir waren schon total verzweifelt. Rainer ist immer wieder mit einem Vorschlag gekommen, den ich total schlecht fand, umgekehrt hat er meine Ideen unerträglich gefunden. Wir brauchten etwas, das von außen zum Leben auf diesem Platz dazukommt, um dann zu zeigen wie es innen drin aussieht. Als ich die Idee mit dem kleinen Mädchen hatte, hat er gesagt, so schlecht ist das nicht. Da war mir klar, daraus kann man etwas machen.

Frimmel: Dann haben wir auch ein bisschen recherchiert und festgestellt, dass Kinder in dem Alter in Italien immer wieder ausgesetzt werden, im Einkaufswagen zurückgelassen zum Beispiel. Uns war auch wichtig, das Klischee vom fahrenden Volk, das Kinder stiehlt, umzudrehen. Vor rund einem Jahr hat es in Neapel nach einer vergleichbaren Meldung Pogrome gegeben, da wurden Roma- und Sinti-Lager abgefackelt, und im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass die Geschichte völlig erlogen war und mit diesen alten Ressentiments gespielt hat - damit sind wir ja auch noch aufgewachsen, dass "Zigeuner Kinder stehlen".

Standard: In sozialrealistischen Filmen kommt es bei vergleichbaren Problemen oft auch zu inneren Zerreißproben. "La Pivellina" deutet solche Momente nur an. Warum war Ihnen das wichtig?

Covi: Ich hasse logische Schemata. Ich verachte das total. Einer findet einen Brief, im Brief ist ein Schlüssel, der Schlüssel gehört zu einer Tür, die Tür geht auf, und alle sind glücklich. Im Leben gibt es das nicht, im Gegenteil, ich beobachte viel öfter, wie man sich verzettelt. In diesem Sinne spiegelt der Film auch uns und unsere Sicht auf die Welt wider, die eben nicht so konsequent, direkt auf eine Lösung zusteuert.

Frimmel: Wir wollten es anfangs sogar noch dokumentarischer machen und haben uns noch viel weiter verzettelt. Wir wollten Dinge zeigen, die mit der Geschichte weniger zu tun haben.

Standard: Verhilft einem das Inszenieren dann dazu, Dinge zu evozieren, die man mit einem klassisch dokumentarischen Zugang nicht herstellen könnte?

Frimmel: Es geht uns immer um die Frage, wie man Realität abbilden kann. Dokumentarfilme sind ja auch nicht frei von Inszenierung, aber wir wollten immer möglichst wenig eingreifen. Das kann natürlich auch in ein völliges Inszenieren umkippen, und trotzdem geht die Realität nicht verloren. Diese Spiel hat uns schon immer interessiert: Wie weit schafft man es, etwas zu inszenieren, ohne den Realitätsanspruch zu verlieren?

Standard: Was bedeutet das ganz konkret für die Dreharbeiten? Eine Szene vielleicht - wenn Walter mit Tairo Boxen trainiert. Passiert das oder ist das geplant?

Covi: Wir hatten das nicht im Drehbuch stehen. Aber wir haben ja dort im Wohnwagen gewohnt, haben gemeinsam die Tage verbracht, und einmal beim Kartenspielen hat Tairo zu Walter gesagt, er muss sich verteidigen - wie macht man das?

Frimmel: Wir haben gesagt, okay - jetzt bring ihm das Boxen bei, aber was dann passiert ...

Covi: Manche Szenen haben wir auch nur einmal gemacht, weil die Protagonisten es kein zweites Mal machen wollten. Beispielsweise das Boxen wollte Tairo nicht noch einmal machen, weil er ein paar Watschen gefangen hat. Genauso wie Patty kein zweites Mal ins Auto steigen wollte.

Frimmel: Bei Gesprächen sagen wir vorher, worum es gehen soll, aber maximal ein paar Stichworte. Manche Szenen waren auch sehr persönlich, wie das Gespräch über Tairos Kindheit. Das war lange schwierig, bis er von sich aus gekommen ist und gesagt hat, er möchte das jetzt machen.

Standard: Wie war das mit der Kleinen? Zweijährige lassen sich ja gemeinhin nicht inszenieren ...

Covi: ... vor allem nicht von den eigenen Eltern. Interessant war, dass wir gegen Ende des Drehs große Probleme mit ihr bekommen haben, weil sie den Respekt vor uns verloren hat. Sie ist bei mir im Arm eingeschlafen, sie hat durch die Kopfhörer hören dürfen und so weiter, und je vertrauter sie war, desto weniger hat sie uns gefolgt. Das war ein ganz schwieriges Spiel, wie viel ich geben darf.

Frimmel: Besonders wichtig war, dass die Eltern nie anwesend waren. Einmal war der Vater da, da hat gar nichts funktioniert. Die Eltern haben uns ihr Kind anvertraut und waren auch ganz froh darüber, denn sie ist ein sehr wildes Kind. (STANDARD/Printausgabe, 22.10.2009)

22. 10., 23:00,  Gartenbaukino

  • "Wenn wir einen Film machen, dann wollen wir nicht Wirklichkeit in unsere vorgefassten Ideen pressen, sondern uns einlassen auf das, was vorfällt." - Patrizia Gerardi und "die Kleine" beim Ausflug ans Meer. 
 
 
    foto: stadtkino

    "Wenn wir einen Film machen, dann wollen wir nicht Wirklichkeit in unsere vorgefassten Ideen pressen, sondern uns einlassen auf das, was vorfällt." - Patrizia Gerardi und "die Kleine" beim Ausflug ans Meer.

     

     

  • Zur Person:Tizza Covi (geb. 1971 in Bozen) und Rainer Frimmel (geb. 1971 in Wien) absolvierten beide von 1992 bis 1994 die Höhere Grafische Lehranstalt in Wien und arbeiten seither als freischaffende Künstler und Filmemacher. La Pivellina ist nach Das ist alles (2001) und Babooska (2005) ihre dritter gemeinsamer Kino- und ihr erster Spielfilm. Derzeit arbeiten sie am nächsten, Ko-Autor ist Xaver Bayer, gedreht wird in Wien und Hamburg.
    foto: viennale

    Zur Person:
    Tizza Covi (geb. 1971 in Bozen) und Rainer Frimmel (geb. 1971 in Wien) absolvierten beide von 1992 bis 1994 die Höhere Grafische Lehranstalt in Wien und arbeiten seither als freischaffende Künstler und Filmemacher. La Pivellina ist nach Das ist alles (2001) und Babooska (2005) ihre dritter gemeinsamer Kino- und ihr erster Spielfilm. Derzeit arbeiten sie am nächsten, Ko-Autor ist Xaver Bayer, gedreht wird in Wien und Hamburg.

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