"Eurofighter nicht immer zu verwenden"

22. Oktober 2009, 13:59
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Der Generalstabschef des Bundesheers über schmerzende Sparmaßnahmen und Bedrohungen aus dem Internet

"Theoretisch haben wir zwischen dem Formel Eins-Wagen, also dem Eurofighter, und einem Moped keine andere Möglichkeit. Es ist weder vorteilhaft noch gescheit, immer den Eurofighter zu verwenden", sagt Edmund Entacher, Generalstabschef des österreichischen Bundesheers im Gespräch mit derStandard.at. Außerdem spricht er über die neue, digitale Bedrohung und warum der Grenzeinsatz im Burgenland 2015 enden sollte.

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derStandard.at: Sie haben vor einem Jahr gewarnt, mit dem derzeitigen Budget könne das Bundesheer seine Aufgaben nicht mehr erfüllen. Jetzt macht das Heer mit wenig Geld unverändert in allen Bereichen weiter.

Edmund Entacher: Inzwischen ist anerkannt, dass wir im Sachaufwand, besonders bei den Investitionen, ein Problem haben. Außer dass wir einen Sparkurs fahren, hat das aber noch keine unmittelbaren Konsequenzen. Wir haben die Ausbildungen und die Übungen bisher sichern können. Was wir nicht können bzw. zeitlich verschieben müssen liegt im Sachbereich. Teile von nötigen Beschaffungen können wir uns erst 2014 bis hin zu 2017 leisten.

derStandard.at: Welche wären das?

Entacher: Bei unserer Hubschrauberflotte unterscheiden wir zwischen leichten, mittleren und schweren Geräten. Die mittleren sind so was wie das Arbeitstier der Streitkräfte und aufgrund ihres Alters wäre ein Upgrade notwendig. Das werden wir aufschieben müssen, obwohl es Priorität hat. Das zweite ist: Was ist mit den Saab 105 Nachfolgern? Der Kauf neuer Maschinen ist sicher bis 2015 nicht vorstellbar. Das wäre aber nötig. Wir müssten bei jedem Ziel in unserem Luftraum einen Eurofighter einsetzen. Theoretisch haben wir zwischen dem Formel Eins-Wagen, also dem Eurofighter, und einem Moped keine andere Möglichkeit. Es ist weder vorteilhaft noch gescheit, immer den Eurofighter zu verwenden. Auch weil das ziemlich teuer ist.

derStandard.at: Kann das Bundesheer momentan mit dem verkürzten Budget allen Aufgaben gerecht werden, die es hat?

Entacher: Da ist ein Schuss Pragmatik gefragt. Wenn ich das im wahrscheinlichen Spektrum Vorkommende sehe, traue ich mich für die nächsten Jahre Ja zu sagen.

derStandard.at: Das heißt, man schließt gewisse Bereiche von vornherein aus?

Entacher: Naja, man konzentriert sich auf die absolut notwendigen Bereiche. Die Verteidigung Österreichs, wie sie zur Zeit des Kalten Krieges war, ist heute nicht machbar. Muss es aber auch nicht sein. Vielleicht in zwanzig Jahren wieder, aber jetzt nicht. Aufgaben sind die Auslandseinsätze und die Inlandsaufgaben. Bei ersterem sind wir besonders erfolgreich, das wird gerne auch so honoriert, dass wir für unser kleines Land oft Spitzenjobs bekommen.

derStandard.at: Sollte man sich mehr darauf konzentrieren, einen militärischen Schwerpunkt zu setzen und den Rest weglassen?

Entacher: So ähnlich ist es ja. Aber wir dürfen trotzdem nichts vernachlässigen - an Kopfstärke haben wir nicht die alte Größe, aber sie ist knapp ausreichend. Wir müssen allerdings einiges an Ausstattung verbessern und ergänzen.

derStandard.at: Wie soll man etwas verbessern und ergänzen, wenn man doch pleite ist?

Entacher: Wir haben umfangreiche Sparmaßnahmen, in denen wir umschichten können. Die ganz großen Brocken heben wir auf und das tut uns schon weh. Das sind die Hubschrauber, die Saabs und als drittes die gepanzerten Transporter, von denen wir mindestens sechzig Stück brauchen würden.

derStandard.at: Wenn man sie jetzt nicht kaufen kann, wie soll das in Zukunft gehen? Mehr Geld wird es kaum geben.

Entacher: Ich bin kein Prophet. Aber wenn wir einmal nur eine der drei Anforderungen umsetzen könnten, wäre das schon ein Schritt.

derStandard.at: Ende des Jahres werden die Soldaten aus dem Tschad abgezogen...

Entacher: ... ja, das ist mit der UNO so vereinbart. Wir haben als EUFOR unter europäischer Flagge begonnen, sind dann in die UNO-Mission MINURCAT mit und da war die Laufzeit bis Ende 2009 schon beschlossen.

derStandard.at: Eine Verlängerung kommt nicht in Frage?

Entacher: Nein. Die UNO hat ein Interesse daran, dass die Mission afrikanischer dominiert wird, im Sinne von Eigenverantwortung. Das ist eine politische Überlegung. Man will auch die afrikanische Union vermehrt ins Spiel bringen.

derStandard.at: Sollte man sich an der Mission in Afghanistan beteiligen?

Entacher: Das ist eine primär politische Sache. Aber es herrscht in Österreich auch gerade eine so negative Stimmung gegenüber einem Afghanistan-Einsatz, und zwar von allen Parteien.

derStandard.at: Wann soll der Grenzeinsatz im Burgenland beendet werden?

Entacher: Kommendes Jahr soll der Einsatz noch fortgesetzt werden. Politisch schlägt sich das so nieder, dass das subjektive Sicherheitsgefühl der Menschen dort, viel wert ist. Ich gehe aber davon aus, dass der Einsatz 2010 beendet werden kann: Das hätte den großen Vorteil, dass wir weniger Geld verbrauchen und wir mehr und länger ausbilden können.

derStandard.at: Internationale Armeen rüsten gerade informationstechnisch auf. Wie hoch schätzen Sie die Bedrohung per Internet ein?

Entacher: Ich halte das für sehr gefährlich. Nicht nur die großen, sondern auch die mittleren Staaten rüsten hier auf. So viel Phantasie kann man gar nicht haben, um sich auszumalen, was alles passieren könnte. Die Befassung damit ist zwingend und wir können in kleinen Schritten mithalten. Bei uns im Heeresabwehramt ist nun eine kleine Abteilung beschäftigt, die sich nur mit solchen Fragen auseinandersetzt. Man muss sich nur vorstellen, was passiert, wenn mehrere zentrale Server der Ministerien ausgeschaltet werden oder Banken, Rechenzentralen, das sind unvorstellbare Sachen. Diese Seite der Bedrohung ist heavy. (Saskia Jungnikl, derStandard.at, 22.10.2009)

Zur Person: Edmund Entacher ist seit 1. Februar 2008 Generalstabschef des Bundesheers. Der 60-Jährige ist SPÖ-Mitglied und war von 2002 bis 2006 Kommandant der Streitkräfte.

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    "Ich gehe davon aus, dass der Grenzeinsatz 2010 beendet werden kann: Das hätte den großen Vorteil, dass wir weniger Geld verbrauchen und wir mehr und länger ausbilden können."

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    "Wir müssten bei jedem Ziel in unserem Luftraum einen Eurofighter einsetzen, weil theoretisch haben wir zwischen dem Formel Eins-Wagen, also dem Eurofighter und einem Moped keine andere Möglichkeit."

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