Flickereffekt mit Möwe

21. Oktober 2009, 19:09
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Die Viennale stellt mit Jennifer Reeves' "When It Was Blue" und Ben Russells "Trypps"-Serie zeitgenössische US-Experimentalfilme vor, die der guten alten Technik noch einmal neue Facetten abtrotzen.

Es beginnt mit einer Nachtfahrt über Wasser. Lichtreflexe tanzen auf den Wellen. Bald legt sich über diese Bildebene eine zweite - ein blasser Himmelskörper schwimmt im Meer. Schnell ist man mittendrin in einem dichten Geflecht von Bildern, deren Haut von Beschädigungen aufgerissen wird oder mit dicken Pinselstrichen überzogen, changierend zwischen ganz konkreten (Natur-)Beobachtungen und abstrakten Animationen. Kaum je sieht man auf den virtuos gemixten Aufnahmen von Flora und Fauna auch Menschen, wie Schemen tauchen sie ein paar Mal auf, einmal lacht einer in die Kamera und knipst schnell ein Foto.

Seit den 90ern macht die US-Amerikanerin Jennifer Reeves Filme: Chronic (1996) zum Beispiel, ein Found-Footage-Identitätsdrama, oder die experimentelle Filmerzählung The Time We Killed (2004). When It Was Blue ist hingegen in erster Linie eine malerische Arbeit, wie andere Werke in Zusammenarbeit mit Musikern (hier: Skuli Sverrisson) produziert. 

16 mm, quicklebendig

Reeves hat übrigens einen Blog, der auf den Namen not dead yet (I love 16 mm) hört. Nicht nur deswegen lässt sich hier eine schöne Querverbindung zu Ben Russells Trypps -Serie ziehen: Auch Russell verwendet bevorzugt 16 mm. Auch seine Kurzfilme loten unterschiedlichste kinematografische Verfahren, von der Bearbeitung des Filmstreifens bis zur 11-minütigen Kamerabewegung (die eine geheimnisvolle Performance verfolgt) aus.

Eine dieser Miniaturen, der auf 35_mm gedrehte Black & White Trypps Number Three, ist zugleich ein in seiner Konzentriertheit rarer Musikfilm. Zur außerhalb des Bildrahmens stattfindenden Live-Performance der Band Lightning Bolt sieht man im Anschnitt beziehungsweise im lichten Rund, das ein Scheinwerfer wirft, das Gedränge tanzender, zuckender, schwitzender Leiber und Gesichter. Das ist ganz einfach effektiv. (Isabella Reicher, DER STANDARD/Printausgabe, 22. Oktober 2009)

When It Was Blue: 23. 10., Stadtkino, 23.00 Uhr (Video), Wh.: 25. 10., Metro, 18.30 Uhr (Doppelprojektion);
Trypps: Nr. 1-Nr. 6, 24. 10., Künstlerhaus, 13.30 Uhr; Wh.: 26. 10., 18.30 Uhr; Performance Ehlers/Russell 26. 10., Badeschiff, 21.00 Uhr

  • Audiovisuelles Schichtwerk: "When It Was Blue", Jennifer Reeves' Bearbeitung von Landschaftsbildern und Naturaufnahmen, vertont von Skuli Sverrisson.
    foto: viennale

    Audiovisuelles Schichtwerk: "When It Was Blue", Jennifer Reeves' Bearbeitung von Landschaftsbildern und Naturaufnahmen, vertont von Skuli Sverrisson.

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