Ausgeliefert und ausgeschlossen

21. Oktober 2009, 18:54
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Regisseur Lino Brocka hat mit seinen packenden sozialkritischen Melodramen dem unabhängigen Kino der Philippinen den Weg bereitet.

Einige seiner jüngeren Kollegen haben nun ein Viennale-Tribute gestaltet.

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Eine Frau schreit und keucht. Sie liegt auf einem Bett, die Beine gespreizt, mit primitiven Mitteln macht man sich daran, ihr Kind abzutreiben. Im ersten Moment weiß man nicht genau, ob es der Schmerz ist, der sie so außer sich geraten lässt, oder ob die Prozedur gar gegen ihren Willen geschieht. Oder: Ein Schwein, rückwärts auf einem Haken, ein Stich, dann stürzt Blut heraus. Ansichten aus dem mechanisierten Inneren einer Schlachterei folgen, Tiere werden zusammengepfercht, gereinigt, getötet und zerteilt. Über allem infernalischer Lärm.

Zwei charakteristisch drastische Filmeinstiege des 1991 gestorbenen philippinischen Regisseurs Lino Brocka: Insiang (1976) und Weighed But Found Wanting (Tinimbang ka ngunit kulang) - Letzterer, im Jahr 1974 gedreht, wurde in seiner Heimat ein großer Erfolg und festigte Brockas Ruf als sozialkritischer Regisseur: Einen Film mit einer Abtreibungsszene zu beginnen und dann von der Doppelmoral einer tiefkatholischen Dorfgemeinschaft zu erzählen, dazu gehört auf jeden Fall Courage - mehr noch: eine politische Vision.

Zumal, wenn man in den Philippinen in der Ära von Diktator Marcos arbeitete, wo das Kino mit rigider Zensurmaßnahmen zu kämpfen hatte. Drehbücher wurden geprüft, explizite Kritik an der Regierung war verboten. Die Filmkultur hingegen bestimmten hauptsächlich kommerzielle Formate. Brocka, dessen umfangreiches - und kaum restauriertes - Werk so legendär wie wenig bekannt ist, feilte unbeirrt an einem populären nationalen Kino, das aufzurütteln und politisch zu sensibilisieren versuchte. Sein dritter Weg war, das Fach des Melodrams um landesspezifische Topoi zu bereichern, ohne die vorherrschende Ästhetik überwinden zu wollen.

Moloch Großstadt

Mit Manila: In the Claws of Light (Maynila: sa mag kuko ng liwanag), 1975) fertigte er einen immens einflussreichen Film um einen jungen Mann vom Land, der in der Großstadt nach seiner Geliebten sucht und dann vom Moloch sukzessive mit sich gerissen wird. Schon davor dreht er Weighed But Found Wanting), für dessen Realisierung er lange kämpfen musste - es gelang ihm schließlich erst mit der Gründung der eigenen Produktionsfirma Cinemanila. Auch ökonomisch musste sich dieses Kino ständig aufs Neue bewähren.

Weighed But Found Wanting) zeigt auf exemplarische Weise Brockas Talent, breite melodramatische Bögen mit einer scharfen Gesellschaftsdiagnose zu vereinen. Er behauptete stets, es sei ein autobiografischer Film: Mit Junior (Christopher de Leon) hat das Coming-of-Age-Drama, das ständig über generische Ufer tritt, einen jugendlichen Helden, der mit Autoritäten in Konflikt gerät. Hier ist es ein gutbürgerlicher Haushalt, dessen äußere Wohlanständigkeit nur die inneren Zerwürfnisse verbirgt. Der Vater ist ein Frauenheld, die Mutter rasend vor Eifersucht und voller Klassendünkel - und auch die Dorfgemeinschaft bietet kaum Anschlussmöglichkeiten.

Brockas Blick weist über das Individuelle hinaus. Zug um Zug zeichnet er das Panorama einer kleingeistigen, süffisanten Gesellschaft, die keine Gelegenheit auslässt, sozialen Außenseitern ihren Hochmut zu demonstrieren. Kuala (Lolita Rodriguez), eine geistig behinderte Frau, und Berto (Mario O'Hara), dessen Gesicht durch eine Krankheit entstellt ist, trifft der Hohn der anderen; nur Junior weicht von dieser Linie ab und entdeckt in den beiden Ausgeschlossenen eine Menschlichkeit, die ihn für sie Partei ergreifen lässt.

Die meisten Filme Brockas nehmen kein glückliches Ende. Es handelt sich um Odysseen des Leidens, deren melodramatische Wucht allerdings Einsichten nach sich zieht. In Weighed But Found Wanting) wird dem Mob der Dorfgemeinschaft am Ende ein Symbol seines Glaubens entgegengehalten, dem er nie entsprochen hat. In Insiang) vermag sich die Titelheldin (Hilda Koronel) nur mit einem Racheplan gegen ihre beiden Unterdrücker zu wehren - und erkennt zu spät, dass sie in Hinkunft mit einer Bürde leben muss.

Aus den nah am Wasser gebauten Slums von Manila gibt es kein Entkommen. Die hübsche Insiang wird von ihrer herrschsüchtigen Mutter (Mona Lisa) an einer engen Leine gehalten; als der um viel jüngere Fleischer Dado (Ruel Vernal) zu deren Geliebten wird, eskaliert der Konflikt - er begehrt in Wahrheit Insiang, in deren Nähe er sich nächtens schleicht.

Frauen, die sich in Abhängigkeiten verstricken, Frauen, die sich aus diesen kaum lösen können: Immer wieder variiert Brockas solche Motive, auch in Bona (1980), der als Allegorie auf die koloniale Situation der Philippinen gelesen wurde. Eine junge Frau aus bürgerlichem Hause erniedrigt sich als Sklavin für einen drittklassigen Schauspieler. Eine Pattsituation wie in einem Fassbinder-Drama (mit dem Brocka mehr als nur die Vorliebe für Melodramen teilt), die nur in nackter Gewalt enden kann. Anfang und Ende, ein Moebiusband. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD/Printausgabe, 22.10.2009)

  • Regisseur Lino Brocka, Sozialkritiker mit der Kamera.
    foto: viennale

    Regisseur Lino Brocka, Sozialkritiker mit der Kamera.

  • Odyssee durch das Dickicht Manilas und im Bootcamp für juvenile Drogenabhängige: Lino Brockas Meisterwerk "Manila: In the Claws of Light" und der Dreiteiler "Three, Two, One" führen Zwangslagen vor, aus denen man nur mit Gewalt entkommt.
    foto: viennale

    Odyssee durch das Dickicht Manilas und im Bootcamp für juvenile Drogenabhängige: Lino Brockas Meisterwerk "Manila: In the Claws of Light" und der Dreiteiler "Three, Two, One" führen Zwangslagen vor, aus denen man nur mit Gewalt entkommt.

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    foto: viennale
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