Noch ein paar halbe Leben mehr

21. Oktober 2009, 19:13
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Orientierungslose Dreißigjährige: Elmar Szücs’ Doku "Wir sind schon mittendrin"

Mittendrin und doch nicht dabei. Jedenfalls nicht so, wie man sich als 20-Jähriger sein kommendes Lebensjahrzehnt ausgemalt hatte. Vier Freunde aus Schultagen, vier junge Männer kurz vor der magischen Dreißig. Elmar, der Regiestudent, ist vor kurzem Vater geworden. Zeit, Bilanz zu ziehen. Die fällt mager aus: bis auf den Nachwuchs nichts erreicht auf der Familie-Haus-Auto-Karriere-Altersvorsorge-Wunschliste.

Bei den Freunden sieht es ähnlich aus oder noch trüber. Mathis hat sein Musikstudium abgebrochen. Flo geht zum Mittagessen in die Schulkantine, weil man für drei Euro dort noch "ordentliche Portionen" bekommt. Stoffel ging wegen Depressionen von der Universität und in Therapie.

Entgegen der Behauptung von Regisseur Elmar Szücs sind die Selbstbeschreibungen des Films gerade kein "Porträt einer Generation", sondern die Nabelschau einer spezifischen sozialen Schicht, die im bundesrepublikanischen Wohlstand der 80er-Jahre aufgewachsen ist, von liberalen Eltern mit Klavierstunden und Sportunterricht auf Selbstverwirklichung getrimmt wurde und anschließend „irgendwas mit Medien" machen wollte. Und verreisen und die Welt entdecken. Und jedes Wochenende ausgehen. Und studieren und Karriere machen. Und ein Kind zur Welt bringen oder zwei. Wo einem alle Wege offen stehen, wagt keiner den ersten Schritt.

Lauter Lebensentwürfe, die sich darüber erstaunen, dass man sich zu entscheiden hat. Und die in ihrer Sehnsucht nach bürgerlicher Sicherheit den Idealen ihrer Eltern näher sind, als sie sich eingestehen können. "Wir sind Anti-Yuppies", versucht die Freundin von Flo eine Diagnose. "Nein, wir sind gar nichts. Wir haben nichts, wir hinterlassen nichts", antwortet ihr Freund in einer Tirade der Selbstbeschimpfungen, während sie zusehends verstummt. Der Wunsch nach Sein und Haben hat auch diese Generation nicht verlassen.

Wir sind schon mittendrin ist, wie seine Protagonisten, unentschlossen. Irgendwie klagt man sich selbst für seine Misere an, aber irgendwie sind genauso die eigenen Eltern schuld, die einem in der Kindheit nicht genügend Grenzen aufgezeigt haben. Irgendwie ist man "auf die Fresse geflogen" mit seinem Leben, und irgendwie kommt man dennoch über die Runden. Irgendwie sind die Dinge aus dem Ruder gelaufen, aber irgendwie werden sie sich auch schon wieder einrenken.
Eine Dosis Boshaftigkeit hätte dem Film gutgetan. Wie das geht, hat Marko Doringer vor kurzem in Mein halbes Leben gezeigt, der die selbe Geschichte lakonischer, sarkastischer, narzisstischer, kurz gesagt: ehrlicher auf die Leinwand gebracht hat. So bleibt Wir sind schon mittendrin ein Film, in dem Selbstaussagen an Küchentischen sich mit eingeschnittenen 16-mm-Aufnahmen im Home-Video-Look abwechseln. (Dietmar Kammerer, DER STANDARD/Printausgabe, 22.10.2009)

Wir sind schon mittendrin: 23. 10., Urania, 18.30 Uhr; Wh.: 25. 10. Künstlerhaus, 23.30 Uhr

  • Vier Freunde aus gutbürgerlicher Schicht wissen nicht so recht weiter: Elmar Szücs' Dokumentarfilm "Wir sind schon mittendrin".
    foto: viennale

    Vier Freunde aus gutbürgerlicher Schicht wissen nicht so recht weiter: Elmar Szücs' Dokumentarfilm "Wir sind schon mittendrin".

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