Kreative Aneignung erlaubt

21. Oktober 2009, 19:16
1 Posting

Copyright-Doku: "Rip: A Remix Manifesto"

Wann haben Sie das letzte Mal Happy Birthday gesungen? Oder die Melodie gesummt? War das am privaten Küchentisch Ihrer Tante? Oder hat die ihren Geburtstag im Café gefeiert? Falls Letzteres, lassen Sie niemanden wissen, was Sie getan haben. Vor allem niemanden, der für Warner Music arbeitet. Denn der Unterhaltungskonzern hält die Rechte an dem Lied, eingeschlossen das Recht zur Aufführung an öffentlichen Orten. Folglich könnte Warner Sie klagen, es sei denn, Sie haben eine Lizenzgebühr bezahlt, bevor Sie Ihre Stimme zum Gesang erhoben.

Experten schätzen, dass Warner Jahr für Jahr rund zwei Millionen Dollar mit Happy Birthday verdient. Davon geht kein Cent an die Autorinnen des Liedes, die Schwestern Patty und Mildred J. Hill, zwei Kindergärtnerinnen, die 1893 die Melodie komponierten. Beide sind längst tot. Was fortbesteht, ist das Copyright an ihrem Werk. Nach europäischem Recht darf man erst am 1. Januar 2017 legalerweise Happy Birthday im öffentlichen Raum anstimmen, ohne dafür zu bezahlen. In den USA muss man damit noch mindestens bis 2030 warten. Unter Umständen auch etwas länger.

Auch die Dokumentation Rip: A Remix Manifesto muss sich ständig fragen, ob sie sich durch das, was sie tut, möglicherweise strafbar macht. Denn der Film praktiziert, wovon er handelt: Er mischt Bilder, Musiksamples und Filmausschnitte so durcheinander, ordnet die Elemente so neu an, dass daraus eine neue Aussage, ein neues Werk entsteht. Für Regisseur Brett Gaylor sieht so die Zukunft der kulturellen Produktion im vernetzten Zeitalter aus, und er zitiert dutzende Beispiele von Musikern, Künstlern, Autoren, die es genauso sehen. Ausführlich zu Wort kommt "Girl Talk", ein Musiker, der ausschließlich mit Samples arbeitet.

Gaylors zweiter Gewährsmann ist der Jurist Lawrence Lessig, einer der bekanntesten Verfechter für das Recht auf den Remix, der in China und Brasilien auf Konferenzen und vor Regierungsvertretern für einen offeneren Umgang mit dem Urheberrecht wirbt.

In Rip: A Remix Manifesto sind die Rollen klar verteilt: Hier die Millionen Konsumenten, die zu Kulturproduzenten werden könnten. Dort die milliardenschwere Unterhaltungsindustrie mit ihrer Armee von Lobbyisten und Rechtsanwälten. Hier die Zukunft, dort die Vergangenheit. Dabei kommen dem Film unterhand manche Argumente durcheinander: Ein Musikstück zu remixen ist nicht dasselbe, wie es von einem illegalen Filesharing-Dienst herunterzuladen. Doch dass der Filmemacher es ernst meint mit dem Allgemeingut Kultur, kann niemand bestreiten: Die Dokumentation ist unter eine Creative-Commons-Lizenz gestellt. Jeder, der will, kann sich eine eigene Version daraus zurechtbasteln. (Dietmar Kammerer, DER STANDARD/Printausgabe, 22. Oktober 2009)

Rip: A Remix Manifesto: 23. 10., Urania, 23.30 Uhr; Wh.: 24. 10., Gartenbau, 13.00 Uhr

  • Musik zum Anfassen - der kanadische Filmemacher Brett Gaylor plädiert auch für mehr Freiheit zur Nachnutzung.
    foto: viennale

    Musik zum Anfassen - der kanadische Filmemacher Brett Gaylor plädiert auch für mehr Freiheit zur Nachnutzung.

Share if you care.