Leistung dominiert das Lebensgefühl der Jugend

21. Oktober 2009, 15:45
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"Sex, Drugs and Rock 'n' Roll": Das war einmal, so der Tenor bei einer SchülerStandard-Debatte im Wiener Rathaus

Wien - "Sex, Drugs and Rock 'n' Roll" bestimmte das Lebensgefühl der Elterngeneration. Die Frage nach dessen Aktualität unter der heutigen Jugend diskutierten letzten Sonntag der Sexualpädagoge Wolfgang Kostenwein und die Suchtexpertin Hermine Schmidhofer mit den beiden SchülerStandard-Autorinnen Bath-Sahaw Baranow und Magdalena Legerer anlässlich der Wiener Frauengesundheitstage "fem vital".

Die Debatte im Festsaal des Wiener Rathauses leitete Moderatorin und Standard-Redakteurin Bettina Reicher mit der jüngsten Jugendwertestudie des Instituts für Jugendkulturforschung ein. Umfragen unter 1200 Jugendliche brachten das Ergebnis, dass das Streben nach einer sicheren Zukunft und die Rückkehr zur Tradition das Potenzial zur Rebellion überschattet habe.

Kostenwein, der das Wiener Institut für Sexualpädagogik leitet, kann das bestätigen: "Sex, Drugs and Rock 'n' Roll - das war einmal. Heutige Jugendliche sind sehr individuell, zielstrebig und wissen, was sie wollen." Leistung stehe im Vordergrund, auch bei Themen wie Sexualität. "Die Kombination aus Leistungsdruck einerseits und der enormen Jugendarbeitslosigkeit andererseits gibt Jugendlichen ein Gefühl von Perspektivlosigkeit", führt Schmidhofer von der Sucht- und Drogenkoordination Wien aus. "Das kann zur Flucht in den vermehrten Alkohol- und Drogenkonsum führen."

Die 15-jährige Bath-Sahaw Baranow weist darauf hin, dass sich die meisten Jugendlichen der Gefahren durchaus bewusst seien, allerdings die Behandlung dieser Themen sehr von den unterrichtenden Lehrern abhänge. Wenn man das nötige Wissen erlangt habe, warte eine weitere Hürde: der Umgang mit diesem Wissen.

Die 17-jährige Magdalena Legerer kritisiert die oft sehr wissenschaftliche und wenig realitätsnahe Behandlung kritischer Themen durch Lehrer. "Die Sexualpädagogik ist eine besondere Herausforderung, weil gerade heikle Themen in der Schule oft ausgelassen werden", bestätigt Kostenwein. "Angesprochen werden Verhütung, biologische Anlagen oder Geschlechtskrankheiten. Andere Infos holen sich Jugendliche aus den Medien oder dem Freundeskreis."

Was Baranow bestätigen kann und erklärt, warum sich Jugendliche auch durch Medien unter Druck gesetzt fühlen: "In manchen Zeitschriften und im Internet werden Erfahrungen oft anders dargestellt, als sie wirklich waren, und dann als normal hingestellt. Das setzt Jugendliche unter Druck."

Schmidhofer, die die Vermittlung von Risiko-, Handlungs- und Lebenskompetenz auch den Medien zuspielt, ergänzt: "Häufig wird die Jugend als schlechte, exzessive Generation dargestellt. Das entspricht nicht der Realität. Die Medien zwingen dadurch die Jugendlichen, dem Hype nachzueifern", kritisiert die Expertin.

Wie es zu beurteilen sei, dass jeder dritte Jugendliche zwischen 15 und 29 Jahren bereits Erfahrung mit Cannabis gemacht habe, will Moderatorin Bettina Reicher mit Verweis auf den Wiener Drogenbericht 2008 wissen und wirft dabei die Legalisierungsfrage auf.

"Ja, ich bin für eine Legalisierung", sagt Schmidhofer. Cannabis werde weltweit konsumiert. "Experimentieren gehört zum Erwachsenwerden dazu - allerdings müssen die Risiken richtig eingeschätzt werden", meint die Expertin.

Baranow ergänzt, dass Lehrer vermehrt auf Klischeebilder zurückgreifen, wenn sie die Risikokompetenz ihrer Schüler einzuschätzen versuchen. Ebenso wie Schmidhofer sieht auch Kostenwein die Vermittlung von Risiko-, Körper- und Medienkompetenz als besonders wichtig an. Heikle Themen wie etwa Pornos auf Handys müssten somit nicht direkt angesprochen werden.

Vermitteln, dass Sex schön ist

Völlig absurd sei es, beim Thema Sexualität ständig nur negative Aspekte zu vermitteln, die nie zu einer Eigenkompetenz führen würden, kritisiert Kostenwein: "Ich erzähle gerne die Episode des Schülers, der mich im Pausengang fragt: 'Ich schlafe jetzt schon ein Jahr mit meiner Freundin, und wir haben noch immer keine Geschlechtskrankheit. Ist das normal?'"

Eine große Aufmerksamkeit komme in der Schule hingegen dem Leistungsdenken zu, sagt Baranow: "Mit der Leistung kommt auch das Konkurrenzdenken, was in der Schule vermittelt wird: Früh wird uns klargemacht, dass wir in einer globalisierten Welt leben und daher ohne Kampf und Leistung keinen Arbeitsplatz bekommen."

Dieses Leistungsdenken setze sich in der Sexualität fort, weiß Kostenwein: "Jeder möchte seiner Freundin oder seinem Freund den besten Sex der Welt bieten. Das macht Sex sehr komisch, denn etwa Oralsex passiert oft nicht aus der Idee heraus, sondern weil er zum Plan gehört." Baranow und Legerer können dem zustimmen. "Der Druck läuft auf zwei Schienen ab: Einerseits muss die 'Liste', also erster Kuss, erstes Mal, Studium etc. abgearbeitet werden, und andererseits kommt das eigentliche Erwachsenwerden, das Erlangen von Verantwortungsbewusstsein, dadurch zu kurz."

Beide sind sich einig, dass auch die negative Grundeinstellung gegenüber Jugendlichen abgebaut werden müsse. Zusätzlich fordern die Experten, dass alle Beteiligten ihre Scheu ablegen und Jugendlichen Anerkennung zuteil werden lassen, wenn diese offen über Probleme und Fragen reden wollen. (Ina Bauer, DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2009)

 

 

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