Fremdkapital im Schraubstock

21. Oktober 2009, 16:40
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Im Kredit-Schlaraffenland fließen Milch und Honig derzeit nur spärlich, die Banken wollen den Hahn aber nicht zugedreht haben

Wenn Begriffe lange genug verwendet werden, werden sie irgendwann zum Selbstläufer. Und oft auch zum Platzhalter für etwas anderes. Die Kreditklemme ist so ein Beispiel - mittlerweile untrennbar verbunden mit der Wirtschafts-, Finanz- und Kapitalmarktkrise. Die englische Übersetzung dafür, nämlich Credit Crunch, fand als Süßkram sogar Eingang in die Regale der Londoner Supermärkte - heißt doch "crunchy" auch knusprig. Die Banker-Frust-Weg-Schokolade gibt es nicht mehr, die Kreditklemme als Begriff und als Zustand ist aber geblieben, und erschwert oft ein adäquates Liquiditätsmanagement.

In Großbritannien will die Regierung beispielsweise die beiden teilverstaatlichten Banken Royal Bank of Scotland und Lloyds dazu zwingen, 27 Milliarden Pfund (rund 29 Milliarden Euro) locker zu machen und als Kredite in die Wirtschaft zu pumpen. In Deutschland warnt die Bundesbank vor einem sich weiter zuziehenden Kreditschraubstock. Auch laut EZB besteht die Gefahr einer sich verstärkenden Kreditklemme. Noch seien die Investitionen rückläufig. Mit einem Anspringen der Konjunktur allerdings sei zu befürchten, dass die Banken die Kreditnachfrage nicht genügend bedienen können. EZB-Direktoriumsmitglied Lorenzo Bini Smaghi rief daher die Banken auf, sich nicht "endlos auf die EZB zu verlassen" und selbst nach Alternativen zu suchen.

Unter anderem wird Bini Smaghi wohl auch den derzeitigen Nullzins-Pfad der Notenbanken meinen, den man schließlich auch für eine Ankurbelung der Kreditvergabe beschritten hat. Ganz so funktioniert hat das nicht, bei den Unternehmen (wie auch bei den Privaten) ist die Nullzinspolitik nicht wirklich angelangt oder schlägt einfach nicht durch, und macht damit das klassische Treasury-Liquiditätsmanagement-Instrument Kredit zu einem unsicheren Kandidaten im Portfolio. "Durch den Konjunktureinbruch und die mit der Finanz- und Wirtschaftskrise verbundene Vertrauenskrise herrscht bei Unternehmen momentan große Unsicherheit, die nicht unbedingt die Investitionsneigung der Betriebe fördert. Vielfach werden Investitionen momentan auf Eis gelegt und abgewartet. Billige Kredite allein werden hier die Investitionsbereitschaft der Unternehmen nicht ankurbeln", erklärt Christine Mitter, Fachbereichsleiterin Controlling und Finance am Studiengang Betriebswirtschaft der Fachhochschule Salzburg, in einem Gespräch mit derStandard.at.

Weniger Neukredite

Eine Annahme, die folgende Zahlen belegen. Der jüngste "Kreditmonitor" der Österreichischen Nationalbank (OeNB) bezifferte die Neukreditvergabe an Unternehmen im August auf 6,8 Milliarden Euro, und unterschritt damit erstmals seit Jänner die Sieben-Milliarden-Euro-Schwelle. Der Großteil der im August neu vergebenen Unternehmenskredite entfiel mit rund 85 Prozent (nach 79 Prozent im Juli) auf sehr kurze Laufzeiten von bis zu sechs Monaten. Die Wachstumsrate auf Jahresbasis lag bei 2,8 Prozent (minus 0,2 Prozentpunkte gegenüber Juli), das ist der niedrigste Wert seit September 2004. Bleibt die sprichwörtliche Frage nach Henne und Ei: Werden weniger Kredite vergeben, weil weniger Unternehmen Kredite beantragen, oder weil die Banken mehr ablehnen.

Einer Umfrage des Wirtschaftsforschungsinstituts (WIFO) aus dem Frühjahr dieses Jahres zufolge ist es zweiteres. 649 Unternehmen wurden zu den Bedingungen der Kreditvergabe befragt. Rund 30 Prozent gaben an, dass es verschärfte Bedingungen gibt. Allerdings trifft es nicht alle Unternehmen gleich stark: Größere hatten wesentlich häufiger mit Restriktionen zu kämpfen, exakt die Hälfte mit mehr als 250 Beschäftigten berichtete davon. Von den kleineren Firmen waren es hingegen unter 30 Prozent. Auch bei der Neuaufnahme von Krediten zeigte sich ein ähnliches Bild. "Dies ist einerseits darauf zurückzuführen, dass Großbetriebe durch die verringerte Aufnahmefähigkeit des Kapitalmarktes kaum mehr Aktien und weniger Anleihen emittierten und so Kapitalmarktfinanzierungen durch Bankkredite zu ersetzen versuchten. Andererseits sind für Banken derzeit großvolumige und langfristige Finanzierungen schwieriger auf die Beine zu stellen, die ebenfalls eher von großen Unternehmen nachgefragt werden", meint dazu Mitter.

Banken gehen in die Offensive

Für die Banken liegt das Problem natürlich genau in der anderen Richtung, was unlängst auch Thema beim Finanzsymposium in Alpbach war. Bawag-Vorstandsdirektorin Regina Prehofer sprach dabei von einem verstärkten Bonitätsdruck. Bei zwei Drittel der Unternehmen verschlechtere sich das Rating in letzter Zeit zumindest leicht. Für die Banken heißt das, es ist noch mehr Kapital für diese Kredite nötig. Beim aktuellen Bedarf der Banken, ihr Eigenkapital zu erhöhen, spreche sie noch gar nicht von der überlegten Reform der Kapitalklassifizierung und der diskutierten Erhöhung der regulativen Kernkapitalvorschriften (von vier auf sechs Prozent). Erste Bank-Vorstandschefin Elisabeth Bleyleben-Koren bestritt kürzlich anderenorts vehement das Bestehen einer Kreditkrise: "Wir tun alles, um Unternehmen Krediten zu geben", sagte sie, die Kreditlinien seien nicht verschärft worden. Dafür bestätigt sie - zumindest für ihre Bank - die These, dass die Kreditnachfrage zurückgegangen sei, seit Sommer sei eine "deutliche Abschwächung" zu bemerken gewesen.

Die Kreditvergabe muss sich für die Banken rechnen, volkswirtschaftliche Aufgabe hin oder her. Das wurde bei der Diskussion in Alpbach deutlich. "Unser Geschäftsmodell basiert auf der Kreditvergabe", sagte damals Bank Austria-Vorstand Helmut Bernkopf bei der Debatte zur Finanzierbarkeit von Unternehmen. Es müsse auch die Rückführung gewährleistet sein. In der Rezession gingen Investitionsfinanzierungen stark zurück, sein Haus habe hier aber mit schlimmeren Einbrüchen gerechnet. Kurzfristige Liquidität sei wieder da, langfristige auch, aber die sei teuer. In vielen Firmen liefen Restrukturierungsmaßnahmen an, und auch die kosteten die Firmen Geld, also Liquidität. Prehofer begrüßte es, dass aktuell der Markt für Unternehmensanleihen wieder angesprungen ist, wenngleich das vorerst nur für Große gelte. (rom, derStandard.at, 21.10.2009)

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    Das Geld von den Banken fließt zäh - das behaupten zumindest die Unternehmen. Die Geldhäuser hingegen sehen keine Kreditklemme.

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