Bosnisch-serbische Ex-Präsidentin vorzeitig entlassen

27. Oktober 2009, 16:27
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Biljana Plavsic (79) ist wieder Belgrad - Mit Video

Banja Luka/Belgrad/Stockholm - Die wegen Kriegsverbrechen vom UNO-Tribunal im Jahr 2003 verurteilte ehemalige Präsidentin der bosnischen Republika Srpska, Biljana Plavsic (79), ist ab dem heutigen Dienstag vorzeitig frei. Plavsic, die ihre elfjährige Haftstrafe in einem schwedischen Gefängnis abbüßte, ist am Dienstag gegen 14.00 Uhr in Belgrad eingetroffen, meldete der Sender B-92. Sie sei glücklich, nach neun Jahren erneut frei zu sein, erklärte die Politikerin bei ihrer Ankunft vor ihrer Belgrader Wohnung. Plavsic ist in Belgrad in Begleitung des bosnisch-serbischen Premiers Milorad Dodik eingetroffen, meldete der Sender weiter. Es sei am wichtigsten, dass Plavsic nun frei sei, sagte Dodik gegenüber Medien.

Plavsic war in der Früh an Bord eines Flugzeugs vom Stockholmer Flughafen Arlanda ausgeflogen worden und im Augenblick des An-Bord-Gehens auch aus schwedischem Gewahrsam entlassen worden, hieß es in der Aussendung des schwedischen Strafvollzugschefs Lars Nylen. Plavsics heutige Entlassung war vergangenen Donnerstag von der schwedischen Regierung beschlossen worden. Die 79-jährige verurteilte Kriegsverbrecherin hatte mit Stichtag Montag zwei Drittel ihrer elfjährigen Strafe abgesessen. Laut schwedischem Recht hat jeder Verurteilte nach dieser Zeit das Recht auf Freilassung, wenn keine Gründe zur Haftverlängerung vorliegen. Grünes Licht dazu hatte im September auch das UNO-Tribunal gegeben.

In Belgrad zeigte sich nicht jeder erfreut über die vorzeitige Haftentlassung Plavsics. Auch unter den führenden serbischen Parteien reicht die Stimmung gegenüber der Ex-Politikerin von Zurückhaltung bis offener Feindseligkeit. Für die ultranationalistische Serbische Radikale Partei (SRS) des Haager Angeklagten Vojislav Seselj ist Plavsic, die gut die Hälfte ihrer elfjährigen Haftstrafe in einem schwedischen Gefängnis abgesessen hatte, schlicht eine Verräterin. Sie habe einen "unermesslichen Schaden an der Republika Srpska und dem serbischen Volk" angerichtet, erklärte der SRS-Vizevorsitzende Dragan Todorovic am Dienstag.

Der ehemalige Infrastrukturminister Velimir Ilic bekräftigte jedoch gegenüber dem Rundfunksender B-92 seine Freundschaft mit Plavsic. Er werde sie mit Gewissheit besuchen und freue sich darauf, sie wiederzusehen, meinte der Chef der oppositionellen nationalistischen Partei "Neues Serbien".

In der regierenden Demokratischen Partei wurde die Freilassung von Plavsic nicht kommentiert. Sie wolle weder die Tribunalsbeschlüsse noch Urteile kommentieren, sagte Parteisprecherin Jelena Trivan. Das Tribunal habe sie (Plavsic) verurteilt und ihre Freilassung beschlossen.

"Ihretwegen und wegen anderer ihr ähnlicher gehöre ich heute zum Volk, das als schlimmstes in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg gilt", stand am Dienstag in einem Kommentar auf dem Internetportal von B-92. Als "Skandal" wurde die Freilassung von Plavsic auch in einem anderen Kommentar bezeichnet. "Ich lehne es ab, als Steuerzahler auch ihre Bewachung zu bezahlen", war darin zu lesen.

Nach der Ankunft in Belgrad werde Plavsic, die in der serbischen Hauptstadt eine Wohnung besitzt, unter ständigem Polizeischutz stehen, berichtete die Tageszeitung "Blic" am Dienstag. Die serbische Polizei wird die Ex-Politikerin demnach bis zur endgültigen Bewertung ihrer Sicherheit rund um die Uhr bewachen.

Plavsic hatte sich 2001 dem Tribunal gestellt. Sie hatte nach Auffassung des Gerichts während des Bosnien-Krieges (1992-95) an der Verfolgung von Bosniaken und Kroaten mitgewirkt. Tausende kamen dabei ums Leben, weitere Tausende wurden vertrieben. Plavsic wurde zur Haftstrafe verurteilt, nachdem sie zuvor ihre Verantwortung für Kriegsverbrechen zugegeben hatte.

Die Biologin und frühere Universitätsprofessorin in Sarajevo wurde 1992 Vize-Präsidentin der bosnischen Serbenrepublik. Nachdem Karadzic 1996 sein Präsidentenamt aufgab, wurde es von Plavsic übernommen. In der bosnischen Hauptstadt Sarajevo löste die Entscheidung über die vorzeitige Freilassung von Plavsic großen Unmut unter zahlreichen Hinterbliebenen von Kriegsopfern aus. (APA)

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