"Unterschiede unter den Taliban sehr groß"

21. Oktober 2009, 10:41
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Walter Posch zur aktuellen Lage im Iran, Pakistan und Afghanistan

Die Dreiländer-Region Iran-Pakistan-Afghanistan ist seit den Anschlägen auf die Revolutionsgarden um noch einen Konflikt reicher. Der Iran hat Pakistan vorgeworfen, hinter den Anschlägen zu stecken. In Pakistan hat die Armee ihre Offensive gegen die Taliban an der Grenze zu Afghanistan gestartet. derStandard.at hat Walter Posch von der österreichischen Landesverteidigungs-Akademie per E-Mail um seine Einschätzung der gegenwärtigen Lage in diesen Ländern gebeten.


derStandard.at: Der Iran hat dem Westen vorgeworfen, in den Anschlag gegen die Revolutionsgarden verwickelt zu sein, was umgehend dementiert wurde. Völlig ausgeschlossen, dass Teheran recht hat?

Walter Posch: Dabei handelt es sich eher um Standardvorwürfe gegen den Westen im Allgemeinen, die Situation in Sistan und Baluchestan ist seit Jahren sehr gespannt.

derStandard.at: Die Gruppe "Jundollah" rund um Abdolmalek Rigi soll einerseits mit den Taliban, andererseits mit dem pakistanischen Geheimdienst in Verbindung stehen. Was ist am wahrscheinlichsten und welches Ziel könnte der Anschlag gehabt haben?

Posch: Rigi und seine Gruppe haben Kontakte zu allen radikalen sunnitischen Gruppen der Region, sind aber eine eigenständige und auf eigene Faust handelnde Gruppe. Das Ziel des Anschlags war natürlich die Gespräche zwischen den Vertretern des Staates dh die Revolutionsgardisten und die lokalen Stammesführer zu stören.

derStandard.at: Teheran hat nun mit einem "Gegenschlag" gedroht. Nur leere Worthülsen oder ein tatsächliches Bedrohungsszenario - auch für den Westen?

Posch: Der Bedrohungsschlag richtet sich gegen Rigi und seine Leute.

derStandard.at: In Pakistan hat die Armee ihre Bodenoffensive in Süd-Waziristan gegen die Taliban gestartet. Ist die Armee stark genug, um diesen Kampf in der Rebellen-Hochburg zu gewinnen?

Posch: Nach pakistanischen Zeitungen ist die Armee recht erfolgreich.

derStandard.at: Welche Rolle spielen die USA bei dieser Offensive?

Posch: Kaum eine. Für die NATO in Afghanistan viel gefährlicher sind die verschiedenen Taliban Gruppen jenseits der Durand-Linie an der afghanisch-pakistanischen Grenze.

derStandard.at: Was sind die Gründe für das Wieder-Erstarken der Taliban in Afghanistan?

Posch: Vor allem die sozialen Versäumnisse der letzten Jahre.

derStandard.at: Kann man eigentlich einheitlich von „den Taliban“ sprechen, oder gilt es zwischen unterschiedlichen gemäßigteren und nicht gemäßigteren Gruppen zu unterscheiden? Macht es Sinn, mit den gemäßigteren zu verhandeln, wie von US-Seite angedacht?

Posch: Verhandlungen machen immer Sinn. Die Unterschiede unter den Taliban sind tatsächlich sehr groß, die "alten" Taliban die in Afghanistan regierten sind aber nicht mehr die einzige Gruppe.

derStandard.at: Die Taliban sollen u.a. durch Drogenhandel mehr Geld besitzen als Al-Quaida. Sind die Taliban mittlerweile die mächtigsten Terroristen?

Posch: Das sind eigentlich schwer zu überprüfende Aussagen, Gruppen die Geld haben müssen nicht unbedingt mächtig sein. Dass die verschiedenen Taliban-Gruppen ihre Drogen-Einkünfte mit niemanden inklusive den restlichen Al-Qaida Gruppen teilen, liegt auf der Hand. Außerdem sind die Taliban nicht die einizigen, die in Afghanistan mit Drogen handeln.

derStandard.at: Die Washingtonpost berichtet von einem verstärkten Zulauf aus dem Westen in Richtung Taliban. Auch Deutsche sollen sich in pakistanischen Camps der Taliban ausgebildet haben. Wie stark ist der Zulauf tatsächlich und was bedeutet das für die Terrorgefahr im Westen, speziell in Europa?

Posch: Dass Europäer sich radikalen Gruppen im Nahen Osten anschließen, ist nichts neues. In den 1970er Jahren handelte es sich vor allem um Linksextremisten. Heutzutage haben radikal-islamische Gruppen diese Rolle übernommen. Die Frage ist, wieviel Europäer in diesen Lagern sind. Im Allgemeinen werden diese Aktivisten genau beobachtet.

derStandard.at: Großbritannien will wieder mehr Truppen nach Afghanistan entsenden, die USA überlegen noch. Mit wie vielen Soldaten wäre dieser Krieg endlich zu gewinnen?

Posch: Das ist weniger eine Frage der Zahl als eine des Plans und des strategischen Ziels.

derStandard.at: Der Irak-Krieg war Bushs Krieg und hat wesentlich dazu beigetragen, dass er abgewählt wurde. Wird Afghanistan – wie der Economist bereits schreibt – Obamas Krieg sein?

Posch: Das ist er schon, aber ob Afghanistan ausreicht, die Sympathiewerte für Obama zu verringern, darf bezweifelt werden. Der innenpolitische Druck dürfte eher von der Gesundheitsreform kommen. (red, derStandard.at, 21.10.2009)

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