Salzburg

Armut in der Festspielstadt

21. Oktober 2009 06:57

In Salzburg sind Wohnkosten die größte Armutsfalle - Alleine in der Stadt Salzburg gibt es 800 Wohnungslose - Die Politik ist uneinig, was zu tun ist

Salzburg - Bei 7,60 Euro pro Quadratmeter - und damit um satte 25 Prozent höher als im Bundesdurchschnitt - liegt in Salzburg laut Statistik Austria der durchschnittliche Wohnungsaufwand pro Monat. Damit liegt das Bundesland an der Spitze bei den Wohnkosten in Österreich. Grund genug für die regionale Armutskonferenz am Dienstag, sich der "sozialen Frage Wohnen" zu widmen.

"Sozial, aber nicht armutsfest"

Die Wohnbauförderung, das wichtigste Instrument der Landespolitik in diesem Bereich, "ist sozial, aber nicht armutsfest", sagt Gerhard Feichtner von der Caritas: "Was aus unserer Sicht fehlt, sind explizit armutspolitische Zielsetzungen." Hauptkritikpunkt für ihn und die Armutskonferenz: "Es fließt ein zu hoher Anteil der Wohnbauförderungsmittel in die Schaffung von Eigentum."

Ideologischer Streitpunkt Wohnbau

Genau diese Frage - wie viel Wohnbauförderung für Eigentums- und wie viel für Mietwohnungen - ist in Salzburg ein heftiger ideologischer Streitpunkt zwischen den beiden Koalitionspartnern SPÖ und ÖVP. Während für Wohnbau-Landesrat Walter Blachfellner (SPÖ) die Armutskonferenz mit ihrer Forderung nach mehr Mietwohnungen "offene Türen einrennt", beharrt ÖVP-Wohnbausprecher Florian Kreibich im Gespräch mit derStandard.at auf einem "ausgewogenen Verhältnis". Freilich: Wie so ein Verhältnis idealerweise aussehen solle, kann er nicht sagen.

Blachfellner argumentiert auch mit den Kosten: "Mit dem Geld, das Sie brauchen, um zwei Eigentumswohnungen zu fördern, können Sie drei Mietwohnungen errichten." In der Stadt Salzburg etwa lägen die Durchschnittskosten für das Land bei 190.000 Euro pro Eigentums- und 120.000 Euro pro Mietwohnung.

Zweifel an SPÖ-Zahlen

Kreibich zweifelt Blachfellners Zahlen an: Es handle sich um keine "Vollkostenrechnung", man müsse auch die Folgekosten bei Mietwohnungen in Form von gestützten Mietpreisen berücksichtigen. Für Blachfellner dagegen ist klar, "dass die ÖVP das halt aus ideologischen Gründen nicht hören will".

Freiheitliche für "Mietkauf"

Auch für den Wohnbau- und Sozialsprecher der FPÖ im Landtag, Friedrich Wiedermann, ist die Forderung der Armutskonferenz nach mehr Mietwohnungen "ein sehr zweischneidiges Schwert": "Sicher, es gibt ein gewisses Klientel, die sich nie und nimmer eine Eigentumswohnung leisten können werden. Dennoch stehe ich dazu, dass man neben günstigen Mietwohnungen auch Eigentumswohnungen fördern soll." Wiedermann fordert mehr Augenmerk auf "Mietkauf"-Modelle, "auch als kleine Erziehungsmaßnahme für die Jugend, um zu zeigen, dass sich Sparen lohnt".

"Schuldenfalle" Eigentum

Inge Honisch von der Salzburger Schuldnerberatung betont, dass Eigentum auch zur "Schuldenfalle" werden könne: Dann nämlich, wenn die Wohnung über Kredite finanziert sei und sich plötzlich an der Lebens- und Arbeitssituation der Wohnungskäufer etwas ändere.
Auch für Blachfellner sind eine "Scheidungsrate von 50 Prozent" und steigende Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt Argumente dafür, nur zu mieten und nicht zu kaufen. Grünen-Landeschef Cyriak Schwaighofer stößt ins selbe Horn: Für ihn wäre eine verstärkte Förderung von Mietwohnungen nur eine "Anpassung an den Bedarf".

Unterstützung hinkt Mieten hinterher

Die Armutskonferenz kritisiert auch zu geringe Unterstützungszahlungen bei den Wohnkosten: Der "höchstzulässige Wohnungsaufwand" (HWA) im Rahmen der Sozialhilfe etwa, der derzeit bei 9,50 Euro pro Quadratmeter und Monat (bezogen auf eine Einzelperson in der Stadt Salzburg) liegt, hinke schon seit 2002 den realen Mietpreisen auf dem privaten Markt hinterher (laut Arbeiterkammer im Jahr 2008 durchschnittlich 11,61 Euro).

Schwaighofer schließt sich der Forderung nach einer Erhöhung auf Marktniveau an: Die Unterstützung sei "völlig abgekoppelt von den tatsächlichen Wohnkosten". Auch für Kreibich sei eine Erhöhung denkbar, sagt er. Wiedermann gibt die anfallenden Kosten zu bedenken ("fordern kann man natürlich alles"), Blachfellner würde eine "gesamthafte Betrachtung" der Sozialhilfe vorziehen.

800 Wohnungslose in Stadt Salzburg

Auch die Gemeinden könnten mehr tun, schlägt Honisch vor: Denkbar seien etwa sozial gestaffelte Wasser- und Kanalgebühren. Vor allem aber müsste mehr für Wohnungslose getan werden. Allein in der Stadt Salzburg zähle man 800 Wohnungslose, sagt Robert Buggler von der Armutskonferenz - dazu gehörten nicht nur Obdachlose, sondern auch Menschen, die vorübergehend bei Bekannten unterkommen, denen Delogierungen drohen oder die "als fünfköpfige Familie in einer verschimmelten 50-Quadratmeter-Wohnung sitzen". Über Wohnungslosigkeit in den Landbezirken wisse man praktisch überhaupt nichts.

Hohe Kosten, niedrige Löhne

Insgesamt geht die Armutskonferenz von etwa 63.500 armutsgefährdeten Personen und 26.500 Menschen in manifester Armut im Bundesland aus. Salzburg sei in einer besonderen "Doppelmühle", sagt Buggler: Einerseits sind lägen die Lebenshaltungskosten um sieben Prozent über dem Bundesdurchschnitt, andererseits sei das Lohnniveau niedriger als anderswo. Grund dafür: Industrie gibt es in Salzburg kaum, dafür viele schlecht bezahlte Dienstleistungsjobs in Tourismus und Handel.

Mehr Kundschaft im Sozialmarkt

Der Obmann des Sozialmarkts "SOMA", Georg Steinitz, hat gegenüber dem Vorjahr um etwa zehn Prozent mehr Kunden bemerkt, sagt er zu derStandard.at: "Wir haben einen großen Topf Gastarbeiter der ersten Generation, allein erziehende Mütter, Geschiedene, jetzt auch besonders viele Arbeitslose. Die hohen Wohnkosten drücken natürlich aufs Einkaufsbudget."
Für Armutsgefährdete gebe es in der Mozartstadt auch oft wenig Verständnis, findet Steinitz: "Salzburg ist halt doch ein Schicki-Micki-Pflaster. Gerade zur Festspielzeit würde man bestimmte Bevölkerungsgruppen am liebsten aus dem Stadtbild deportieren, kommt mir vor." (Markus Peherstorfer, derStandard.at, 21.10.2009)

Kommentar posten
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badblackguy.blogspot.com
 
21.10.2009 19:48
"Schuldenfalle" Eigentum??? Ach wie schön, die lieben Linken wollen also der bösen Bourgeoisie weiter Geld in den Rachen werfen und von ihr abhängig sein!

Sorry, aber jede Wohnung kann zur Schuldenfalle
werden. Wer die Miete nicht zahlen kann wird irgendwann
delogiert und die Schulden bleiben einem.
Die Eigentumswohnung kann ich in einer Notlage ja
noch verkaufen und mit einem Gewinn aussteigen.

Wegen der Scheidungsrate soll ich mir keine Wohnung
kaufen, ist der Mensch von allen guten Geistern
verlassen? Sorry, da spricht der Neid der Besitzlosen!

Ich würde gerne wissen, wer von den Sozis eine
Eigentumswohnung hat, sie dann enteignen und sie
in einen Gemeindebau im 10. Bez. auf 60 qm einquartieren.

Ex-ÖGB Boss Fritz Verzetnitsch von der SPÖ, nannte
der nicht eine Penthouse-Wohnung im 1. Bezirk sein
Eigentum?

MFG

Nieselregen
21.10.2009 18:56
????

Im April 2008 wurde von der KPÖ ein Bürgerbegehren initiiert "Kommunaler Wohnbau jetzt!". In keinem Sprengel wurden mehr als 30 Stimmen abgegeben. Wahlbeteiligung: 377 Personen (0,34%).

I. O.
21.10.2009 18:48
Salzburg...

nicht die Rote Gabi regiert dort?

René Herndl
21.10.2009 16:39
Eine der Hauptursachen für ....

... zu viel zu hohen Wohnungspreise in Salzburg liegt in einer vollkommen falschen Raumordnungs- und Baupolitik, aber auch in einem falschen Verständnis für gesellschaft und Finanzen:Beispiel?!
Der Kasernen grund, also öffentlicher Besitz, wurde nicht dafür verwendet, billige Wohnungen ohne zusätzliche Grundkosten zu errichten, sondermn a einen ausländischen Investor verkauft. Oder: Bauland im Besitz so genannter sozialer Organisationen werden nicht zur Verfügung gestellt sondern möglichst teuer verkauft oder einfach nicht für soziale Zwecke verwendet. Es wäre leicht, die Misere zu beheben, aber die Politik will dies gar nicht, so hat man den Eindruck.

lehmannsbruder
21.10.2009 15:49

Das Problem stellt sich der Stadt schon mehr als 20 Jahre. Geändert hat sich seitdem gar nix, weder unter den Schwarzen noch unter den Roten. Die letzten größeren Mietwohnraumschaffungsprojekte sind inzwischen ein viertel Jahrhundert alt. Viele Salzburger wohnen inzwischen im angrenzenden deutschen Freilassing wo die Mieten dementsprechend auch gestiegen sind.
Entsprechenden zentral gelegenen Baugrund für neue Mietwohnungen im Süden der Stadt gäbe es zur Genüge.
Und dann schauen Sie sich bitte einmal an wer in den Wohnbauförderungsprojekten wohnt. Beispiel Eichethofsiedlung: Chefredakteure, Schuldirektoren, ehemalige Gemeinderäte, leitende Beamte der Landestregierung...

Wasmichstört
21.10.2009 14:35
Frei nach Maria Antoinette:

"Warum kaufen sich die Leute keine Festspielkarte?"

The Sunshine State
21.10.2009 14:34

Lösung: in eine billigere Gegend ziehen

Karl Krammer
21.10.2009 14:24
auch wenn eine Eigentumswohnung oft ökonomisch unsinnig ist

die Wohnqualität macht die Mehrkosten wett.

Alo
21.10.2009 13:48
Grüne fordern eine soziale Mietrechtsreform

Steinhauser: http://albertsteinhauser.at/2009/10/2... wohnrecht/

a b4
21.10.2009 12:35
Typisch Burgstaller/Schaden.

In Innsbruck ist das Wohnen noch teuerer - dort gibts diese Probleme so nicht.

Tintifax2000
21.10.2009 11:57
mir scheint, dass in wien ...

... die hohe anzahl an gemeindebauten doch das mietniveau ein wenig drückt - vielleicht wäre das auch ein ansatz in salzburg ... gibts sowas dort eigentlich?

peter schlesinger
21.10.2009 14:31
nicht die Gemeindebauten drücken die Mieten

sondern die vielen privaten Altbauten mit Mieterschutz-Mieten von € 3,08/m2.

The Sunshine State
21.10.2009 14:49

Sie beide haben Recht.

macindd
21.10.2009 11:49
Warum eigentlich Salzburg?

Außer der unbestrittenen Landschaftsschönheit fällt mir für einen normal Verdienenden kaum ein Grund ein, sich in Salzburg niederlassen zu wollen. Die Mentalität der Bevölkerung ist jedenfalls einer, es nicht zu tun.

Fisch^^Fisch
21.10.2009 18:42

Es soll auch Menschen geben die die Wiener "Heast oida des is so ur" - Art nicht packen.

Abgesehen davon hat (Nord-) Salzburg einen sehr hohen Lebensstandard, niedrige Arbeitslosigkeit und verdammt viele Konzernniederlassungen (schauen Sie sich einmal Autotests an, die Autos haben fast immer Salzburger Nummerntaferl) mit Jobs die halt einige Leute anziehen.

sanginius
21.10.2009 11:13
OT: Innsbruck ist noch teurer als Salzburg

und Kitzbühel ist die teuerste Stadt Österreichs.

alles neu macht der mai
21.10.2009 11:53

In der Printausgabe der gestrigen SN war Salzburg als teuerste Stadt ausgewiesen, was Mietpreise anbelangt. Innsbruck war an dritter Stelle.

Fisch^^Fisch
21.10.2009 18:38

Ich bin sowohl in Sbg als auch in Ibk viel unterwegs und meinem Eindruck nach sind die Preise in Salzburg um einiges moderater. Vor allem der Markt für Studentenwohnungen spottet in Ibk jeder Beschreibung.

Colette
21.10.2009 10:33
Sicher, es gibt ein gewisses Klientel, die sich nie und nimmer eine Eigentumswohnung leisten können werden.

Wieder mal typisch, diese herablassende Formulierung "ein gewisses Klientel". Ich kenne genug AkademikerInnen, nein nicht solche die Taxi fahren, sondern in Akademikerjobs, aber ohne wohlhabende Eltern, die sich "nie und nimmer eine Eigentumswohnung leisten können"... die Kreditraten sind höher als die Mieten, obwohl die Mieten auch schon extrem hoch sind.

Peter Maurer8
21.10.2009 12:31
wer sagt denn, dass man Auto, zwei oder mehr Urlaube, 2.Wagen

bestimmte Outfits usw haben muss? (es gibt nun mal ärmere und reichere) so what ?!?

Die Raten für eine Eigentumswohnung sind auf jeden Fall zahlbar...gerade jetzt fix auf mind. 10 Jahre gebunden, damit man auch noch von der kommenden Inflation profitiert.



nocomment1
21.10.2009 13:32
dass die raten zahlbar wären ist nicht die frage,

aber wenn man für eine familientaugliche wohnung 40.000 oder mehr an eigenmitteln zusammen haben muss geht sich das trotz verzicht auf auto und/oder urlaub nur schwer aus.

flotter denker
21.10.2009 18:38
naja, wenn man ein paar Jahre spart ...

sollte das bei einem normalen Durchschnittseinkommen locker drin sein.

nocomment1
21.10.2009 18:55
ich bin schon am überlegen, aber mal grob gerechnet:

bin jetzt knapp über 30, mit meinem momentanen einkommen und dem was ich gespart hab spare ich noch mindestens 10 jahre. also bin ich dann anfang/mitte 40 bis ich eine anzahlung nach derzeitigen marktpreisen habe. die tatsächlichen wohnungspreise sind dann natürlich schon wieder gestiegen.
gut, vielleicht ist bis dahin eine partnerin da, die dazuzahlt usw... andererseits hab ich vielleicht mehr vom leben, wenn ich jetzt nicht zuviel sparen muss (und das müsste ich um monatlich 300 auf die seite zu legen)...
hat alles sein für und wieder aber "locker drin" würd ichs nicht nennen.

sociovation
21.10.2009 10:11
Wohnraumbewirtschaftung

statt Reichenförderung über Mietzuschüsse.
Wer nicht vermietet, zahlt Steuer auf leerstehende Wohnungen, Mieten werden gedeckelt.
Das erfordert aber vor allem eines: Mut
Auch das Recht auf Eigentum ist mit Pflichten verbunden.

peter schlesinger
21.10.2009 14:41
Häuser u. Wohnungen

haben zur Erhaltung alle irgendwie mit Bauhandwerksarbeiten zu tun. Warum sollten immer nur Vermieter auf eine ortsübliche Miete verzichten, könnten nicht einmal Eletriker u. Installteure zB mit einem Stundenlohn von € 15,- das Auslangen finden?

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