Der Spion, der aus Chevy Chase kam

20. Oktober 2009, 22:22
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Steve Nozette, Wissenschafter und Möchtegernspion

Ein rundliches Gesicht, dicke Hamsterbacken, eine zerzauste Frisur: Stewart Nozette geht rein optisch allemal als jovialer Wissenschafter durch. Seit Montag soll der unauffällige Typ aus dem von den Hauptstädtern gern milde belächelten Washingtoner Vorort Chevy Chase ein Spion sein, behauptet das FBI. Der 52-Jährige habe einem Agent provocateur der US-Bundespolizei, der sich als Mossad-Agent ausgab, Top-Secret-Informationen über das US-Raumfahrtprogramm und diverse Verteidigungspläne der Vereinigten Staaten ausgehändigt.

Nozette hat eine Karriere hinter sich, die lange musterhaft verlief: Geboren im Jahr, als der Sputnik in die Umlaufbahn geschossen wurde, als Kind geprägt von den Apollo-Missionen der Amerikaner, als Student ein Doktorat am prestigeträchtigen MIT. Dann zur Raumfahrtorganisation Nasa, zum Energieministerium in Washington und für zwei Jahre - 1989 und 1990 - sogar in den Nationalen Raumfahrtbeirat des Weißen Hauses.

Während dieser Zeit wurde der nachmalige Spionageverdächtige scharfen Sicherheitschecks unterzogen. Nozette arbeitete an diversen Hochtechnologien, unter anderem an einem Experiment, mit dem Wasser auf dem Mond festgestellt werden sollte.

Um die Jahrtausendwende dann schied Nozette aus dem amerikanischen Staatsdienst aus, machte sich mit einem Consultingunternehmen selbstständig. Als Berater arbeitete er weiter für die US-Regierung und für ein Unternehmen, das im Einflussbereich der israelischen Regierung stehen soll.

Irgendwann in dieser Zeit, muss im Leben des Wissenschafters etwas aus den Fugen geraten sein. Nozette, der als ein großzügiger Spender der republikanischen Partei gilt, wurde erwischt, als er gefälschte Spesenbelege abrechnete. Er verlor alle seine Aufträge von der US-Regierung.

Einem Kollegen sagte der Wissenschafter, er werde nach Israel oder anderswohin fliehen, sollten ihn die US-Behörden je strafrechtlich verfolgen, und "denen alles sagen, was ich weiß".

Anfang dieses Jahres verließ der Möchtegernspion die USA mit zwei Computerfestplatten, die er bei seiner Wiedereinreise nicht mehr im Gepäck hatte. Und am Montag klickten dann im noblen Mayflower Hotel in Washington die Handschellen.

Die israelischen Agenten, von denen er Geld bekam und einen Pass verlangt hatte, entpuppten sich als FBI-Männer. Nozette muss nun wohl ihnen alles sagen, was er weiß. Ihm droht lebenslange Haft. (Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2009)

 

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