Ans Klima anpassen, aber wie?

20. Oktober 2009, 21:04
posten

Der Klimawandel im Alpenraum wird Natur, Gesellschaft und Wirtschaft verändern - Ein geplantes Tiroler K2-Zentrum will nachhaltige Anpassungsstrategien und -technologien erarbeiten

Es wird wärmer in den Alpen. Weniger Schnee und mehr Regen werden die Folgen dieses Klimawandels sein. Die Auswirkungen: Dramatische "Regenereignisse" lassen Hänge rutschen und Flüsse überlaufen. Gletscher schwinden, Permafrostböden, die loses Gestein zusammenhalten, tauen auf. Felsstürze, Bergstürze, Muren werden häufiger. "Schneesicher" werden nur noch Gebiete über 1500 Meter sein. Einige dieser Folgen sind bereits spürbar, andere sind Bedrohungsszenarien.

"Klimawandel findet statt, letzten Endes sind menschliche Gesellschaften gezwungen, sich anzupassen", stellt die Innsbrucker Geoökologin Annegret Thieken fest. Anpassung, aber wie? "Wir brauchen Experten und Wissenschafter, die uns Politikern zeigen können, welche Maßnahmen gut und nachhaltig sind, und welche nicht", forderte der Vizebürgermeister der französischen Gletschergemeinde Chamonix, Jöel Didillon, kürzlich bei einer internationalen Tagung der Alpenschutzkommission Cipra zur Gletscherproblematik.

Anpassungsstrategien, Anpassungstechnologien müssen "hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeit, der Zukunftsfähigkeit auf längere Sicht, bewertet und gegebenenfalls optimiert werden", sagt Annegret Thieken. Weil man dem Klimawandel nicht durch Anpassung allein begegnen könne, sei "ein Zusammenspiel aus Vermeidungs- und Anpassungstechnologien" nötig. Thieken: "Wir konzentrieren uns auf Anpassung, haben im Hinterkopf aber immer die Vermeidung von Emissionen." Basis von Forschungsprojekten sollen kleinräumige Klimamodelle und sozioökonomische Szenarien sein.

Genau diese Technologien und Strategien möchte das K2-Zentrum "alpS - Centre for Climate Change Adaptation Technologies" erforschen und erarbeiten. Das neue Zentrum ist für Geschäftsführer Eric Veulliet "eine logische Fortsetzung" des alpS-Zentrums für Naturgefahren- und Risikomanagement: "Wenn man sich überlegt, wie man das Risiko Klimawandel minimieren kann, ist man gleich bei Anpassungstechnologien und Strategien. Je größer der Einfluss des Klimawandels auf die Gesellschaft und Umwelt wird, umso stärker werden die Anpassungsmaßnahmen sein müssen und umso mehr werden Technologien gebraucht, damit sich Regionen und Branchen nachhaltig anpassen können."

Das neue Zentrum wird auch auf dem transdisziplinären Forschungsschwerpunkt "Alpiner Raum: Mensch und Umwelt" der Universität Innsbruck aufbauen und ihn, so Vizerektor Tilmann Märk, "substanziell durch anwendungsbezogene Forschung erweitern". Trotz aller Praxisnähe soll die Grundlagenforschung, in die acht Prozent jedes Projektbudgets fließen werden, nicht zu kurz kommen. "Über das Technologiezentrum haben wir Partner aus der Wirtschaft mit ganz konkreten Interessen an unseren Forschungsprojekten", nennt Märk einen Vorteil. Durch die intensive Kooperation ergäben sich Ausbildungs- und Arbeitsplätze.

Sonne und Erde

Das Thema Energie mit den Forschungsschwerpunkten Solarenergie, Wasserkraft, Geothermie steht im Zentrum. Der Tiroler Energieversorger Tiwag, einer der Wirtschaftspartner, hat bisher fünf konkrete Projekte in den Forschungsbereichen Land, Wasser und Energie eingebracht.

Helmut Schönlaub, Leiter des Fachbereiches Wasserwirtschaft: "Durch den Klimawandel verändern sich die hydrologischen, geologischen und geotechnischen Randbedingungen im Umfeld unserer Kraftwerksanlagen. Um eine konstante Sicherheit zu garantieren, müssen sie nach dem letzten Stand der Wissenschaft untersucht und adaptiert werden." Beim angestrebten umweltverträglichen Ausbau der Wasserkraft brauche man zum Nachweis der Verträglichkeit neue Untersuchungsverfahren. Intensiv erforscht werden soll auch der Einsatz oberflächennaher Geothermie zur Abdeckung des regionalen Heiz- und Kühlbedarfs.

Fotovoltaik-Pionier Franz Hilber, ein weiterer Unternehmenspartner, erwartet sich konkrete Ertragsprognosen für Solarenergie im alpinen Raum. Hilber: "Noch fehlen uns konkrete Messwerte." Andere geplante Projekte von Hilber, der selbst die Energieautarkie auf einem Forschungsbauernhof erprobt, beschäftigen sich mit der Kombination von Fotovoltaik und anderen erneuerbaren Energien.

Noch existiert das K2-Zentrum erst auf dem Papier, als Antrag für das Kompetenzzentrenprogramm Comet. 77 Unternehmens- und 40 Wissenschaftspartner aus zehn Ländern sind bereit, Geld und Wissen in das 100-Millionen-Euro-Projekt einzubringen. Bekommt die laut Konsortialsprecher Tilmann Märk "größte Technologie- und Forschungsoffensive Tirols" nächste Woche den Zuschlag, hat Westösterreich sein erstes K2- Zentrum. (Jutta Berger/DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2009)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Klimawandel in den Alpen - von oben betrachtet. Das geplante K2-Zentrum alpS will auf den Schwerpunkt "Mensch und Umwelt" der Uni Innsbruck aufbauen.

Share if you care.