Warum Diabetikerinnen früher sterben

20. Oktober 2009, 20:45
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Eine Studie an der Med-Uni Wien über geschlechtsspezifische Medikation in der Diabetes-II-Therapie

Ein Herz ist ein Herz. Wenn es in einer Frau schlägt, schlägt es aber anders als beim Mann. Genauso ist es bei allen Organen. Daher werden Frauen auch anders krank als Männer. So banal das klingt, so - relativ - neu ist die Erkenntnis. Wie zahlreich die Fragen sind, die sich aus dieser ergeben, wie weitreichend die Konsequenzen, wenn sie einmal beantwortet sein werden, wird sich in den nächsten Jahren der medizinischen Forschung herausstellen.

Jeanette Strametz-Juranek tut einen Schritt in diese Richtung. Die Kardiologin von der Medizinischen Universität Wien leitet die soeben mit Unterstützung des Infrastrukturministeriums initiierte Studie "Gender und Diabetes", die in Kooperation mit der Abteilung für Endokrinologie durchgeführt wird. "PatientInnen mit Typ II-Diabetes haben ein Hochrisikoprofil hinsichtlich kardiovaskulärer Ereignisse vulgo Herzinfarkt. Es hat sich herausgestellt, dass das Risiko bei den Frauen in dieser Gruppe achtmal höher ist als das von Männern", beschreibt Strametz-Juranek die Ausgangslage und Notwendigkeit.

Seit 1. Oktober 2009 bis 30. September 2010 werden 40 Männer und 40 Frauen in Parallelgruppen untersucht, die einen HbA1c-Wert (Verlaufsparameter des Blutzuckergehalts über einen Zeitraum von sechs Wochen) von unter sieben (bei einem Wert um die sieben wird ein Patient als "gut eingestellt" beurteilt) aufweisen. Die adäquate medikamentöse Einstellung ist das eine. Moderne Antidiabetika (Gliptine) können noch was. Nämlich den Abbau jener Hormone (GLP-I und GIP) verhindern, die die natürliche Insulinausschüttung nach Nahrungszufuhr fördern.

Als angenehmer Nebeneffekt wird die körpereigene Produktion von gefäßerweiternden und entzündungshemmenden Substanzen begünstigt, insbesondere der Substanz Endostatin. In der Folge sinkt das Artherosklerose-Risiko. Dass Frauen dieses signifikant erhöhte Herzinfarktrisiko überhaupt haben, hängt mit einem im Vergleich zu den Männern höheren Ungleichgewicht von gefäßverengenden und gefäßerweiternden Substanzen zusammen.

Individualtherapie

Am Ende der Studie soll nicht vorrangig ein neues Diabetes-Medikament für Frauen stehen, sondern "die maßgeschneiderte Individualtherapie", so Strametz-Juranek. Schwangerschaftsdiabetes spielt bei der Studie keine Rolle ("nur Patientinnen, die die Menopause bereits hinter sich haben"), ebenso das vielfach diskutierte Krebsrisiko spezieller Antidiabetika. "Wir haben einen klaren Fokus. Gliptine sind eine Standard-Therapie, deren Wirkung hier nur im Hinblick auf die Differenzierung nach Geschlecht untersucht wird." Die Studie ist eine der ersten im Bereich der Gendermedizin, die ihren Ursprung in der Kardiologie hat und für wesentliche Teile der internen Medizin an Bedeutung gewinnt. Jeanette Strametz-Juranek ist daran, sie weiterzuentwickeln. Ab März 2010 wird es einen von ihr konzipierten Hochschullehrgang an der Medizinischen Universität Wien zum Thema "Gender Medicine" geben. (Bettina Stimeder/DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2009)

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