"Elektromobilität ist momentan der heißeste Kochtopf"

20. Oktober 2009, 20:04
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Der kaufmännische Geschäftsführer des Austrian Institute of Technology (AIT), Anton Plimon, erläuterte Markus Böhm mögliche Szenarien zukünftiger Mobilität

STANDARD: Die Plattform Austrian Mobile Power, an der neben Industrie und Energieversorgern auch das AIT beteiligt ist, will den Verkehr bis 2050, Stichwort Elektromobilität, emissionsfrei machen. Ist dieses Vorhaben realistisch bzw. überhaupt realisierbar?

Plimon: Ich sehe im öffentlichen Diskurs zu diesem Thema einen Punkt, der stärker berücksichtigt werden sollte. Wenn wir von Mobilität sprechen, betrachten wir zwei unterschiedliche Mechanismen: einmal die Welt des Warentransports, die überwiegend von Kosten regiert wird. Und dann der Personentransport, sprich individuelle Mobilität, die wiederum einer vollkommen anderen Logik folgt. Diese wird in erster Linie von der Raumordnung diktiert.

STANDARD: Was heißt das?

Plimon: Wenn man eine gegebene Raumordnung, basierend auf der Lebensweise in einer Industriegesellschaft, hat, kann man sich das Mobilitätsverhalten ableiten. Diese individuelle Mobilität steht im Mittelpunkt der Debatte.

STANDARD: Wir sprechen von urbanen Gebieten?

Plimon: Ja, genau dort und noch in den sogenannten Speckgürteln um die Städte spielt es sich ab. Vor diesem Hintergrund ist auch die Plattform zu sehen.

STANDARD: Was sind die Ingredienzien der Elektromobilität?

Plimon: Das sind zum einen organisatorische und zum anderen technologische Fragen, wobei man nicht in Versuchung geraten sollte, nur rein organisatorische oder rein technologische Fragen anzusprechen ...

STANDARD: ... bei Letzteren scheint Asien die Nase vorn zu haben ...

Plimon: Asien und Elektromobilität: Das ist momentan ohne Zweifel der am heißesten kochende Topf. Die Asiaten sind weit vorn, beispielsweise bei der Batterietechnologie oder in der Entwicklung von Geschäftsfeldern, während Europa noch weiter davon entfernt ist, brauchbare Dinge zu implementieren. Aber auch in der Umsetzung auf dem Markt liegt Asien voran, sie haben bereits rein elektrisch betriebene Autos.

STANDARD: Wo liegen die europäischen Stärken?

Plimon: Power-Electronics, da ist beispielsweise Infineon sehr stark. Im System-Design haben wir stark aufgeholt, denn System-Engineering ist wiederum eine klassische europäische Stärke. Energieseitige Energiestrukturkonzepte sind zwar gerade in Entwicklung, jedoch ist auf diesem Gebiet noch viel zu tun. Hinzu kommt das Thema Kopplung von Mobilität und Energie mit Kommunikationstechnologien. Jedes Geschäftsmodell, das heute angedacht wird, hat eine aufwändige Kommunikationstechnologielösung - als "enabling technology" - im Hintergrund, um das Netz zu steuern.

STANDARD: Wie wird die Infrastruktur aussehen?

Plimon: Die Lösung heißt Smart Grids, intelligente Netzwerke, welche die "neue Unübersichtlichkeit", die auch mit der Einspeisung von Strom aus erneuerbaren, dezentralen und fluktuierenden Energiequellen zusammenhängt, ausgleichen und ordnen müssen, das heißt die Belastung der Energienetze ausgleichen, um die sichere Versorgung zu gewährleisten. Wir haben es demnach mit ganz anderen Netzen zu tun, als früher. E-Mobilität befeuert diese Entwicklung zusätzlich. Dazu ist es auch notwendig, Smart Grids theoretisch zu verstehen, etwa mittels Simulationstools - einer Kernkompetenz des AIT.

STANDARD: In manchen Konzepten ist davon die Rede, dass das Elektroauto als Puffer dienen soll, um Spitzen im Energienetz abzufangen. Wie weit sind diese Pläne bereits gediehen?

Plimon: Man muss sich Folgendes vor Augen führen: Meist in der Nacht hat man eine ganze Menge Energie zur Verfügung, für die man keinen Verbraucher hat, und zu anderen Zeiten hat man wiederum zu wenig Energie vorrätig. Da- von, diese Schwankungsproblematik mit E-Mobilität zu lösen, sind wir meilenweit entfernt. Denn dafür braucht man eine riesige Kapazität, die man ins Netz einbinden müsste, denn hier geht es um sehr viel Energie und eine dementsprechend große Flotte von E-Mobilen.

STANDARD: Und wie sieht es im Zusammenhang mit der Netzausfallsicherheit aus?

Plimon: Um das Netz zu stabilisieren, braucht man viel weniger gespeicherte Energie als vergleichsweise bei der vorher angesprochenen Pufferung. Diese Stabilisierung über eine kurze Zeitspanne könnte mit einer relativ überschaubaren Flotte bewerkstelligt werden. Die Pufferung könnten eher die großen Verbraucher wie Bürogebäude übernehmen - sofern sie intelligent gesteuert sind. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2009)

Zur Person
Anton Plimon (51) studierte Technische Physik an der Technischen Universität Graz. Er nahm am 20. Oktober am Forum "Zukunft heißt Innovation" des Verkehrsministeriums im Museumsquartier teil, Thema war unter anderem "Die neue Mobilität".

  • Parkplätze, die auch als Ladestationen für Elektroautos dienen, wie hier in Reykjavík, soll es vermehrt auch in Österreich geben.
    foto: muna agha

    Parkplätze, die auch als Ladestationen für Elektroautos dienen, wie hier in Reykjavík, soll es vermehrt auch in Österreich geben.

  • Anton Plimon: "Individuelle Mobilität wird in erster Linie von der Raumordnung diktiert."

    Anton Plimon: "Individuelle Mobilität wird in erster Linie von der Raumordnung diktiert."

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