Aufatmen in der Lobau

20. Oktober 2009, 19:54
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In den Donau-Altarmen gibt es ökologische Altlasten und: zu viel Phosphor - Forscher haben nun untersucht, ob sich eine Reinigung des Ökosystems mit Donau-Frischwasser bewährt

Die Mühlwasser in Wiens 22. Bezirk sind so etwas wie eine Vorstadtidylle: Im Gegensatz zum Donaustrom zeigen sie sich oftmals tatsächlich blau. Ihr Wasser wimmelt von Leben, darüber schwirren Libellen. Im Sommer baden hier meist nackte Menschen, Angler machen gute Fänge. Und diese Gewässer sollen ökologische Pflegefälle sein?

"Die Wasserqualität ist in der Lobau grundsätzlich hervorragend", erklärt Studienleiter Thomas Hein von der Wiener Universität für Bodenkultur (Boku) im Gespräch mit dem Standard. Aber die "historischen Verschmutzungen" sind noch da. Sie lagern im Sediment am Boden und können unter bestimmten Umständen wieder freigesetzt werden.

Die Ursachen des Problems liegen in der menschengemachten Veränderung der Landschaft. Ab Ende des 19. Jahrhunderts entstanden in der vom Donaustrom abgetrennten Au neue Wohnviertel und Äcker. Weil die damals entstandenen Siedlungen nur schlechte Anbindung an das Kanalisationsnetz hatten, landete viel Abwasser in den Altarmen. Dazu gesellten sich Düngemittelrückstände aus der Landwirtschaft. So kam eine regelrechte Nährstoffschwemme zustande.

Erst ab den Siebzigern sorgten Umweltschutzmaßnahmen für Verbesserung. Die Einträge gingen immer weiter zurück, doch der Puffer im Sediment war praktisch voll. Und das ist er bis heute, sagt Thomas Hein. Das Sorgenkind des Boku-Experten heißt Phosphor - kurz P. Alle Pflanzen brauchen dieses Element für ihr Wachstum. Je mehr davon zur Verfügung steht, desto üppiger gedeiht das Grün. In mitteleuropäischen Gewässern ist die P-Konzentration sogar der "limitierende Faktor" für Algenwachstum und somit für die sogenannte Primärproduktion.

Schlummerndes Problem

Algenblüten können ganze Seen kippen lassen, hohe P-Konzentrationen sind somit ein Fluch statt eines Segens. Im Bodenschlamm gebundener Phosphor stellt zwar kein akutes Problem dar, aber ein schlummerndes. Wenn in tieferen Wasserschichten durch bakterielle Zersetzungsprozesse und mangelnde Zirkulation der Sauerstoff schwindet, wird P freigesetzt, erläutert Thomas Hein. Genau diese Gefahr drohe in der Lobau.

Doch es gibt offenbar eine Möglichkeit, die ökologische Phosphorbombe schrittweise zu entschärfen. Hein und sein Forscherteam untersuchten die längerfristigen Auswirkungen des Projekts "Dotation Obere Lobau", welches seit 2001 die kontrollierte Versorgung des Mühlwasser-Systems mit Frischwasser aus der Neuen Donau über eine Rohrleitung regelt.

Die Studienergebnisse wurden neulich vom Fachblatt Aquatic Sciences publiziert. Sie zeigen einen erfreulichen Trend: Generell führt die Durchströmung zur Ausfuhr von Phosphor, die P-Konzentrationen des abfließenden Wassers sind in den zwei untersuchten Gewässerabschnitten höher als im einfließenden.

Der Export findet allerdings nicht gleichmäßig statt. Vom westlichen Bereich, wo es mehr gebundenen Phosphor im Sediment gibt, fließen größere P-Mengen gen Osten. Im Unteren Mühlwasser werden diese aber zum größten Teil wieder festgehalten. Die Wissenschafter vermuten, dass dies vor allem auf die Filterwirkung der dort dichter wachsenden Wasserpflanzenbestände zurückzuführen ist. Diese sogenannten Makrophyten würden nicht nur Schwebstoffe abfangen, sondern auch verstärkt Phosphor für ihr eigenes Wachstum entnehmen.

Größere Artenvielfalt

Die partielle Wiedereinlagerung stellt kein Problem dar. Zunehmender Makrophytenwuchs sorgt für klareres Wasser und eine größere Artenvielfalt. So kommt ein ökologischer Rückkopplungs- und Verteilungseffekt zustande, der sich auch auf den Phosphorhaushalt positiv auswirkt. "Wir vermeiden so die Spitzen, die zu Algenblüten führen", sagt Thomas Hein.

Im Wiener Rathaus sei man mit den Ergebnissen sehr zufrieden, aus der Bevölkerung käme ebenfalls viel Lob. Die Altarme wirken sauberer und vitaler. Eine Ausweitung des "Dotation"-Projekts auf andere Teile der Lobau ist bereits in Planung. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2009)

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    Nacktbaden, ja bitte: Seit die idyllische Au mit Wasser aus der Neuen Donau versorgt wird, hat die Konzentration der Schadstoffe im Boden noch weiter abgenommen.

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