Krise der Sozialdemokratie

Tony Judt: "Sagen, woraus eine gute Gesellschaft besteht"

20. Oktober 2009, 18:46
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    foto: apa/techt

    Tony Judt: Europäisches Erfolgsmodell hat seine eigene Basis untergraben.

Historiker: Sozialdemokratie muss Rolle des Staates neu überdenken und in der Krise an "schreckliche Alternativen" erinnern

Was lebt und was ist tot in der Sozialdemokratie? Tony Judt zog es vor, die Frage anhand konkreter Beispiele anzugehen. In einem Vortrag am Montag an der New York University stellte der britische, in den USA lehrende Historiker die Vorteile des vor allem in Europa etablierten Wohlfahrtsstaates den Vorbehalten gegenüber, die Amerikaner - und nicht mehr nur sie - beim Begriff "Sozialismus" (der der europäischen "Sozialdemokratie" entspricht) äußern. Das liege nicht nur an terminologischen Problemen.

Judt wird konkreter. Er könnte in Schweden leben, hätte dort einen ähnlich hohen Lebensstandard wie in Manhattan - und keine jährlichen Arztkosten von 100.000 Dollar. (Judt leidet an dem Gehrig-Syndrom, einer degenerativen Nervenerkrankung, die ihn bereits fast vollständig lähmt; die Zuschauer bekommen, sagt er, "the original talking head".) Wohlfahrtsstaat und demokratischer Sozialismus waren vor allem in kleinen, homogenen Ländern erfolgreich; Judt nennt Skandinavien, Österreich und die Niederlande.

Wenn aber das Gefühl der Zugehörigkeit schwindet, wie vor allem in Holland, dann wird auch die Bindung an den Staat schwächer. Mit soziologischen und ökonomischen Kategorien allein sei dieses Phänomen nicht zu verstehen. Für Judt verlieren die sozialdemokratischen Parteien die Vorstellungskraft, wie über öffentliche Angelegenheiten geredet werden soll. In den letzten Jahrzehnten seien sie dazu übergegangen, die gesellschaftlichen Probleme vor allem in Kategorien von Effizienz zu diskutieren: Ist etwas gut fürs BIP? Bringt es Wachstum? Und nicht mehr: Ist es gut, gerecht, fair, moralisch vertretbar?

Das aber, so Judt, ist nicht natürlich, sondern gelernt. Mit dem Kollaps der Ideologien nach dem Ersten und vor allem Zweiten Weltkrieg schlug die Stunde der Theoretiker, die im Fernhalten der Regierung von der Wirtschaft die Lösung sahen: "Von Mises, Hayek, Schumpeter, Drucker, Popper, alle wurden in Wien oder Umgebung geboren, alle wuchsen mit dem Trauma der Zwischenkriegszeit auf." Vor allem in den USA fielen ihre Lehren auf fruchtbaren Boden.

Einer, der aus den vergangenen Katastrophen ganz andere Lehren zog, war Keynes, eben der Vater des Wohlfahrtsstaates. Das Paradox sei nun, dass der Erfolg dieses Modells in Europa seine eigene Basis untergraben habe. Die Menschen hätten sich an die staatlichen Leistungen gewöhnt, die Erinnerung an die Dreißigerjahre sei verblasst, das Gefühl einer kollektiven Verantwortlichkeit - zu der, ja, auch Steuern gehören - habe abgenommen.

Wachsende Ungleichheit

Seit den 1970er-Jahren habe Ungleichheit in vielen Bereichen zugenommen. Die nach Judt nicht eben erfolgreichen Privatisierungen hätten die Loyalität zum Staat weiter untergraben: Einer Autorität, die für die Allgemeinheit wichtige Funktionen privatem Profit überantwortet, begegnet man mit Desinteresse bis Misstrauen. Oder, Judt zitiert Tolstoi: Man gewöhnt sich eben an alles.

Im 20. Jahrhundert war die Sozialdemokratie stets auf der Seite des Fortschritts, mit der Marx'schen Prämisse, dass der immer weiter entwickelte Kapitalismus sowieso den wahren Sozialismus hervorbringen würde. Nachdem diese Prognose spektakulär fehlgeschlagen ist, sollte die Sozialdemokratie ihre Rolle und die des Staates neu überdenken. "Sie müsste neu artikulieren, woraus eine gute Gesellschaft bestehen soll."

Stattdessen seien wir gerade Zeugen, wie die Linke sogar angesichts der Finanzkrise unfähig ist, an die Konsequenzen einer falschen Gesellschaftspolitik zu erinnern. Wenn aber die Sozialdemokratie eine Zukunft hat, "dann als Sprache der Erinnerung an die schrecklichen Alternativen" . Wie schon Orwell im Spanischen Bürgerkrieg schrieb: Er war nicht sicher, ob seine Ziele funktionieren würden. Aber es lohnte sich, für sie zu kämpfen.

Den fast tausend Zuhörern im übervollen Saal war klar, dass sie möglicherweise Zeugen eines intellektuellen Testaments waren. Nicht nur deswegen gab es minutenlangen Applaus für Tony Judt. (Michael Freund aus New York/DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2009)

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19 Postings
Flavio Maffia
00
1.11.2009, 13:35

man könnte sich ja ein Beispiel an der Schweiz nehmen ;-)

Bei uns funktioniert wenigstens die Demokratie und der Sozialstaat noch.

Nein ich muss ehrlich sagen, es war schade, dass Österreich nach dem EU-Beitritt versucht hat ein gegengewicht zur Glasfasertechnik der USA zu bilden...

aber eben, solange die kühe genug Milch produzieren denke ich, kann man nicht viel falsch machen.

benutzername xyz
00
24.10.2009, 22:09
bon

schön, dass man im standard auch mal wirklich differenzierte Meinungen hört...

Der Alte vom Berge
00
21.10.2009, 23:02
Längerfristig Betrachtet...

...werden brennende Barrikaden nicht zu Umgehen sein bleibt Alles wie es Ist. ^^

cheap thrills
01
21.10.2009, 15:21
danke für diesen hoch interessanten und hoch aktuellen artikel.

es sind allerdings gerade, wenn ich an österreich denke, ganze funktionärsschichten in der sozialdemokratie immun gegen die anstrengungen, die ihnen durch selbstreflexion und historisches bewusstsein abverlangt werden.

von der övp gilt ähnliches, die grünen sind "zu jung", und der rest ist schweigen und kronen-zeitung.

1116er
10
21.10.2009, 15:01
Und nicht mehr: Ist es gut, gerecht, fair, moralisch vertretbar?

genau so ist es!

hinzu kommt, dass die sozialdemokratie zumindest in den vergangenen jahrzehnten auch noch direkt für die menschen etwas spürbares tun konnte:
im positiven sinn - sachen wie schulbildung auch für finanziell schwache zu ermöglichen u.v.a.
im negativen sinn - arbeitsplätze zu verteilen ("heast genosse, mei bua braucht a hackn...")

aber bei ersterem ist mittlerweile ein level erreicht, wo es nicht mehr allzu weit nach oben gehen kann.
und bei zweiterem fehlt der sozialdemokratie schlicht die möglichkeit, da wesentlich weniger arbeitsplätze via politische parteien vergeben werden können als es früher der fall war.

powerpack
00
21.10.2009, 14:13
das kurze gedächtnis des volks

die analyse,dass sie die europäer an die vielfältigen leistungen des staates gewöhnt haben ist sicher richtig.leider ist das kollektivgedächtnis vieler länder anscheinend sehr kurz-vielleicht sollte so mancher junge mal bei seinen großeltern nachfragen wie's damals so war ohne soziale absicherung.umgekehrt haben sich die amerikaner wohl an die schreiende ungleichheit im reichsten land der welt gewöhnt.

dieses phänomen ist aber durchaus generell zu bemerken, man sehe nur die jungen frauen die die errungenschaften der emanzipation anscheinend für selbstverständlich halten und selbst wieder in prä-emanzipationszeiten zurückfallen bzw. strömungen unterstützen die dies befürworten. nichtwissend was ihre großmütter noch mitgemacht haben...

sitting bull
06
21.10.2009, 12:28
sagen, woraus eine gute gesellschaft besteht...

...endlich sagt jemand auf den punkt genau, um was es jetzt hinsichtlich der zukunft geht: um eine klare gesellschaftliche ethik. um eine klare ethische ausrichtung der gesellschaft. da kann es nicht angehen, dass eine gesellschaftliche gruppe für sich den absolutheitsanspruch stellt und verlangt, dass sich jeder mensch, die gesamte natur und alle themen sich ihren privaten zwecken und zielen unterordnen und fügen. wir brauche eine gesellschaftliche ethik, die allen menschen und der natur ein würdiges existenzrecht anerkennt - und eine politik die dieses recht umsetzt. wer fordert, dass die allgemeinheit alleine für ihn, seine gruppe, und/oder sein unternehmen zu parieren hat, ist nicht zukunftsfähig.

Außerirdischer
02
21.10.2009, 14:44
Ich gebe Ihnen grün, möchte aber etwas anmerken:

Als philosphisch interessierter Mensch möchte ich einen ethischen Staat, auf den ich stolz sein kann.

In der Praxis hat aber jede gesellschaftliche Gruppierung natürlich auch Partikularinteressen.

Der gesellschaftliche Wandel ist so schnell, dass ich ZB als ''Neuer Selbständiger'' für die SPÖ ein ''feindlicher Unternehmer'' bin und nicht ein ''prekär Beschäftigter'', den es auch zu vertreten gilt.

Als ''prekär Beschäftigter'' im Kunstbereich werde ich aber auch nicht von ÖVP, oder Wirtschaftskammer vertreten. Die Grünen vertreten allgemeine Menschheitsideale, aber nicht mich als ''Hetero- Ein-Personen-Unternehmer-ohne Migrationshintergrund"

Ehtik und Moral müssen sich aus meiner Sicht auch beim einzelnen Lebewesen bewähren!

Phryx Sodalis
10
21.10.2009, 06:17

Die Lehren, die man aus dem 20. Jahrhundert ziehen kann, sollte man immer im Gedächtnis behalten, aber Lösungen müssen an die Probleme der Gegenwart und Zukunft angepasst werden. Gusenbauer hat versucht, sich als 2. Kreisky zu positionieren, da hilft es aber nicht, Altes aufzuwärmen und selbst nicht (ausreichend) innovativ zu sein. Ein Großteil der SPÖ lebt in der Vergangenheit, in ihren Zeitschriften wird fast ausschließlich über Personen von vor 80, 90, 100 Jahren berichtet. Interessant, aber es hilft für die Gegenwart nichts.

powerpack
00
21.10.2009, 14:21

da frage ich mich aber schon wo die "zukunftskonzepte" der parteien sind,die derzeit so großen anklang finden. ich kann weit und breit nur alte konzepte erkennen.

im übrigen haben die sozis in letzter zeit in etlichen europ. staaten schöne erfolge erreichen können (norwegen, griechenland, portugal, deutschland's linkspartei, island,) ganz so schlimm steht's daher auch wieder nicht (außerhalb von Ö).

Phryx Sodalis
00
21.10.2009, 23:50

Ich habe ja nichts anderes behauptet, als dass derartige Konzepte fehlen.

In Deutschland haben SPD, Grüne und Linke zusammen 5% verloren, was daran großartig sein soll, erschließt sich mir nicht.

wurzen sepp
 
06
20.10.2009, 23:38
es ist immer erfrischend,

wenn mal ein wirklich gscheiter mensch was sagt.

max mayer
22
20.10.2009, 23:01

Wenn aber die Sozialdemokratie eine Zukunft hat, "dann als Sprache der Erinnerung an die schrecklichen Alternativen" .

Sicher nicht. Ich glaube, dass keine Partei Zukunft hat, wenn sie nur in die Vergangenheit blickt. Merkt man ja gerade jetzt an der SPÖ.

Robert Paladin
02
20.10.2009, 21:05
Ist es wirklich oft so, daß es einem Menschen

schlecht gehen muß, daß er diese Dinge richtig versteht. Nicht nur, aber auch. Denen denen es gut geht die wollen natürlich nichts ändern. Das ist in Ländern wie Mexiko so wo ich zur Zeit lebe, wo es 10% gibt denen fast alles gehört und die Reichtümer haben, wovon auch die Reichen in Österreich nur träumen können. Andererseits gibt es 40% Arme und eine Mittelschicht die sich so von Tag zu Tag doch schon mit einigem Konsum und vor allem viel Krediten über Wasser hält. Sein Kommentar paßt auch genau zur Situation in Österreich. Die Sozialisten haben 2x klar gewonnen nur sie verdienen die Siege nicht. Sie haben keine klaren Konzepte, arrangieren sich sehr mit den Schwarzen gehen zu viele faule Kompromisse ein. Der Wähler liefert die Quittung.

pez derflotte
00
20.10.2009, 22:14
ergo

darf man nicht die spö wählen, weil je weniger stimmen sie haben, desto besser können sie regieren und umso weniger kompromisse müssen sie eingehen...
oder hab ich da was falsch verstanden?

mein Deutschprofessor
00
20.10.2009, 22:37

wenn Sie die FPÖ wählen dann haben Sie was falsch verstanden!

chiwato
01
20.10.2009, 20:06
ein kluger

mensch. ein klares wort. eine seltenheit.

freigedacht
02
20.10.2009, 19:31
weder in der sozialdemokratie

noch in irgendeiner anderen partei in österreich gibt es visionen -
sei es, dass die visionär/innen zu schwach sind um gehört zu werden, sei es dass unsere volksvertreter vor der ökonomisierung aller sozialen bereiche erstarren, wie das kaninchen vor der schlange.

den herausforderungen der zukunft werden wir so noch gewachsen sein, denn sowohl die wirtschaftlichen als auch die gesellschaftlichen belange sind im umbruch und in so einer situation brauchen wir keine besitzstandsbewahrer sondern menschen mit ideen und tatkraft

freigedacht
02
20.10.2009, 19:49
den herausforderungen der zukunft werden wir so nicht gewachsen sein,

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