Euro-Stärke ein "Desaster"

Europa fürchtet negative Auswirkungen des schwachen Dollar auf die Eurozone und will die USA und China in die Zange nehmen

Luxemburg/Paris - Den Finanzministern der Euro-Länder und der Europäische Zentralbank (EZB) geht die derzeitige Stärke des Euro nun doch zu weit. Sie fürchten, die Erholung der Konjunktur könne durch Währungsturbulenzen behindert werden. Nach einem Treffen in Luxemburg warnte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet, zu starke Ausschläge der Wechselkurse schadeten der Wirtschaft: "Die überzogenen Schwankungen und die ungeordneten Bewegungen auf den Devisenmärkten sind voller negativer Auswirkungen auf die wirtschaftliche und finanzielle Stabilität."

Die europäische Gemeinschaftswährung hat sich zum Dollar seit März um rund 20 Prozent auf Kurse von knapp 1,50 Dollar verteuert. "Das ist ein Problem, das uns beschäftigt", sagte der luxemburgische Finanzminister und Vorsitzende der Euro-Gruppe, Jean-Claude Juncker. Darin seien sich die Mitglieder der Euro-Gruppe einig. Deutlicher wurde der Berater von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, Henri Guaino. Ein Kurs von 1,50 Dollar zum Euro sei ein Desaster, erklärte er. Und: Die Abwertung sei eine Folge der US-Politik, die ihren Schuldenberg weginflationieren wolle.

Umso größer ist die Aufmerksamkeit, mit der die Euro-Gruppe die Ankündigungen der US-Regierung zu ihrer Dollar-Politik verfolgt. Der Euro setzte am Dienstag seinen Höhenflug fort und kostete 1,4958 Dollar gegenüber 1,4903 Dollar am Freitagabend.

Als problematisch gilt zudem die Aufwertung gegenüber der chinesischen Währung, weil sie weitgehend an den Dollar gekoppelt ist. Die von internationalen Experten konstatierte Unterbewertung des Yuan wird durch die jüngste Kursentwicklung ausgeweitet. Trichet, Währungskommissar Joaquín Almunia und Juncker, wollen noch vor Jahresende nach China fahren, um mit der Pekinger Führung über die Währungsproblematik zu sprechen. Allerdings haben vergleichbare Ansinnen in der Vergangenheit kaum Früchte getragen.

Wie stark die Euro-Stärke die Wirtschaft beeinträchtigt, darüber zirkulieren diverse Schätzungen. Die US-Bank Goldman Sachs hat berechnet, dass die zehnprozentige Aufwertung des Euro gegenüber einem Korb von Währungen wichtiger Handelspartner das Wachstum um einen Prozentpunkt bremse. Bestätigt sich diese Prognose, könnte Europa deshalb weiter in der Rezession steckenbleiben.

Umgekehrt werden für Verbraucher dadurch unter anderem Reisen in die USA und Einkäufe in den Vereinigten Staaten billiger. Das schlägt sich wiederum negativ auf die Handelsbilanz der Eurozone nieder und schwächt überdies den Konsum am Heimmarkt.

Exportindustrie unter Druck 

Wie stark die exportorientierte Industrie unter dem Währungsgefälle leidet, untermauerten zuletzt mehrere Konzerne. BMW etwa rechnet heuer mit Belastungen im niedrigen dreistelligen Millionenbereich. Für den Luftfahrt- und Rüstungskonzern EADS gilt die Faustregel, wonach ein Fall des Dollar um zehn Cent eine Milliarde Ertrag kostet. Folge dieser Einbußen sind verstärkte Auslagerungen in den Dollarraum, was die europäische Wirtschaft zusätzlich schwächt. Auch Ökonomen betrachten die Entwicklung zusehends skeptisch: Die deutsche Exportwirtschaft sei davon aktuell stärker betroffen als noch vor vier oder fünf Jahren, erklärte Rolf Langhammer, Vizepräsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel der Süddeutschen Zeitung.

Optimistischer ist der deutsche Branchenverband BGA, der mit einer Verbesserung der Exportumsätze im kommenden Jahr um zehn Prozent rechnet. (Reuters, dpa, as, DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2009)

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