Schriftsteller Robert Menasse

"Das ist blanker Rassismus"

20. Oktober 2009, 18:25
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    foto: matthias cremer/der standard

    Robert Menasse: "Es gibt das Wissen jedes einzelnen Menschen, dass niemand aus Jux und Tollerei unter meist harten Bedingungen aus seiner Heimat in die Fremde flüchtet."

Der Schriftsteller Robert Menasse ist prononcierter Gegner der Asyl- und Fremdenrechtsnovelle, die heute im Parlament beschlossen wird - Er sieht austrofaschistische Kontinuitäten

Standard: Vielen Beobachtern des Geschehens ist die Asylnovelle „zu kompliziert". Sie hingegen treten als Schriftsteller und politisch denkender Mensch gegen das neue Gesetz auf. Warum?

Menasse: Weil es gar nicht so kompliziert ist, sondern im Gegenteil ganz einfach. Es gibt die Menschenrechtskonvention, es gibt internationale Standards für asylsuchende Flüchtlinge. Es gibt das Wissen jedes einzelnen Menschen, das niemand aus Jux und Tollerei unter meist harten Bedingungen aus seiner Heimat in die Fremde flüchtet. Doch seit 15 bis 20 Jahren werden die Standards, die von Menschenrechtskonvention und Flüchtlingscharta vorgegeben sind, in Österreich systematisch unterboten und zurückgeschraubt. Sie werden in ein System von Demütigungen, Erniedrigungen und Drangsalierungen umgewandelt. Das geht bis hin zur Todesfolge, etwa bei Abschiebungen oder in der Schubhaft. Wenn die Formulierung der entsprechenden Gesetze also immer komplizierter wird, hat das einen guten Grund: man soll sie immer weniger durchschauen. Die blanke Unmenschlichkeit soll sich hinter komplizierten Gesetzestexten und bürokratischen Abläufen verstecken können.

Standard: Ist das in Österreich besonders krass oder steht diese Entwicklung in einem gesamteuropäischen Kontext?

Menasse: Das  interessiert mich nicht. Ich bin Österreicher und lebe in Österreich. Wäre ich Deutscher, Engländer oder Albaner müsste ich auch an meinem Lebensort anschauen, wie Menschen behandelt werden. Wir sind hier zu Hause und es wird hier systematisch Menschenrecht gebrochen. Das ist eine Entwicklung, an deren Ende niemand mehr Ausländer wird sein müssen, um unmenschlich behandelt zu werden. Auch der österreichische Pass wird schon bald nicht mehr vor Menschenrechtsverletzungen schützen.

Standard: Wie das?

Menasse: In Österreich werden schon heute Arbeitslose, geringfügig Beschäftigte, Working Poor, alleinerziehende Mütter - also Menschen, die so wenig haben, dass sie finanzielle Beihilfen bekommen müssen, um über die Runden zu kommen - als Schmarotzer dargestellt. Es ist da eine Diskussion durch die vielgelobte Rede von Vizekanzler Josef Pröll eröffnet worden, dass sie Arbeit angeblich nicht mehr lohnt, weil Menschen, die nicht arbeiten, oder nicht so tüchtig wie die Großverdiener sind, auch etwas bekommen. Ich finde, das ist Verhetzung .

Standard: Sie meinen, dass sich die gesamte österreichische Gesellschaft ins Autoritäre und Ausgernzende hinein entwickelt?

Menasse: Ja, das ist die Tendenz. Wenn es heute genügt, als unbescholtener Mensch in Schubhaft, also ins Gefängnis zu kommen, weil man den falschen Pass, den falschen Geburtsort, die falsche Hautfarbe hat, so ist das blanker Rassismus.

Standard: Dem entgegnen Innenministerium, Fremdenpolizei - und die meisten Österreicher wohl auch - dass es nötig sei, Menschen, die kein Aufenthaltsrecht mehr in Österreich haben, dingfest zu machen, um sie außer Landes zu bringen. Was sagen Sie dazu?

Menasse: Wer das sagt, den möchte ich fragen, was er empfinden würde, wenn er unbescholten und unschuldig in Haft genommen wird. Dann würde er das wohl anders sehen. Zudem hat Österreich eine derart beschämende Geschichte, was Verfolgung und Vertreibung betrifft, und hätte daher immer noch genug gutzumachen. So wie etwa 1938 Österreicher flüchten und Asyl in anderen Ländern suchen mussten, um ihr Leben zu retten, müssen heute Menschen zum Beispiel aus Afghanistan oder aus Tschetschenien flüchten. Ich kann nicht begreifen, warum gerade so viele Österreicher das nicht begreifen.

Standard: Ist die von Ihnen geschilderte Ausgrenzungspolitik in Österreich europaweit besonders krass?

Menasse: Österreich hat eine besonders intensive, fest verwurzelte Tradition im Untertanenstaat und im autoritären Staat. Die Demokratie kam sehr spät, in Zeiten der konstitutionellen Monarchie existierte sie nur sehr rudimentär. Dann gab es ganz kurz die Erfahrungen der Ersten Republik, die sofort wieder in den autoritären austrofaschistischen Ständestaat gekippt ist. Dann kam der Nationalsozialismus - und erst dann die von den Alliierten geschenkte Demokratie, die nie erkämpft wurde. Mit Demokratie, die man sich nie erkämpfen musste, geht man offenbar leichtfertiger um, das ist das österreichische Problem. Dabei sollte ja beispielsweise in Wien die Erinnerung daran existieren, dass diese Stadt immer ein Schmelztiegel von Zuwanderern war, dass der Wiener eine Promenadenmischung ist. Wenn er sich jetzt zur Herrenrasse aufwirft, hat das eigentlich etwas unsäglich Lächerliches.

Standard: Warum Rasse? Derzeit wird doch vielmehr in Begriffen wie Asylmissbrauch und Einwanderungsstopp gesprochen?

Menasse: Aber dahinter steht die Mentalität, dass man  Herr sein will, etwas Besseres, anderen überlegen - und dafür braucht man eben andere, über die man sich erheben, auf die man treten kann. Aber der Untertan braucht fürs Herrisch-Sein die Zustimmung der Obrigkeit. Darum will er immer mehr Gesetze, die ihm seine Entmenschtheit als rechtens zugestehen. Es geht in Wirklichkeit nicht darum, den Missbrauch des Asylgesetzes zu verhindern. Es geht nur darum, der Xenophobie einen gesetzlichen Rahmen zu geben. Fragen Sie die Menschen, die freiheitlich wählen, die Menschen, von denen sich die Sozialdemokratie bei der nächsten Wahl die Stimmen erhofft. Denen geht es überhaupt nicht um die Verhinderung von einigen wenigen Fällen von Asylmissbrauch, sondern um: „ALLE Ausländer raus!" Diesen Alltagsfaschismus gilt es zu brechen, zumal wenn man politischer Mandatar ist, statt zu sagen: die Österreicher sind halt so. Ich bin davon überzeugt, dass die Sozialdemokratie für die Armseligkeit, mit der sie ihre Krise auf dem Rücken der Allerärmsten stabilisieren oder lösen will, schwer bestraft werden wird.

Standard: In einem Essay haben Sie geschrieben, dass bisher eher die nationalsozialistische, nicht aber die austrofaschistische Vergangenheit Österreichs aufgearbeitet wurde. Kommen die autoritären Tendenzen daher?

Menasse: Ich bin davon überzeugt, weil die Fremdenfeindlichkeit in Österreich mit dem Slogan „Österreich zuerst" konnotiert ist. Das war kein Nazislogan, sondern eine austrofaschistische Losung.  Die Verachtung, die Vertreibung, das Herumtrampeln auf der Menschenwürde anderer, die Spaltung der Gesellschaft, diese spezifische Form des Teilens und Herrschens, wie es mit dieser Asylnovelle auch wieder intendiert ist, ist austrofaschistische Machttechnik. Die Austrofaschisten haben nie vergast, sie haben gespalten, vertrieben, gedemütigt. Also ausgrenzen statt vernichten. Deshalb ist mentalitätsgeschichtlich der Austrofaschismus viel virulenter und die Nazinostalgiker werden sozusagen konspirativ blinzelnd mit hineingenommen. Die Nachkommen der Austrofaschisten wissen, dass der dritte Nationalratspräsident, der Herr Graf, keine KZs mehr aufbauen kann, aber beim Ausgrenzen und Spalten ist er hilfreich. Daher gibt es diese Allianz, daher gab es die Koalition von Schüssel und Haider. Die Gefahr ist auch heute der Austrofaschismus - und Gesetze wie das neue Fremdenrecht schöpfen aus diesem Ungeist. Löschnak war ein Schneeball, Strasser war schon ein Schneebrett und die Fekter ist eine Lawine.

Standard: Ist ein solcher Faschismusvergleich heute wirklich stichhaltig? Setzt man sich da nicht dem Vorwurf des Alarmismus aus, so wie während Jörg Haiders Aufstieg vor 23 Jahren?

Menasse: Nein - die Situation ist kniffliger als damals. Erstens sind die Symptome heute radikaler. Der Rechtsextremismus war während Haiders Aufstieg Opposition, heute ist sie Regierungspolitik. Zweitens: Martin Graf als Parlamentspräsident ist schlimmer als Kurt Waldheim. Denn Waldheim wollte nichts so sehr wie einen Schlussstrich ziehen, wollte mit der Nazizeit nichts mehr zu tun haben. Aber Präsident Graf hängt der Nazizeit immer noch nach. Und drittens war der Widerstand gegen den Rechtsruck damals viel größer, jeder in Österreich, der lesen und schreiben kann, ist aufgestanden und hat protestiert. Heute ist die Opposition durch Gewöhnungseffekt und Erschöpfung gelähmt.(Irene Brickner, DER STANDARD Printausgabe, 21.10.2009)

 

 

ZUR PERSON:
Robert Menasse (55) hat unter anderem Bücher zur politischen Befindlichkeit Österreichs verfasst.

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 937
Alexander Patjomkin
00
10.2.2010, 10:35
Der heftige Streit zwische den Fronten ist darauf zurück zu führen,

dass es eigentlich zwei Österreichen gibt, mit zwei unterschiedlichen Wahrheiten. Das eine von der gehobenen Klasse, die vor der unmittelbaren Auswirkungen der unkontrollierten Zuwanderung
verschont bleibt, und das andere, das des einfachen Volkes, die dann mit allen Konsekvenzen brutal abgestraft werden.

KHG - die reine Unschuldsvermutung
00
bertl du fehlst uns

das interview ist ja vom oktober 09

so lange hast du uns österreichern nicht den guten weg gezeigt

das kann ich fast nicht glauben

victor lazlo
01
Menasse konnte nicht ahnen ...

... das dieses Gesetz im Frühjahr 2010 noch weiter verschärft werden würde.

Etwa so wie viele ÖsterreicherInnen 1933 noch nicht geahnt haben, was ihnen - dank Austrofaschismus - noch bevorsteht.

Richard III
34
21.12.2009, 00:21
In erster Linie oberflächlich und polemisch- leider

Ich verstehe als historisch gebildeter Mensch absolut nicht, dass Österreich etwas "gut zu machen" hat. Es ist einfach nur absurd, dass mit dem historischen Argument der Nazi-Zeit heute beschlossene Gesetze abgewogen werden sollen!

Mit dieser Logik müssten z.B. die USA ein nicht ansässiges Volk massenhaft einwandern lassen und diesem Volk Land zur Selbstverwaltung zur Verfügung stellen, um die Vernichtung der indigenen Kultur wieder "gut zum machen".

Völlig abgehoben und abstrus wird Menasse, wenn er allen Ernstes "Herrenmenschentum" dahinter erkennt, wenn etwas strengere Asylgesetze beschlossen werden.


LG,

R

KHG - die reine Unschuldsvermutung
10
mit menassischer logik kann man alles hinbiegen

peter56
 
71
2.11.2009, 17:32
Tja, jetzt haben sich da einige ausgetobt.

Und anscheinend gehts denen jetzt besser.
Auch gut.

Ottakringer zisch...
011
3.11.2009, 17:46
vermutlich hat einfach keiner mehr interesse an ihren monologen.

für mich durchaus nachvollziehbar.

stefano krienberg
13
5.11.2009, 05:14
Das allerdings, stimmt!

peter56
 
30
3.11.2009, 21:48
Komisch.

Es geht ja darum, daß andere das letzte Wort haben müssen.
Aber Sie haben insoferne recht: Das liegt net unbedingt am Interesse an meinen Inhalten....

fabrikant
04
2.11.2009, 19:24

geht´s dir endlich besser ?

quietsch!
35
1.11.2009, 20:03
Mir ist egal WAS oder WENN der als WAS oder WENN bezeichnet!

Miz einer arroganten bornierden Selbstverständlichkeit verlangt er nämlich das sich hier einer kollektive Minderheit, den demokratischen Willen bewusst negierten, aufschwingt!
Ich habe mitegeteilt dass ich STOLZ darauf bin dass meine ELTERN mir die Grundwerte zivilisierten Zusammenlebens, Bildung und die deutsche Sprache beigebracht haben!

quietsch!
02
2.11.2009, 22:40
@desdemoae: Es handelt sich hierbei um Originalzitate aus mir unverständlichen postings, die etwas weiter unten zu finden sind!

Ich kanns leider auch nicht übersetzen!

peter56
 
83
2.11.2009, 17:31
Also ich meine, man kann höchstens FROH sein darüber

daß einem was beigebracht wurde.
Aber STOLZ auf etwas zu sein, was ANDERE geleistet haben - da seh ich echt ein Problem der eigenen Wertschätzung...

Mit dem STOLZ auf die Leistung ANDERER beginnt nämlich der Faschismus...

w.p. r
02
3.11.2009, 17:39

Ich bin stolz auf meine Tochter.

Bin ich gefährdet? Immerhin hab ich auch nichts zu ihrem erfolgreich abgeschlossenen Studium beigetragen ...

m.p.1
00
3.11.2009, 19:10

Ich bin auch EXtrem stolz auf meine beiden Kinder.

Sie haben ebenfalls erfolgreich ein Studium abgeschlossen.

Dann muss diese These der Unterstellung etwas schräg sein.

peter56
 
21
3.11.2009, 21:46
Falsch.

Auf Ihre Kinder könnens ja stolz sein, denn es ist sehr wohl eine Leistung der Eltern, wenn diese sich gut entwickeln können.
Vielleicht solltens noch mal lesen, was ich geschrieben habe ?
:)

miraculix66
 
03
12.11.2009, 09:39

und die kinder dürfen auf ihre eltern nicht stolz sein, dass sie ihnen vieles ermöglicht haben? man darf auf seine vorfahren nicht stolz sein, wenn die viel geleistet haben? vielleicht gibts auch sowas wie vorbildwirkung? sie müssen ein gan schönes desaster in ihrer familienchronik beisammen haben...

peter56
 
11
12.11.2009, 10:49
Sie "dürfen" auf alles stolz sein,

Auf die Leistungen der Ägypter, der Chinesen, der Araber aus der Vergangenheit der Geschichte, deren kulturellen Leistungen die Grundlage unserer Zivilisation sind, auf der auch unsere unmittelbaren Vorfahren aufgebaut haben, es fragt sich nur, was SIE dazu beigetragen haben, was es also ist, worauf SIE stolz sein könnten...

Ich FREU mich darüber, daß meine Eltern mir soviel mitgegeben haben, wüßte aber beim besten Willen nicht, worauf ICH (und nicht meine Eltern) STOLZ sein könnte auf DEREN Leistung.
hab aber zugegebenermaßen nicht erwartet, daß SIE es kapieren...
:)

ch hoffe, Sie genieren sich auch für alle Fehlleistungen und Verbrechen so mancher Vorfahren... ich mein, wenns schon auf die tollen Leistungen derer stolz sind...

desdemoae
00
2.11.2009, 10:05

könnens das übersetzen?

quietsch!
42
24.10.2009, 01:15
miz einer arroganten bornierden.....

Was wollen Sie uns damit sagen?

T-Minus1
522
25.10.2009, 16:34
UNS

authentisch falsch, MIR wäre richtig. Sagt aber schon einiges über Sie und die angesprochen Problematik auf. Nämlich das sich hier einer kollektive Minderheit, den demokratischen Willen bewusst negierten, aufschwingt um für eine schweigende Mehrheit zu sprechen. Klartext: der österr. Staatsbürger hat stillschweigend, wohlwollend ( und zwar im JEDEN einzelnen Fall) und unterwürfig jene Asylantenpolitik hinzunehmen die jene Minderheit formuliert. Denn, und nochmals, jener asylsuchende %-Satz welcher tatsächlich an Leib und Leben bedroht ist minimal und alles andere ist, und nochmals, SCHEIN-ALSYLANTENTUM, --- und dessen Legalität will man uns suggestiv gebetsmühlenart glaubhaft machen.

codo der vierte
134
26.10.2009, 16:34
ich würde vorab

einen deutschkurs empfehlen...

peter56
 
255
25.10.2009, 19:38
Es gibt kein "Scheinasylantentum"

Und Menschlichkeit abzulehnen mag Ihr Recht sein, ich erlaube mir trotzdem, Unmenschlichkeit zu verurteilen und Menschen, die andere ungerecht, ungleich und diskriminierend zu behandeln richtig finden als Charakterschweine zu bezeichnen.
Mit Leuten wie Ihnen will ich nicht zusammmenleben müssen. Denn Sie wären an der Spitze derer, die auch mich benachteiligen wollten, weil ich Ihre Charakterschwäche entlarve.

peter56
 
31
27.10.2009, 13:28
an miraculix66 :

Nur weil ein Lexikon das von Ihnen selbst als abwertende Schimpfwort "Scheinasylant" erkannte Wort erklärenderweise abgedruckt hat, ist wirklich kein Beweis dafür, daß es sowas auch wirklich gibt....

oijoijoijoi, miraculix....
Aber für einen, der Menschen, vor denen er Angst hat, die für ihn Gefahr darstellen, eben diffamieren will, ist sowas ein berechtigter Begriff, gell ?

Centerfold ( der )
24
27.10.2009, 11:27
Sie haben doch versprochen nicht mehr zu posten...gilt Ihr Wort denn gar nichts?

Sie schaden sich mit Ihrem ewigen wehleidigen Rumsudern doch nur selbst, seelisch. Das verstärkt und verlängert die Ihnen innewohnende Qual doch nur unnötig.

Gehen S' a bissl spazieren, legen Sie sich einen Hund zu. Einen kleinen.

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