Die vielen Gesichter von Benita Ferrero-Waldner

20. Oktober 2009, 17:51
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Von der Staatssekretärin zur anerkannten EU-Außenkommissarin: Urteile reichen von "Löwin" bis "elitär abgehoben" zu "über die Grenzen hinaus anerkannt"

Straßburg - Wenn die SPÖ die hohen Qualitäten von Benita Ferrero-Waldner überschwänglich betont ("genießt über die Landesgrenzen hinaus Anerkennung" ), ist das nicht ohne Pikanterie. Ein Blick ins Archiv beweist es. Archive, heißt es, sind der Feind vordergründiger populistischer Politiker.

Im Jahr 2004 findet man ganz besonders viele Einträge zur heute 61-jährigen EU-Außenkommissarin. Da wurde die gebürtige Salzburgerin vom schwarz-blauen Kanzler Wolfgang Schüssel für Brüssel nominiert: Die VP "will offenbar keinen starken EU-Kommissar", mokierte sich etwa Josef Cap im Juli. Derselbe Cap höhnt nun die VP wegen ihres Neins zum Vorstoß von Kanzler Werner Faymann.

Nur Wochen zuvor hatten die SP-Frauen noch eine Kampagne gegen Ferrero-Waldner im Rennen um das Bundespräsidentenamt mit Heinz Fischer lanciert: "Frau sein ist nicht genug." Aber das ist archivmäßig nicht der Gipfel roter Doppelbödigkeit in Bezug auf die "Löwin" aus Zeiten von Schwarz-Blau: "Elitäre Abgehobenheit" sei das Kennzeichen der Außenkommissarin, schleuderte SP-Europasprecherin Elisabeth Grossmann ihr 2008 entgegen. Anlass: Ferrero-Waldner hatte aus ihrem Herzen keine Mördergrube gemacht, was sie von einem unterwürfigen Brief zweier SP-Spitzen an Krone-Herausgeber Hans Dichand hielt: "Ich schäme mich für Österreich."

Der Brief an Dichand

Das war auch unzutreffend. Sie hätte sagen müssen, sie schäme sich für Kanzler Alfred Gusenbauer und SP-Verkehrsminister Werner Faymann. Die hatten den Brief zum Kurswechsel der SP in der Europapolitik - Stichwort Volksabstimmungen - geschrieben.

In Sachen Europa kannte sie nie Zweifel: Sie "brennt" für die EU. Die Folgen sind bekannt: Ein gewisser Wilhelm Molterer, den die SP nun unbedingt verhindern will, sagte daraufhin "Es reicht!" , die Koalition war zu Ende, Faymann wurde Kanzler. Allein das zeigt schon, wie stark die Bedeutung Ferrero-Waldners in der österreichischen Politik seit 1995 gestiegen ist. Damals wurde die studierte Juristin, die erst über einen Umweg zur Diplomatie kam, von Außenminister Wolfgang Schüssel zur Staatssekretärin gemacht. Zuvor war sie Protokollchefin bei der Uno in New York.

Sie galt als politisches Leichtgewicht, aber als extrem loyal, fleißig, diszipliniert, eine elegante Erscheinung, die fließend fünf Sprachen spricht und mit einem spanischen Literaturprofessor verheiratet ist. Als Schüssel 2000 Kanzler wurde, rückte sie als Außenministerin nach, blieb bis 2004.

Erst mit dem Wechsel nach Brüssel trat sie aus dessen Schatten, gewann an Statur. Echtes Ansehen in Europa (und bei Kommissionschef José Manuel Barroso, der sie sehr schätzt) gewann sie, als sie 2007 bulgarische Krankenschwestern aus den Kerkern von Libyens Diktator Muammar Gaddafi befreite. Die Dame hat Kämpfernatur. Aufgeben ist ihre Sache nicht. (tom/DER STANDARD-Printausgabe, 21.10.2009)

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    Eiserne Disziplin, Eleganz, Fleiß, Leidenschaft für die EU sind die Eigenschaften, die Ferrero-Waldners Karriere durchziehen.

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