Gepiercte Kondome und die Folgen

19. Oktober 2009, 21:49
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In der "Lindenstraße" ist die 14-jährige Caro schwanger – Deutschlands erste und längste "Soap Opera" verliert auch bei solchen Themen nicht die Haltung

Was dem einen sein Tatort ist der anderen ihre Lindenstraße. Seit über 20 Jahren begleitet Deutschlands erste Soap Opera, wie sich die Lindenstraße inzwischen gerne neudeutsch nennt, die Höhen und Tiefen der BewohnerInnen der Lindenstraße und das Leben ihrer Fans als - ja - Ersatzfamilie.

Sozialkritisches Schauen in den deutschen Mittelstand geht natürlich leichter beim Tatort, der keine Vorkenntnisse erfordert und jeden Sonntag Abend neu beginnt. Bei der Lindenstraße, die inzwischen schon über 1200 Folgen auf dem Buckel hat, ist das schon weit schwieriger - aber durchaus lohnenswert!

Treue wird bei der Lindenstraße jedenfalls belohnt. Erst mit dem langjährigen Zusehen kann mensch die Dramatik der Entscheidungen gebührend beurteilen und die schleichenden Veränderungen oder auch Konstanten in den Charakteren von Klausi Beimer, Momo Sperling oder Lisa Dagdelen schätzen lernen. Ersterer, der sich vom jugendlichen Neo-Nazi zum linken Aufdeckerjournalisten gewandelt hat und jetzt in der prekären Welt der Medienarbeit angelangt ist. Oder Momo Sperling, der jahrelang in der Psychiatrie saß, weil er seinen Vater aus Eifersucht umgebracht hatte, nun fertig studierter Psychologe ist und "immer noch ein Problem mit Frauen hat", wie seine Ex Iffi Zenker entschuldigend betont. Schließlich Lisa Dagdelen, die sich von ihrer herrischen Mutter zwar befreit hat, nun aber ein Heile-Familie-Syndrom hat und als glühende Islam-Konvertitin selbst ihren türkisch-deutschen Ehemann Murat mit ihren strengen Ansichten nervt.

Den sozialen Sprengstoff in Deutschlands Mehrheitsgesellschaft lassen die DrehbuchautorInnen der Lindenstraße nicht aus, sie zelebrieren ihn. Mit dem ersten Fernsehkuss eines schwulen Pärchens Mitte der 1980er hat sie BRD-Fernsehgeschichte geschrieben, wenige Jahre später starb Familienvater Benno Zimmermann (Ehemann von Gabi Zenker) an Aids. Jüngst hielten die Terrorpläne des zum Islamisten mutierten Timo Zenker die Lindenstraße in Atem. Und ganz aktuell: Das Thema Abtreibung stellt die Frauen der Lindenstraße vor schwere Entscheidungen.

Gleich zweimal innerhalb eines Jahres geht es nun schon um ungewollte Schwangerschaften. Das will was heißen für die Serie (in der Abtreibung mit dieser Phase meines Wissens nach das Erste mal vorkommt, ansonsten bitte korrigieren) und ganz sicher für die Debatte um reproduktive Rechte in Deutschland. Letztes Jahr war es Iffi Zenker, die als Mutter zweier Kinder aus Überlastung und beruflichen Gründen eine Abtreibung machen ließ. Die inzwischen katholisch gewordene Stiefmama Gabi Zenker war entsetzt, stellte sich dann aber hinter ihre Stieftochter mit den Worten: "Nichts ist so schlimm wie ein Kind zu verlieren". Naja.

Jetzt gerade schlägt sich die erst 14-jährige Caroline Stadler (im Bild ganz rechts) mit einer ungewollten Schwangerschaft herum. Zu verdanken hat sie den Salat ihrer besten Freundin Lea, die aus Eifersucht vor dem jungen Glück von Caro und Niko die Kondome mit einer Stecknadel gepierct hat. Caro will abtreiben, zur Not auch ohne das Einverständnis der Eltern. Opa Stadler, ein Alt-68er mit ausgeprägtem Hass für das bayrische Spießertum, scheint der Einzige zu sein, der auf der Seite seiner Enkelin steht. "Ja genau, mei bauch ghärt mia," hört man ihn durch die Wohnung plärren. Aber gilt das auch schon für eine 14-Jährige?

Genau deshalb ist es so eine Freude, die Lindenstraße zu schauen, weil sie auch als Seismograph zu aktuellen gesellschaftspolitischen Fragen funktioniert. Gleichzeitig muss frau aber auch nicht auf Herz, Schmerz und Drama verzichten. Ob sich zwischen Angelina Buchstab und Momo eine Romanze anbahnt ist für Lindenstraße-Fans genauso ein Thema wie der Umgang des Journalismus mit dem Privatleben von PolitikerInnen.

In der letzten Folge hat sich Caro in letzter Sekunde doch gegen den Eingriff entschieden. Der Vater, Niko, will immer für sie da sein, hat er in der Abtreibungsklinik versprochen. Wir können uns darauf verlassen, dass die Lindenstraße ein waches Auge auf das "Zigaretten-Bürscherl junior" haben wird. (Ina Freudenschuß, dieStandard.at, 20.10.2009)

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